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Emilia Fester von Bündnis 90/Die Grünen sitzt vor dem Reichstagsgebäude auf der Mauer der U-Bahnstation Bundestag. Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Die Zitrusjugend: Beginn einer neuen Ära?

Berlin. Einiges haben sie gemeinsam, vieles nicht – und doch wollen ihre Parteien zusammen etwas Großes schaffen. Die Jungpolitiker Emilia Fester und Jens Teutrine sind Teil der Zitrusjugend. Sie bei den Grünen (die Farbe der Limette) und er bei der FDP (die Farbe der Zitrone). Mit gerade einmal 23 und 27 Jahren sitzen sie im 20. Deutschen Bundestag.

Ob in wenigen Monaten bereits eine Ampelkoalition steht oder nicht – die Limetten und Zitronen sind da, um Saures zu geben. Auf ihre ganz eigene Art und Weise. „Jetzt beginnt etwas Neues. Die Kräfte der jungen Generation wirken zusammen“, sagt Fester.

Ersten Wochen im Bundestag sind stressig

Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat beide einzeln zum Gespräch und gemeinsam zum Doppelinterview getroffen, letzteres aus organisatorischen Gründen digital. Für die Jungabgeordneten sind die ersten Wochen im Bundestag besonders stressig. Die Terminkalender sind voll. Einen Zeitpunkt zu finden, zu dem beide eine Stunde frei haben und gleichzeitig in Berlin sind? Nahezu unmöglich.

An einem Morgen treffen Jens Teutrine und Emilia Fester also das erste Mal per Videoanruf aufeinander. Vorher kannten sie sich noch nicht, erzählen sie, außer vielleicht aus den sozialen Medien. Begriffe wie „Aufbruch“ oder „Neuanfang“ fallen im Gespräch. Eins wird deutlich: Die Zitrusjugend will die Karten neu mischen.

Ähnlich wie die Jungwählerinnen und Jungwähler, die mehrheitlich beide Parteien gewählt haben. „Grüne und FDP sind in der Gruppe der Jungwähler stark, weil wir kein einfaches ‚Weiter so‘ wollen“, sagt Teutrine, der auch Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen ist und im dunklen T-Shirt vor die Laptopkamera tritt. „Sowohl Olaf Scholz als auch Armin Laschet haben während des Wahlkampfes keine Aufbruchstimmung verkörpert, sondern vielmehr für eine Fortsetzung der bisherigen Regierungsarbeit geworben.“

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Teutrine wurde 1993 in Gütersloh geboren. Seine Mutter war alleinerziehend mit zwei Kindern und musste für den Lebensunterhalt der Familie putzen gehen. Wegen einer Sprachstörung besuchte er zunächst eine Förderschule. Seit 2009 ist er Mitglied der Jungen Liberalen, nach der Schule studierte er Philosophie und Sozialwissenschaften in Bielefeld. Teutrine ist großer Fan von Deutschrap. Als er sich in den Videoanruf einwählt, sind laute Beats zu hören. „Ich wusste nicht, dass ich schon im Call bin“, sagt er dann, lacht und macht die Musik wieder aus.

Hartz IV ist Herzensthema von Teutrine

Sein politisches Herzensthema: Hartz IV. „Der Staat bestraft Fleiß und Leistung bei Jugendlichen, die in Familien mit Hartz-IV-Bezug groß werden“, kritisierte Teutrine kurz nach der Wahl gegenüber dem RND. Sie dürften von einem 450 Euro Nebenjob nur 170 Euro behalten. „Der Staat erschwert so soziale Teilhabe und Vorankommen durch eigene Leistung.“

Von den jungen Abgeordneten wird viel erwartet. Sie sollen das schaffen, was die vorherigen Generationen versäumt haben: Klimaschutz, Digitalisierung und eine gerechtere Gestaltung Deutschlands. Fester und Teutrine sollen die Jungen vertreten, sich für ihre Interessen einsetzen. Er meint, die Erstwähler seien von dem Stillstand der großen Koalition genervt. „Junge Menschen haben keine Lust auf taktische Politikspiele – sie wollen echte Inhalte“, betont Teutrine.

