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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Quelle: imago images/ITAR-TASS

Erdogan auf Reisen: Wie die Türkei ihren Einfluss in Afrika ausbaut

Athen. Die Türkei wolle „Afrikas führender Handelspartner in der Welt werden“, erklärte Erdogan mitreisenden Reportern auf dem Flug von Istanbul nach Angola, der ersten Station seiner Afrika-Reise. Auf dem Weg dahin ist die Türkei schon ein gutes Stück vorangekommen. 2003 belief sich das Handelsvolumen des Landes mit Afrika auf 5,4 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr waren es bereits 25 Milliarden. Bis 2025, so Erdogans Ziel, soll sich die Summe auf 50 Milliarden Dollar verdoppeln.

Seit seinem Amtsantritt als Premierminister hat Erdogan bereits 30 afrikanische Staaten besucht – mehr als jeder andere nicht afrikanische Staats- und Regierungschef. Schon zur Zeit des Osmanenreichs, das auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung im 16. Jahrhundert große Teile Nordafrikas umfasste, knüpften die Türken Beziehungen auch südlich der Sahara, bis hinunter ins heutige Südafrika. Doch im 20. Jahrhundert geriet der Kontinent aus dem Fokus. Die junge türkische Republik wandte sich unter dem Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk Europa und dem Westen zu.

Aber seit den 1990er-Jahren hat die Türkei den Kontinent neu entdeckt. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen. Sie gründete in Afrika zahlreiche Bildungseinrichtungen. Als es 2012 zum Bruch zwischen Erdogan und seinem früheren Verbündeten Gülen kam, gab es in afrikanischen Ländern über 100 Schulen der Gülen-Bewegung. Sie befinden sich inzwischen größtenteils unter Kontrolle der staatlichen türkischen Maarif-Stiftung. Damit bekommt Erdogans Außenpolitik in Afrika zugleich eine innenpolitische Dimension: Sie schwächt Gülen, seinen Erzfeind.

Erdogan hat die Öffnung der Türkei nach Afrika nicht erfunden. Aber er hat sie in den vergangenen Jahren energisch vorangetrieben. War Ankara noch 2009 in nur zwölf afrikanischen Staaten mit Botschaften vertreten, sind es inzwischen 43. Die staatliche Turkish Airlines fliegt rund 60 Ziele auf dem Kontinent an, mehr als jede andere nicht-afrikanische Fluggesellschaft. Erdogan spricht von der Türkei inzwischen als einem „afro-eurasischen Land“. Er unterstreicht damit die Rolle seines Landes als Regionalmacht mit globalem Anspruch.

Die türkische Afrika-Strategie ist breit angelegt. Sie reicht von Soft-Power wie Bildungseinrichtungen, Medienprojekten und sozialen Einrichtungen über humanitäre Hilfe in Hungergebieten Somalias bis zu Infrastrukturprojekten. Türkische Baukonzerne, die mehrheitlich von Erdogan-nahen Unternehmern kontrolliert werden, sind mit dem Bau von Straßen, Brücken, Eisenbahnlinien, Häfen, Airports und Moscheen in Afrika gut im Geschäft.

Auch als Energie- und Rohstofflieferant bekommt der Kontinent wachsende Bedeutung. Algerien ist der viertgrößte Energielieferant der Türkei. Nigeria, die zweite Station auf Erdogans Reise, ist der größte Handelspartner des Landes in Subsahara-Afrika und hat ebenfalls großes Potenzial als Energielieferant.

Bei ihrem Machtpoker auf dem afrikanischen Kontinent rivalisiert die Türkei mit China und Russland. Sie profiliert sich dabei als „ehrlicher dritter Partner“ zwischen den Großmächten und den Europäern, deren schwerste Hypothek ihre koloniale Vergangenheit ist. Darauf spielte Erdogan an, als er bei seinem Besuch in Angola sagte: „Wir umarmen die Völker auf dem afrikanischen Kontinent, ohne zu diskriminieren.“

Unter Erdogan hat die Afrika-Strategie der Türkei in den vergangenen Jahren eine immer stärkere militärische Dimension bekommen. In der somalischen Hauptstadt Mogadischu unterhält die Türkei nicht nur ihre größte Auslandsvertretung, sondern auch die größte Militärbasis außerhalb des eigenen Landes, das vier Quadratkilometer große „Camp Turksom“. Somalia ist heute der wichtigste strategische Partner der Türkei auf dem afrikanischen Kontinent – vor allem wegen seiner Lage am Horn von Afrika.

Der afrikanische Kontinent entwickelt sich auch zu einem immer größeren Absatzmarkt für die Produkte der aufstrebenden türkischen Rüstungsindustrie. Marokko und Äthiopien wollen türkische Kampfdrohnen des Typs TB-2 anschaffen. Die unbemannten Flugkörper sind der Exportschlager des türkischen Rüstungskonzerns Bayraktar. Der 41-jährige CEO des Unternehmens, Selcuk Bayraktar, ist ein Schwiegersohn Erdogans. TB-2-Kampfdrohnen sollen eine entscheidende Rolle im Kampf der von Erdogan unterstützen libyschen Regierung gegen den Rebellengeneral Khalifa Haftar gespielt haben.

Die Drohnen sind begehrt. Mit den geplanten Lieferungen an Marokko und Äthiopien riskiert die Türkei allerdings ein Aufflammen der regionalen Auseinandersetzungen in Nord- und Ostafrika wie den Bürgerkrieg in der abtrünnigen äthiopischen Provinz Tigray, den Streit Ägyptens und Äthiopiens um den Staudamm am Blauen Nil und den Konflikt Marokkos mit der Frente Polisario um das Territorium von Westsahara. Das zeigt: Je stärker sich die Türkei in Afrika militärisch engagiert, desto mehr könnte Ankara auch in die Konflikte des Kontinents hineingezogen werden.

Von Gerd Höhler/RND