Angela Merkel (rechts) beim so genannten Welt-Frauengipfel 2017 im großen Berliner Nobelhotel Interconti zusammen mit Christine Lagarde, damals IWF-Chefin und heute Präsidentin der Europäischen Zentralbank (2. von rechts), Chrystia Freeland, damals kanadische Außenministerin und heute Finanzministerin (links), und Ivanka Trump, damals als „First Daughter“ hofierte Tochter des US-Präsidenten (2. von links). Quelle: imago/ZUMA Press

Erste Frau im Kanzleramt: Angela Merkel und der Feminismus

Berlin. Eine Szenerie wie ein Gemälde: 2017, Angela Merkel in der Mitte des Podiums der kurzerhand zum Welt-Frauengipfel erklärten illustren Runde mächtiger Damen. Neben der Kanzlerin: Christine Lagarde, damals IWF-Chefin und heute Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Chrystia Freeland, damals kanadische Außenministerin und heute Finanzministerin, Ivanka Trump, damals als „First Daughter“ hofierte Tochter des US-Präsidenten und heute eben Tochter.

Merkel soll sagen, ob sie eine Feministin sei. Ihr kurzes Schweigen und ihre Gesichtszüge geben eine erste Auskunft: Mensch, gerade so nett hier – warum soll ich jetzt so eine knifflige Frage beantworten?

Derweil reckt Lagarde die Faust in die Höhe und fordert das Publikum lachend zu „Ja“-Rufen auf, was bei der ganz überwiegend weiblichen, aufgeklärten und gut gebildeten Zuhörerschaft in dem großen Berliner Nobelhotel Interconti auf das gewünschte Echo stößt.

Und dann holt Merkel historisch aus, dass es in der Geschichte des Feminismus Aspekte gebe, die auf sie zuträfen und andere eben nicht. Nie habe sie etwa so um Frauenrechte gekämpft wie Alice Schwarzer. Im Vergleich zu ihr sei sie keine Feministin.

Das Publikum stellt diese Ausführungen nicht zufrieden. Die auf politische Neutralität geschulte Königin der Niederlande Máxima erklärt daraufhin die diplomatische Definition, wonach als Feministin gelte, wer dafür sei, dass Männer und Frauen die gleichen Lebenschancen hätten. Mit dieser Vorgabe bekennt sich dann auch Merkel, Feministin zu sein.

Eine Frauenrechtlerin ist aber eben etwas anderes. Zu Beginn ihrer Amtszeit war Merkel sogar darauf bedacht, als Politikerin, nicht aber als Frau wahrgenommen zu werden. Sie wollte ihr Frausein irgendwie neutralisieren und andere wollten ihr das Frausein verdammt schwer machen. Was hat sich die Republik an ihren Haaren, an ihren Röcken und an verwischter Wimperntusche abgearbeitet.

Attribute wurden ihr angeheftet, die sie schwach aussehen lassen sollten: „Kohls Mädchen“ als Bundesjugendministerin Anfang der 1990er Jahre, da war sie Ende 30. Oder „Mutti“, als sie zur Kanzlerin aufgestiegen war, kinderlos, Anfang 50. Die „Mutti“ hängten ihr jene Männer an, die sie erst unterschätzt hatten und dann feststellten, dass Merkel ihre Autorität durchzusetzen und ihre Macht abzusichern versteht. Was diese Männer hinter den Kulissen laut über Merkel gesagt haben, war noch viel boshafter.

Die offene Frauenfeindlichkeit gegen die Kanzlerin hat über die Jahre dann deutlich nachgelassen. Auch Merkels selbstgewählte Neutralisierung trug dazu bei. Sie entschied sich, optisch möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Sie legte sich so etwas wie eine Uniform zu.

Ihre Haare ließ sie von Star-Coiffeur Udo Waltz richten und änderte den Look nicht mehr. Und die einzige Überraschung, die ihre Garderobe bis heute noch bereithält, ist die tagesaktuelle Farbe ihres Jacketts. Für die Halsketten dazu hat ihre Medienberaterin Eva Christiansen eine Einkaufsquelle aufgetan. Ganz verschwunden sind die gar nicht lustigen Alt-Herren-Witze auf ihre Kosten im Regierungsviertel aber nie.

Wenn es Frauen nicht gelingt, in eine Position zu gelangen, für die sie ganz offensichtlich qualifiziert sind, in der aber noch nie eine Frau war, spricht man von der gläsernen Decke. Merkel hat diese Decke auf ihrem Weg zu CDU-Vorsitz und Kanzleramt nicht mit dem Vorschlaghammer zertrümmert. Sie ist eher hindurchdiffundiert und hat eine Reihe von Frauen nachgezogen. Aber auch das war keine Frauenförderpolitik, sondern Pragmatismus. Und Vertrauenssache.

