Armin Laschet und die Union müssen bei der Bundestagswahl einen deutlichen Stimmenverlust einstecken. Dennoch geben sich die Parteispitzen kämpferisch: Sie wollen ins Kanzleramt. Quelle: imago images/NurPhoto

Der Wahlabend bei der Union: Laschets Ausnahmesituation

Berlin. Armin Laschet wirkt gar nicht so zerknirscht, wie er es eigentlich sein müsste. Die Union hat bei der Bundestagswahl am Sonntagabend ihr historisch schlechtestes Ergebnis seit 1949 eingefahren, und die SPD liegt in den ersten Hochrechnungen vorn. Da hört es sich nach leichter Untertreibung an, wenn der Kanzlerkandidat von CDU und CSU sagt: „Mit dem Ergebnis können wir nicht zufrieden sein.“

Der 60-Jährige steht auf der Bühne im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses. Markus Söder ist nicht gekommen. Der CSU-Chef ist zwar in Berlin, die bittere Wahlschlappe lässt er Laschet aber allein erklären. Er hat sich schon im Wahlkampf gehütet, zu viel Nähe zum CDU-Vorsitzenden herzustellen, von dem er sich um die Kanzlerkandidatur betrogen fühlt.

Die Christdemokraten hatten die Entscheidung im Bundesvorstand getroffen, an der CDU-Basis war Söder beliebter. Er hat ein paar Rechnungen offen. Und wenn die Union nach 16 Jahren Angela Merkel die Macht abgeben müsste, steht für den Bayern der Hauptverantwortliche dafür schon fest: der Rheinländer Laschet war’s.

Markus Söder ist nicht gekommen – aber Angela Merkel

Der Unionskanzler­kandidat tritt aber nicht allein auf. Es stehen eine ganze Reihe CDU-Politiker und ‑Politikerinnen hinter ihm. Zumindest auf der Bühne. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak etwa und Gesundheitsminister Jens Spahn, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und die CDU-Vizevorsitzende Silvia Breher, weitere Landes- und Bundespolitiker – und Angela Merkel.

Merkel hat zwar bereits 2018 auf die Wiederwahl zur CDU-Chefin verzichtet sowie zugleich ihren Abschied auch als Kanzlerin 2021 angekündigt und fühlt sich insofern nicht mehr hauptverantwortlich für den Wahlkampf – dem schlechten Ergebnis will sie sich aber noch gemeinsam mit Laschet stellen.

Merkel sagt nichts, das überlässt sie Laschet

Die rote Laterne hielt bis dato Merkel mit 32,9 Prozent bei der Bundestagswahl vor vier Jahren nach der Flüchtlingskrise. Dass die große Volkspartei aber sogar einmal darunter rutschen könnte, galt damals als schwer vorstellbar. 2013 war Merkel immerhin mit 41,5 Prozent knapp an der absoluten Mehrheit vorbeigeschrammt. Sagen tut Merkel jetzt aber nichts. Das überlässt sie Laschet.

Er spricht von einer „Ausnahmesituation“. Und die sieht so aus: Er will trotz des Debakels versuchen, „eine Bundesregierung unter Führung der Union“ zu bilden. Eben zur Not auch als Zweitplatzierter. Das wird nicht nur ein langer Wahlabend, wie es Ziemiak schon früh vermutet. Es dürfte auch eine lange Regierungsbildung werden. Laschet macht klar, dass er SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz dieses Feld nicht überlassen will. Wahlniederlage hin oder her. Er setzt darauf, dass die FDP keine Ampel macht.

Laschet gibt sich selbstbewusst

Der CDU-Chef sagt: „Deutschland braucht jetzt eine Zukunftskoalition, die unser Land modernisiert.“ Erstmals werde es ein Regierungsbündnis mit drei Partnern geben. Jeder Partner müsse sich in einer Koalition wiederfinden mit den Schwerpunkten, die versprochen worden seien.

Das Land brauche eine Koalition, die für Weltoffenheit stehe, marktwirtschaftliche Lösungen suche und Deutschland zusammenhalte. Bundeskanzler werde, wem es gelinge, Gegensätze zu überwinden. Und es müsse ein Kanzler für alle in Deutschland sein. „Zu diesen Aufgaben bin ich bereit“, sagt Laschet selbstbewusst.

Um 18 Uhr ist es ganz still im Konrad-Adenauer-Haus

Als die schwarzen Prognosebalken für das Abschneiden der Union um 18 Uhr auf der großen Leinwand auf der Höhe der SPD stehen bleiben, hörte man im Konrad-Adenauer-Haus nur dies: nichts. Grabesstille. Zum einen lähmte die hier versammelten CDU-Anhängerinnen und ‑Anhänger das Entsetzen über den Absturz. Zum anderen setzte unmittelbar das Bangen ein, ob CDU und CSU im Laufe des Abends doch noch vor die SPD kommen könnten.

Ihre Sprache gewinnen sie im Konrad-Adenauer-Haus wieder, als es nicht sicher erscheint, dass die Linke wieder in den Bundestag kommt und ein rot-grün-rotes Bündnis obsolet erscheint. Da wird gejubelt.

Ein TV-Statement von CSU-Generalsekretär Markus Blume flimmert über den Bildschirm. Es mutet etwas befremdlich an, als er erklärt, die Union habe ihr Wahlziel erreicht. Das sei gewesen: einen Linksrutsch zu verhindern. Wenn die Union also doch ins Kanzleramt käme, dann vielleicht weniger wegen ihres eigenen Programms und mehr wegen ihrer aus den 1990er-Jahren hervorgekramten Rote-Socken-Kampagne.

Söder sagt, es brauche ein „Bündnis der Vernunft“

Blume lässt ebenfalls offen, ob die Union auch als knapp Zweitplatzierte zu Koalitions­verhandlungen einladen könne. Vor der Wahl hatten er und Söder gesagt, sie könnten sich nicht vorstellen, dass die Union den Kanzler stelle, wenn sie nicht die Goldmedaille gewinne.

Söder sagt recht schnell am Wahlabend, es brauche ein „Bündnis der Vernunft“ unter Führung von Laschet. „Wir glauben fest an die Idee eines Jamaika-Bündnisses.“ Deshalb: „Wir wollen gemeinsam in diese Gespräche gehen mit dem klaren Ziel, den Führungsauftrag für die Union zu definieren, dass Armin Laschet dann der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wird.“

Die Planspiele innerhalb der CDU für den Fall, dass der Union die Opposition blüht, liegen für den Abend zumindest auf Eis – könnten aber schnell wiederbelebt werden. Laschet wäre als Parteichef kaum zu halten, wenn die Union die Macht verliere, heißt es.

Partei- und Fraktionsvorsitz müssten wie zu Merkels Zeiten 2002 wieder in eine Hand. Ein Wahlverlierer könne unmöglich beides werden, weil es ein Signal des Aufbruchs geben müsse. Laschet wäre das dann nicht.

Von Kristina Dunz/RND