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Drittimpfungen gegen das Coronavirus sind bislang nur für einige Gruppen empfohlen. Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

Experten beklagen ausbleibende Boos­ter­impf­kam­­pa­gne

Berlin. Gesundheitsexpertinnen und -experten sowie Ärzte- und Pflegeverbände haben Bund und Ländern vorgeworfen, die Auffrischimpfungen für ältere Menschen zu vernachlässigen. Die Lage bei den Boosterimpfungen sei „unübersichtlich und unstrukturiert“, sagte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Für über 70-Jährige brauchen wir dringend eine Kampagne für Boosterimpfungen“, sagte er. Dafür fühle sich derzeit aber niemand zuständig, kritisierte der Gesundheitspolitiker.

Kritik kam auch von den Kassenärzten. „Es kann nicht sein, dass die Politik sich beim Thema Auffrischimpfung herausgezogen hat und sich nicht mehr kümmert“, sagte der Vizechef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Stephan Hofmeister. Dringend nötig wären gezielte Einladungen zu Auffrischimpfungen oder zumindest breit angelegte Medienkampagnen. „Die Betroffenen müssen klar und dringlich dazu aufgerufen werden, sich impfen zu lassen“, sagte er.

Ärzte fordern breite Kampagne für Drittimpfungen

„Die Praxen stehen bereit, alle Menschen, für die die Stiko eine Auffrischimpfung empfiehlt, so schnell wie möglich zu impfen“, so Hofmeister. Die Kapazitäten seien ausreichend. Jedoch hätten die Ärztinnen und Ärzte „weder die Zeit noch die Mittel sich darum zu kümmern, dass die Betroffenen in die Praxen kommen“. Das sei Aufgabe des Staates.

Auch der Hausärzteverband fordert eine breite Kampagne für Drittimpfungen. „Mit den neuen Stiko-Empfehlungen zur Boosterimpfung ist es Aufgabe der Politik, die entsprechenden Bevölkerungsgruppen über alle verfügbaren Kanäle zu informieren und für die dritte Impfung zu werben, damit diese Menschen möglichst zeitnah ihren Weg in die hausärztlichen Praxen finden“, sagte Markus Beier, Vizechef des Verbandes, dem RND. Er sieht die Hausärzte gut vorbereitet auf die Drittimpfungen, fordert aber einen flexibleren Bestellprozess für die Praxen.

Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), hält schnelle Drittimpfungen ebenfalls für dringend notwendig. „Nur mit flächendeckenden Boosterimpfungen für pflegebedürftige Menschen und Pflegende kann die Zahl von Impfdurchbrüchen in Pflegeeinrichtungen auf niedrigem Niveau gehalten werden“, sagte Meurer dem RND.

Die Verantwortlichen in den Bundesländern seien „nun in der Pflicht, entschiedene Maßnahmen zu ergreifen und dafür zu sorgen, dass Ärzte und Impfteams unverzüglich in alle Pflegeeinrichtungen kommen“.

Skeptisch zu den erforderlichen Impfkapazitäten äußerte sich Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages. „Erkältungszeit und Grippeimpfungen füllen derzeit die Wartezimmer. Deshalb machen wir uns Sorgen, ob alle zeitnah die nötigen Auf­fri­schungs­im­pfung­en in den Praxen erhalten können“, sagte Dedy dem RND. „Die Bewährungsprobe läuft derzeit.“ Mit dem Abwickeln der Impfzentren „endete eine kommunale Erfolgsgeschichte“, so Dedy weiter.

Mobile Impfteams könnten entscheidende Rolle spielen

Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, sieht die Lage hingegen optimistisch. „Nach Auffassung des Deutschen Städte- und Gemeindebundes sind die niedergelassenen Ärzte, aber auch die Betriebsärzte organisatorisch und personell in der Lage, die jetzt notwendigen Grippeimpfungen, die Corona-Boosterimpfungen für Ältere sowie auch die noch ausstehenden Erst- und Zweitimpfungen durchzuführen“, sagte Landsberg dem RND.

Angesichts der hohen Kosten und der gesunkenen Nachfrage sei es richtig gewesen, die Impfzentren zu schließen. „Sollten Engpässe entstehen, besteht natürlich nach wie vor die Möglichkeit, die mobilen Impfteams zu verstärken“, so Landsberg weiter.

Die Ge­sund­heits­mi­nis­ter­kon­fe­renz hatte zuletzt beschlossen, allen über 60-Jährigen eine Drittimpfung zu ermöglichen – „nach individueller Abwägung, ärztlicher Beratung und Entscheidung“ und wenn die vollständige Impfung mehr als sechs Monate zurückliegt. Auch, wer beruflich viel Kontakt mit Infizierten oder mit vulnerablen Gruppen hat, soll die Möglichkeit einer Auffrischung erhalten. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt Boosterimpfungen dagegen für Menschen ab 70 Jahren.

Von Paul Gross, Tim Szent-Ivanyi/RND