X Mal ist Merkel gefragt worden, was Frauen in der Politik anders machen als Männer. Bis zuletzt hatte sie ausweichend darauf geantwortet. Wie etwa bei einer Diskussion mit Studenten in Peking vor einigen Jahren. „Das ist nicht ganz einfach für mich zu sagen, weil ich ja kein Mann bin“, sagte sie damals. Typisch Merkel. Antworten, ohne zu antworten. Und was sie wieder nicht machte: Frauenpolitik. Sie brach keine Lanze für Frauen und stellte auch keine weiblichen Stärken wie Geduld und Ausdauer heraus.

Erst im Juli dieses Jahres, also wenige Monate vor ihrem Abschied aus dem Kanzleramt, antwortete sie in einer Pressekonferenz tatsächlich auf diese Frage: „Tendenziell gibt es bei Frauen eine gewisse Sehnsucht nach Effizienz.“ Endlich mal. Frauen im Land triumphierten, Männer lachen gequält. Ihre zum Schluss offen geäußerte Erkenntnis hatte Merkel aber auch schon zu Beginn ihrer Karriere.

Während die konservativen katholischen Männer der Bonner Republik mit Merkels Aufstieg an Einfluss verloren, war während ihrer ersten Kanzlerinschaft immer wieder vom „Girls-Camp“ die Rede. Gemeint waren ihre Vertrauten, allen voran ihre Büroleiterin Beate Baumann und ihre Medienberaterin Christiansen, die seit mehr als 20 Jahren an ihrer Seite sind.

„Fraudeckung“ wurde das genannt in Anspielung auf die Manndeckung im Fußball - die gegnerischen Stürmer bewachen und Merkel gegen sie verteidigen. Ohne Kumpanei. Man siezt sich auch noch nach mehr als zwei gemeinsamen Jahrzehnten und ungezählter durchgestandener Krisen. Das war in den Old-Boys-Networks, auf denen sich vor Merkels Zeit die Karrieren in der Union aufbauten, anders.

Merkels Frauennetzwerk ist nicht nur effizient, sondern auch stets von beeindruckender Geräuschlosigkeit. Auch die heutige Chefin des Automobilverbandes VDA, Hildegard Müller, gehörte im ersten Kabinett Merkel als Staatsministerin im Kanzleramt zum kleinen Kreis dazu. Sie war für Merkel eine Art Frühwarnsystem, wusste wie die alte West-CDU tickt.

Neben Müller war es insbesondere die spätere Bildungsministerin Annette Schavan, der Merkel vertraute und von der sie sich die Mechanismen der Machtmaschine CDU erklären ließ. Daraus wurde etwas, was es in der Politik selten gibt: Freundschaft.

Als Schavan nach Plagiatsvorwürfen der Doktortitel aberkannt wurde und sie an einem Samstag im Februar 2013 zurücktrat, sagte Merkel: „Sehr schweren Herzens nur habe ich den Rücktritt angenommen.“

Am Vorabend sollen die beiden Freundinnen bei einer Flasche Wein, mindestens einer, zusammengesessen haben. Merkel soll noch ausgelotet haben, ob der Rücktritt abwendbar sei. Aber zwei Jahre zuvor war der damals hoffnungsvolle Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ebenfalls wegen abgeschriebener Passagen in seiner Doktorarbeit zurückgetreten. Da wäre es schwierig worden, bei Schavan einen anderen Weg zu wählen.

Das schwere Herz, Schavan ziehen zu lassen, sah man Merkel bei dem gemeinsamen Pressestatement im Kanzleramt an. Andere Minister traten ohne Geleit der Kanzlerin zurück oder wurden von ihr wie Norbert Röttgen rausgeworfen.

Merkel hingegen stand in dieser Stunde an der Seite Schavans und würdigte sie als „die anerkannteste und profilierteste Bildungs- und Forschungsministerin“ in Deutschland. Mit ihrer Entscheidung habe sie ihr eigenes Wohl hinter das Gemeinwohl gestellt. Schavan hatte aber auch ihr eigenes Wohl hinter Merkels Wohl gestellt.

„Ich danke ihr von ganzem Herzen für alles, was sie bislang in ihrem beruflichen Leben für unser Land, für seine Bildung, seine Wissenschaft und Forschung geleistet hat“, sagte Merkel noch. Und Schavan erklärte: „Ich danke dir, liebe Angela, für deine Worte und deine Würdigung heute und für Vertrauen und für Freundschaft über viele Jahre. Freundschaft hängt nicht an Amtszeiten und wirkt über diesen Tag hinaus.“

Feministin von der Leyen

Noch eine andere Frau spielte für Merkels politische Bilanz in Frauen-Angelegenheiten eine entscheidende Rolle - die tatsächlich feministische Allzweckwaffe Ursula von der Leyen. Zweimal hat diese sich über alle Spielregeln der CDU hinweggesetzt, um echte Gleichstellungspolitik durchzudrücken - und wurde von Merkel gegen Anfeindungen aus der Unionsfraktion beschützt. Das war ihre Art von Frauenpolitik. Forderungen nach von der Leyens Rücktritt oder Rauswurf gab es aus der Union genügend.