Etwa zur gleichen Zeit als Fester und Teutrine zum Doppelinterview zusammenkommen, diskutieren die Sondierungsteams von FDP, SPD und Grüne über Inhalte. Sie sprechen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, wollen „Brücken bauen“, wie es der SPD-Generalsekretär, Lars Klingbeil, ausgedrückt hatte. Inzwischen haben die drei Parteien Koalitionsverhandlungen aufgenommen. Ein zwölfseitiges Sondierungspapier wurde ebenfalls veröffentlicht.

Doch Differenzen gibt es einige. In der Steuerpolitik zum Beispiel. Da hat sich FDP-Chef Christian Lindner jedenfalls schon durchgesetzt – Steuererhöhungen für Gutverdiener werden laut dem Dokument nicht kommen. Auch ein Tempolimit ist vom Tisch. Zwölf Euro Mindestlohn hingegen ist in Planung.

Ganz in die Karten schauen lassen sich die Verhandlungsteams aber nicht: Die Spitzen von SPD, FDP und Grüne haben Stillschweigen über ihre Diskussionen vereinbart. Wo es gekracht hat und wo nicht, dringt nicht nach außen. Dafür haben sie ein gemeinsames Versprechen: Modernisierung.

Zitrusjugend nimmt sich Ältere zum Vorbild

Die Zitrusjugend nimmt sich die Übereinkunft der Älteren zum Vorbild. „Ich schaue jetzt nicht in eine Glaskugel und sage voraus, welche Themen wie am Verhandlungstisch diskutiert werden“, sagt Emilia Fester, die in einem bunten Wollpullover am Schreibtisch in ihrem WG-Zimmer in Hamburg sitzt. „Da sollten wir – wie unsere Verhandlungsteams – Stillschweigen bewahren.“ Aber der Auftrag der Jugend sei klar, nämlich Aufbruch, betont die Grünen-Politikerin entschlossen.

Juristinnen und Juristen machen die größte Gruppe im 20. Deutschen Bundestag aus. Fester gehört – genau wie ihr FDP-Kollege – nicht dazu. 1998 wird sie in eine Hildesheimer Künstlerfamilie geboren. Beide Eltern sind in der Schauspielerei tätig. Sie selber arbeitet nach der Schule mehrere Jahre als Haus-Regieassistentin im Hamburger Schauspielhaus.

2016 tritt Fester den Grünen bei, bis 2021 war sie frauenpolitische Sprecherin der Hamburger Grünen. Über Listenplatz 3 zog sie ins Parlament ein. Sie ist die jüngste Bundestagsabgeordnete. „Die Jugend spielt in der Lebensrealität mancher Politikerinnen und Politiker keine Rolle“, sagt Fester, die eigentlich lieber „Milla“ genannt werden will. „Wir können als neue Bundestagsabgeordnete ganz neue Perspektiven ins Parlament bringen.“

Junge Abgeordnete fühlen sich respektiert

In ihren Fraktionen fühlen sich die jungen Abgeordneten respektiert, erzählen sie. Doch laut Teutrine gibt es auch eine andere Seite. „Ich habe zum Beispiel eine Mail bekommen, weil ich die Cannabislegalisierung befürworte. Da schrieb mir jemand: ‚typisch Jungpolitiker – von dem Kreißsaal in den Hörsaal in den Plenarsaal.‘“

Jungen Politikern werde es gerne vorgeworfen, es fehle ihnen an Lebenserfahrung, ärgert sich Teutrine. „Da wird dann Lebenserfahrung mit dem biologischen Alter gleichgesetzt. Junge Menschen können aber durchaus Lebenserfahrung haben und bringen andere Perspektiven in die Debatte ein.“

Seine eigene Geschichte zieht er als Beispiel heran: „Seit ich 18 Jahre alt bin, finanziere ich meinen Lebensunterhalt eigenständig. Ich muss mich nicht rechtfertigen, dass ich nach zehn Jahren ehrenamtlichen Engagements in gewählte Verantwortung trete.“ Er fände es gut, wenn es einen „Schulterschluss aller jungen Abgeordneten“ gegen Vorurteile dieser Art gäbe, sagt er in Richtung Fester. Sie nickt.

Zitrusparteien fordern Cannabis-Legalisierung

Cannabis ist ein Thema, bei dem sich Grüne, FDP und SPD schnell einig sein werden. Die Zitrusparteien fordern eine Legalisierung, die SPD will Modellprojekte. Ein Kompromiss wird – anders als mit der Union – schnell zu finden sein. An anderen Stellen werden härtere Debatten nötig sein.

