Shoan Vaisi kandidiert für die Linke in Nordrhein-Westfalen – und könnte als erster Geflüchteter in den Bundestag einziehen. Quelle: privat

Shoan Vaisi könnte als erster Geflüchteter in den Bundestag einziehen: „Thema Flucht soll ein Gesicht haben“

„Kein Mensch ist illegal.“ Es ist ein Satz, den man von Aufklebern an Straßenlaternen oder auf Laptops kennt, manchmal auch von Wahlplakaten, etwa der Linken. Ein Satz, der für einen menschlichen Umgang mit Geflüchteten und Asylsuchenden wirbt. Doch für Shoan Vaisi ist es mehr als nur ein Satz –der 31-Jährige verbindet damit Erfahrungen, die er auf seiner Flucht aus dem Iran über die Türkei und Griechenland nach Deutschland machte. Erfahrungen, die ihn bis heute – zehn Jahre später – prägen. „Es ist ist ein Satz, den ich erlebt habe“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Ich weiß, wie es sich anfühlt, unerwünscht zu sein.“

Die Erlebnisse haben aus ihm den Menschen gemacht, der er heute ist: den ersten Geflüchteten, der ins Parlament einziehen könnte. Für Die Linke steht er auf Platz zwölf der Landesliste in Nordrhein-Westfalen für den Bundestag. Seine Kandidatur folgte auf den Rückzug des Grünen-Politikers Tareq Alaows – dem ebenfalls Geflüchteten waren nach seiner Kandidatur so viel Hass und Drohungen entgegengeschlagen, dass er sich doch wieder dagegen entschied.

Auch Vaisi schlägt Hass entgegen

Das will Vaisi, der als Kurde im Iran einer Minderheit angehörte und 2011 nach mehreren Jahren des Engagements für Minderheitenrechte aus Angst vor Verhaftung nach Deutschland floh, so nicht hinnehmen. Auch ihm schlägt Hass entgegen – doch er will sich nicht einschüchtern lassen.

„Dass er so sehr bedroht wurde, dass er zurückgezogen hat, hat mich schockiert“, sagt Vaisi über Alaows, „aber noch schrecklicher waren die Reaktionen darauf, man hat sich einfach nicht tiefgründig damit beschäftigt. Einige Politiker haben den Rückzug bedauert, aber der gesellschaftliche Aufschrei hat gefehlt.“ Viele forderten immer die Integration Geflüchteter, doch auch den noch so gut Integrierten schlage Hass entgegen.

„Das Thema Flucht soll ein Gesicht haben“

Einen Tag nach dem Rückzug des Grünen-Kandidaten entschied Vaisi sich demnach für seine Kandidatur für Die Linken, bei denen er seit sieben Jahren Mitglied ist – auch wegen ihrer Flüchtlingspolitik. „Ich will keinen Sieg für die Rechten“, sagt er bestimmt. „Das Thema Flucht soll ein Gesicht haben.“

Es ist nun sein Gesicht. Auf Wahlplakaten der Linken in NRW lächelt es einem entgegen, „Vielfalt und Solidarität“ steht etwa darunter, oder „Für eine solidarische Flüchtlingspolitik“. Doch auch hier zeigt sich der Hass, mit dem er immer wieder zu tun hat: Auf Twitter postet Vaisi Mitte September ein Bild eines abgebrannten Plakats mit seinem Gesicht darauf. „Ihr könnt mich beschimpfen, beleidigen, bedrohen, ihr könnt mich hassen, meine Plakate abreißen und verbrennen, aber meinen Einsatz für Freiheit und Gerechtigkeit könnt ihr nicht stoppen“, schreibt er dazu.

Anfangs habe er sich die Hasskommentare, die unter seinen Posts oder denen der Linken kamen, noch durchgelesen. „Ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Ich versuche zu verstehen, was hinter dem Hass steckt“, erklärt er. Doch mittlerweile mache er das nicht mehr – „es kostet Zeit und nimmt mir Kraft“. Er hat seinen Umgang damit gefunden. Und er zieht seine Kandidatur nicht zurück.