Als Familienministerin setzte sie mit der Brechstange Elternzeit für Väter und den flächendeckenden Ausbau der Kinderbetreuung durch. Für die Herren in der Union war das „Wickelvolontariat“ ein Kulturschock. Merkel – getreu der von der niederländischen Königin formulierten Feminismus-Definition – befürwortete diesen entscheidenden Schritt zur Herstellung der Chancengleichheit. Kämpfen ließ sie eine andere dafür.

Beim Thema Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte ging von der Leyen noch einen Schritt weiter. Sie verbündete sich zunächst mit den Parlamentarierinnen von SPD und Grünen, mit denen sie einen gemeinsamen Aufruf unterzeichnete. Merkel hatte die Wahl: Ihre Ministerin im Regen stehen zu lassen oder sie zu unterstützen. Sie rang sich zur Unterstützung durch. 2016 kam das Gesetz für eine verbindliche Frauenquote von 30 Prozent für Aufsichtsräte – mittlerweile ist die Regelung auf Vorstände ausgeweitet.

Im Herbst 2018 standen die Zeichen günstig, dass Merkel im Kanzleramt wieder eine Frau nachfolgen könnte. Annegret Kramp-Karrenbauer, die frühere saarländische Ministerpräsidentin, spätere CDU-Generalsekretärin und heutige Verteidigungsministerin, hatte in einem harten Wettbewerb den CDU-Vorsitz erobert. Sie besiegte, wenn auch denkbar knapp, Merkels früheren Rivalen Friedrich Merz und den ehrgeizigen Gesundheitsminister Jens Spahn.

Bis zum Parteitag, auf dem „AKK“ knapp zur Chefin gewählt wurde, wirkte es, als sei sie die Wunschnachfolgerin Merkels. Dabei hatte die Kanzlerin dazu nie öffentlich ein Wort verloren. Aber als die Stimmen ausgezählt waren und Kramp-Karrenbauer überwältigt auf der Bühne stand, ging Merkel zu ihr und drückte sie fest. Selten erlebte man Merkel mit einem so erleichterten und glücklichen Gesichtsausdruck. Sie hatte sich für alle sichtbar riesig gefreut.

Doch schon kurz nach der Wahl bekam das Verhältnis Risse. Kramp-Karrenbauer distanzierte sich in einem TV-Interview von der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin und bediente den konservativen Flügel der Partei im Glauben, so die Merz-Anhänger gewinnen zu können. Merkel nahm ihr das übel. Zugleich schien ihr Zutrauen zu schwinden, dass Kramp-Karrenbauer, die als Parteichefin von einer Panne in die nächste stolperte, ihre Nachfolgerin auch im Kanzleramt werden könnte. Einen Frauenbonus gab es jedenfalls auch für sie nicht.

Als das Verhältnis 2018 noch ungetrübt war, antwortete Kramp-Karrenbauer in einem Interview auf die Frage, ob sie und Merkel Freundinnen seien: „Angela Merkel und ich haben einen guten Draht zueinander. Es passt irgendwie keine gängige Bezeichnung.“ Emotionale Nähe oder tiefes Vertrauen klingen anders. Eher so: „Freundschaft hängt nicht an Amtszeiten.“ Angeblich haben Merkel und Schavan 2019 zusammengehockt und gemeinsam über die Union gelästert, als Kramp-Karrenbauer zu Merkel in der Flüchtlingspolitik auf Distanz ging.

Mit einer Bundeskanzlerin aufgewachsen

Mag Merkel der Gleichberechtigung im Land nicht automatisch einen Schub gegeben haben - das Bewusstsein im Land hat sie gleichwohl verändert. Die seit Mitte der 1990er Jahre geborenen jungen Menschen sind mit dieser Frau als Regierungschefin aufgewachsen. Dieser im Ausland geachteten und respektierten und bei Gipfel-Verhandlungen auch gefürchteten Frau, dieser mächtigsten Frau der Welt und zu Donald Trumps Zeiten sogar zur Anführerin der freien Welt ausgerufenen Bundeskanzlerin.

Ihre Karriere hat sie sich von keinem Mann durchkreuzen lassen. Nicht von Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan im Ausland, nicht von Friedrich Merz oder Horst Seehofer im Inland. Und am Ende wird sie noch den Regierungsrekord der 16-jährigen Kanzlerschaft von Helmut Kohl einholen.

Die private Anekdote ist zu schön, um sie nicht an dieser Stelle zu erzählen. Im Grundschulalter fragte der Sohn: „Können in Deutschland auch Männer Kanzler werden?“ Die ältere Tochter behauptete kess: „Nein!“ Kindermund in der Ära Merkel. Diese Generation ist in dem Bewusstsein groß geworden, dass Mädchen nicht nur alles werden können, sondern dass Frauen ganz selbstverständlich wie Männer an mächtigster Stelle sitzen. Ganz oben. Für eine sehr lange Zeit. Da ist sie: Merkel, die Feministin.

Von Kristina Dunz, Eva Quadbeck/RND