Finanzen, Verteidigung, Wohnungspolitik – um nur einige wenige Streitpunkte der Koalitionsverhandlungen zu nennen. Eine weitere Herausforderung: Die Jugendorganisationen, besonders die Grüne Jugend, vertreten radikalere Positionen als ihre Mutterparteien. Sie werden im Verlauf der Koalitionsverhandlungen Druck ausüben, damit ihre Inhalte umgesetzt werden.

Doch nicht alles, was auch Teutrine und Fester im Wahlkampf versprochen haben, werden sie durchbringen können. „Entscheidend ist, dass man sich selbst immer treu bleibt. Am Ende muss ich in den Spiegel gucken können“, erklärte der Freie Demokrat Teutrine vor wenigen Wochen.

Fester glaubt, dass Zugeständnisse nötig sein werden. „FDP und Grüne müssen natürlich Kompromisse finden“, sagt sie, „aber Politik bedeutet nicht, dass man zu Feinden werden muss.“ Die Politikerin ist sich der Macht der Zitrusparteien bewusst. FDP und Grüne hätten verstanden, welche Aufgabe sie haben. Beide Parteien seien, was die Wahlstimmen angehe, gemeinsam stärker als der dritte Partner. „Wir können uns zusammentun, müssen aber auch Brücken bauen und Vertrauen schaffen.“

Unterschiede zu benennen, sei ebenso wichtig. „In weiten Teilen der gesellschaftspolitischen Fragen sind wir uns mit der FDP einig. Was die Klimakrise angeht, haben wir durchaus unterschiedliche Ansätze“, analysiert die Grüne. Teutrine sieht das ähnlich: „Wesenskern von Parteien ist, dass sie sich unterscheiden. Während der großen Koalition haben wir gemerkt, dass die Unterscheidbarkeit der Union und SPD gelitten hat.“

Teutrine und Fester wollen neuen Politik-Stil

Beide wollen sich – wie ihre Parteien in den Verhandlungen – nicht kleinkriegen lassen. Sie wollen langfristig gesehen einen neuen Politik-Stil. Zu dem gehören: keine Durchstechereien, ein respektvoller Umgang, Diskussionen auf Augenhöhe und Nahbarkeit zur Wählerschaft. „Viele junge Menschen sind politisiert, aber manchmal fehlt das Vertrauen in die Legislative“, sagte Fester. Häufig fehlten Ansprechpersonen, denen man auch mal bei Instagram schreiben könnte.

Teutrine hält den Umgang mancher politischer Gegner für problematisch. „Die gewollten Missverständnisse beispielsweise auf Twitter sehe ich kritisch“, sagt er im Videoanruf. Aber die Sondierungen hätten gezeigt, dass sich der Politikmodus andern könne. „Das ist erfrischend. Ich merke auch bei mir selber, dass ich manche Mechanismen hinterfrage“, gibt Teutrine zu.

Wie genau meint er das? „Ich könnte jetzt plump auf die Grüne Jugend draufhauen oder alle Forderungen aus unserem Wahlprogramm als Koalitionsbedingungen für eine Ampel in den Medien verbreiten, aber das wäre nicht der richtige Weg, um Gemeinsamkeiten auszuloten“, erklärt er. „Ich wünsche mir, dass dieser neue Politikstil auch eine mögliche Koalition prägen wird.“

Die Frage ist aber, wie langanhaltend dieser Modus ist, wie lange FDP, SPD und Grüne während der weiteren Verhandlungen Stillschweigen bewahren können. Koalitionsgespräche sind sehr, sehr lang und gehen mit scharfen Diskussionen einher. Durchstechereien inklusive. Und wenn es erstmal in die Koalition geht und manche politischen Versprechungen auf der Strecke bleiben, sind Schuldzuweisungen keine Seltenheit.

Ist das jetzt also wirklich der Anfang einer neuen Ära? Fester glaubt jedenfalls, dass dauerhaft eine neue Art der Verständigung nötig ist. „In der nächsten Bundesregierung wird es wichtig werden, dass wir eine Kommunikation finden, in der man respektvoll kritisieren kann“, sagt sie. „Unsere Kommunikation wird anders werden, und das ist auch gut so.“

Von Alisha Mendgen, Jorid Behn/RND