Dabei hatte auch Vaisis Frau, mit der er ein kleines Kind hat, Bedenken, als er sich für die Kandidatur entschied. „Begeistert war sie nicht“, gibt er zu. Auch wegen des Hasses, der seinem „Vorgänger“ entgegengeschlagen war. Aber sie habe ihm die Entscheidung überlassen. Und für ihn stand fest: Er will es machen.

„Es ist nicht nur eine persönliche Kandidatur, sondern auch ein Signal an die Gesellschaft“, findet er. Er sieht unabhängig vom Ergebnis schon jetzt einen Erfolg: „Ich habe durch die Kandidatur schon etwas ausgelöst, durch die ganze Berichterstattung über mich. Meine persönliche Geschichte hat viele Menschen erreicht und auch andere motiviert“, ist er sich sicher. „Mir haben auch Menschen mit Fluchthintergrund geschrieben.“

Vaisi will das Ankommen in Deutschland für Geflüchtete erleichtern

Sowieso ist das eines seiner Ziele – ob er nun in den Bundestag gewählt wird oder nicht: das Ankommen für Geflüchtete in Deutschland zu erleichtern. „Das Ankommen in Deutschland ist alles andere als einfach“, sagt er. „Es wurde mir schwer gemacht.“

Was er meint: Nachdem er 2011 in Deutschland im Geflüchtetenheim in Castrop-Rauxel ankam, musste Vaisi erst mal abwarten – ein Deutschkurs sei ihm zunächst nicht gewährt worden, weil sein Asylverfahren noch lief. Als er dann Deutsch konnte, kam der nächste Rückschlag: Anstatt dort weiterzumachen, wo er im Iran aufgehört hatte, und an die Uni zu gehen, sei sein Schulabschluss, mit dem er im Iran hätte studieren können, von den Behörden nur mit einem deutschen Hauptschulabschluss gleichgesetzt worden. Er machte also seinen Realschulabschluss nach, später sein Abitur mit Einserschnitt, vor Kurzem hat er seine Bachelorarbeit abgegeben. Jahre später als ursprünglich von ihm erwartet. Aber es hat geklappt.

„Viele schaffen es nicht, anzukommen“, weiß Vaisi aber. Ihn hielt auch der Sport, das Ringen, vom Aufgeben in dieser Zeit ab. Im Iran ist das Ringen Volkssport, er war dort sogar in der Juniorennationalmannschaft. In Dortmund und später in Essen, wo er 2013 hinzog, setzte er das Hobby fort. Dort hilft er auch heute anderen Geflüchteten beim Ankommen in Deutschlands Bürokratiedschungel. „Ich bin Integrationsbeauftragter im Verein“, erzählt er. Ehrenamtlich helfe er den Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationsgeschichte, etwa beim Finden von Praktika oder Ausbildungsplätzen.

Vaisis Tage bräuchten eigentlich mehr als 24 Stunden

Sowieso bräuchten Vaisis Tage heute eigentlich mehr als 24 Stunden, um all das zu schaffen, was er macht. Neben seinem politischen Engagement für Die Linke arbeitet der 31-Jährige als Sozialarbeiter in einem Begegnungszentrum sowie selbstständig als Übersetzer. Außerdem sitzt er im Jugendhilfeausschuss der Stadt Essen. Die Aufgabe als Abgeordneter im Deutschen Bundestag könnte nun noch hinzukommen.

Einen Schwerpunkt würde er da auf jeden Fall – natürlich – auf humane Flüchtlingspolitik setzen wollen. Aber das macht er auch, wenn es nicht klappt mit dem Parlament. „Ich wäre nicht enttäuscht“, sagt er, auch wenn er sich natürlich den Einzug wünscht. Sein Ziel bleibt aber so oder so dasselbe: „Kein Mensch ist illegal.“ Und keiner sollte so behandelt werden, findet der Politiker.

Von Hannah Scheiwe/RND

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