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Der frühere griechische Premierminister Giorgos Papandreou beim Delphi Economic Forum. (Archivbild) Quelle: imago images/ANE Edition

Griechenlands Ex-Premier Papandreou kehrt auf die politische Bühne zurück

Athen. Es ist eine kleine Partei, aber das Interesse an ihrer Führung ist groß: Sechs Kandidaten meldeten sich für den Vorsitz, als die bisherige Parteichefin Fofi Gennimata kürzlich aus Gesundheitsgründen ihren Rückzug ankündigte. Seit Mittwochabend sind es sieben Bewerber: Der frühere Premierminister Giorgos Papandreou gab überraschend seine Kandidatur bekannt.

Im Dezember sollen die Parteimitglieder in direkter Wahl entscheiden, wer die Kinal künftig führt. Der 69-jäh­rige Papandreou gilt als Favorit. „Wir brauchen einen neuen Wandel, für die Bürger und das Land“, erklärte Papandreou in einer TV-Botschaft. Das war eine Anspielung auf den Slogan vom „Großen Wandel“, mit dem sein legendärer Vater Andreas Papandreou 1981 die Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok) an die Macht führte.

Der in den USA geborene und aufgewachsene Giorgos Papandreou kommt aus einer der ältesten griechischen Politikerdynastien. Sein gleichnamiger Großvater amtierte von 1944 bis 1945 und erneut Mitte der 1960er-Jahre dreimal als Ministerpräsident. Der Enkel übernahm 2004 die Führung der Pasok, die sein Vater nach dem Sturz der Obristendiktatur gegründet hatte. 2009 erzielte er mit 44 Prozent das drittbeste Wahlergebnis in der Geschichte der Partei.

Schuldenkrise überschattet Aufstieg

Aber Papandreous Aufstieg zum Regierungschef wurde überschattet von der beginnenden Schuldenkrise. Unter dem Druck der internationalen Gläubiger musste er Steuern erhöhen und harte Sparmaßnahmen umsetzen. Angesichts massiver Proteste der Bevölkerung und wachsender Kritik in der eigenen Partei trat Papandreou im November 2011 zurück. Bei den Neuwahlen drei Monate später fiel die Pasok auf 13 Prozent ab, 2015 sogar auf 5 Prozent – ein beispielloser Absturz.

Was von der Pasok noch übrig war, ging 2017 in der Kinal auf. Sie stellt gegenwärtig die drittgrößte Fraktion im griechischen Parlament und rangiert in den Meinungsumfragen zwischen 6 und 8 Prozent. „Die Partei muss wachsen, wie die anderen progressiven Kräfte in Europa, die gerade ein dynamisches Comeback hinlegen“, sagt Papandreou und spielt damit auch auf den Wahlsieg der SPD in Deutschland an.

Papandreou sieht in der bevorstehenden Mitgliederwahl ein „Fest der Demokratie und der Bürgerbeteiligung“. Das klingt wie die politische Diktion des Andreas Papandreou. Ob der Sohn, wie mit dem Wahlsieg 2009, noch einmal an die Erfolge seines Vaters anknüpfen kann, ist aber umstritten. Vielen gilt er als ein gescheiterter Politiker von gestern.

Kritiker kreiden ihm Führungsschwäche in der Schuldenkrise an. Andererseits hat der Name Papandreou für viele griechische Linkswähler immer noch einen guten Klang. Nicht wenige würden ihn wohl schon aus reiner Nostalgie wählen. Vor allem in der Gewerkschaftsbewegung hat Papandreou starke Unterstützung. Überdies gibt es seit Längerem Überlegungen, die in der Kinal aufgegangene Pasok unter ihrer eigenen politischen Marke wieder auferstehen zu lassen. Keiner könnte eine solche Renaissance der einstigen Volkspartei besser verkörpern als Giorgos Papandreou.

Kandidatur ist gefährlich für Tsipras

Sicher ist: Mit seiner Kandidatur kommt Bewegung ins linke Spektrum der griechischen Parteienlandschaft. Gefährlich ist das für den Oppositionschef Alexis Tsipras. Dessen Linksbündnis Syriza reibt sich seit der Wahlniederlage von 2019 in Flügelkämpfen auf und kommt nicht aus dem Umfragetief heraus. Nachdem die Partei bei der vergangenen Wahl 2019 noch knapp 32 Prozent bekam, liegt sie jetzt in den Umfragen nur noch bei 25 bis 27 Prozent.

Syriza wurde während der Schuldenkrise nicht nur zur neuen politischen Heimat vieler Pasok-Politiker. Tsipras konnte auch die Mehrheit der früheren Pasok-Wähler an sich binden. Manche von ihnen könnten nun in Versuchung kommen, sich wieder Papandreou anzuschließen.

Von Gerd Höhler/RND