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In den USA werden bereits Kinder unter zwölf Jahren gegen das Coronavirus geimpft, wie der elfjährige Jackson Stukus. Quelle: Paul Vernon/AP/dpa

„Ich habe mindestens 500 Kinder geimpft“: Arzt spricht offen über geheime Kinderimpfungen

Ob er sich auch ganz sicher sei, wollte seine Frau von ihm wissen, bevor er die Spritze mit dem Corona-Impfstoff am Arm seines sechsjährigen Sohnes ansetzte. Ja, das war der Arzt aus dem Münsterland. Er hatte viele Studien gelesen, wusste über die Dosierung Bescheid, kannte Berichte von Fachleuten über Kinderimpfungen in anderen Ländern.

Für den Vater und Hausarzt, der aus Angst vor Drohungen unter dem Namen Dr. Pappa bei Twitter auftritt, war die Entscheidung eine Risiko-Nutzen-Abwägung: „Das Risiko, einen schon millionenfach eingesetzten Impfstoff in einer durch Studien nachgewiesenen verträglichen Dosierung für meine Kinder zu verwenden oder sie mit einer Infektionskrankheit zu konfrontieren, deren Langzeitfolgen nicht absehbar sind“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Für ihn war die Entscheidung eindeutig. Er hat seine drei Kinder geimpft, das jüngste Kind ist gerade einmal ein Jahr alt.

„Wie in den Studien lag die Dosis bei Kindern über fünf Jahren bei zehn Mikrogramm, also einem Drittel der Erwachsenendosis, und bei den Kindern unter fünf Jahren bei drei Mikrogramm, also einem Zehntel der Erwachsenendosis“, so Dr. Pappa.

Zulassung des Corona-Impfstoffs für Kinder voraussichtlich am Donnerstag

Für „unverantwortlich“ hält hingegen Kollege und Kinderarzt Jakob Maske die Impfung eines einjährigen Kindes. Er ist Sprecher des Berufsverbandes Kinder- und Jugendärzte und betont, dass Impfstoff und Impfdosis für Einjährige nicht ausreichend erforscht seien.

Bisher gibt es nicht einmal für Fünf- bis Zwölfjährige einen zugelassenen Corona-Impfstoff in der EU. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) will am Donnerstag über eine Freigabe für diese Altersgruppe entscheiden. Bis es auch eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) gibt, dürfte es aber Wochen dauern. Während die EMA einen Impfstoff zulässt, empfiehlt die Stiko Ärzten die Durchführung einer Impfung in Deutschland. Dies ist zwar nicht rechtlich bindend, viele Ärzte orientieren sich aber an der Stiko.

Andere Länder impfen bereits Kinder gegen Corona

In Deutschland fordert die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) schon länger eine Zulassung des Impfstoffs für Kinder. Dies sei auch ohne Stiko-Empfehlung rechtlich abgesichert, heißt es immer wieder. Andere Länder sind längst weiter: Seit Dienstag impft Israel Kinder ab fünf Jahren gegen Corona, die USA haben damit bereits Anfang November begonnen. In Wien gibt es seit anderthalb Wochen Impfungen für Kinder.

Anders als in USA stürben in Deutschland nicht Hunderte gesunde Kinder und Jugendliche, gibt Maske zu bedenken. „Wir haben eine andere Situation und können uns mit der Impfung Zeit bis zur Stiko-Empfehlung lassen“, sagt er. Laut Robert Koch-Institut (RKI) gab es bisher 33 Todesfälle der unter 20-Jährigen, davon hatten 21 Kinder und Jugendliche Vorerkrankungen (Stand 18.11.2021).

Der Münsterländer Arzt hat auf Twitter als Dr. Pappa von der Impfung seiner Kinder berichtet. „Eigentlich wollte ich nur meine eigenen Kinder schützen“, sagt er, doch dann habe er unzählige Anfragen von Eltern erhalten, die ihr Kind impfen lassen möchten. Lange musste der Arzt nicht überlegen. „Es ist für mich unvorstellbar, dass ich nur meine eigenen Kinder schütze und anderen Kindern den Schutz komplett verweigere.“

„Ich habe mindestens 500 Kinder geimpft“

An manchen Tagen stehen Dutzende Eltern mit ihren Kindern vor seiner Praxis. „Ich habe mindestens 500 Kinder geimpft“, sagt er. Viele hätten bereits die zweite Impfung erhalten. „Ich habe erlebt, dass Eltern überglücklich in Tränen ausbrechen, wenn ich ihre Kinder impfe.“ Die Eltern seien wahnsinnig erleichtert, ringen um Worte und wüssten gar nicht, was sie sagen sollen.

Viele Eltern sind verzweifelt auf der Suche nach einem Arzt, der ihre Kinder impft. Die Namen der Ärzte sind geheim, werden von Eltern oder kleinen Vermittlungsnetzwerken unter der Hand weitergegeben. Dazu zählt auch das unabhängige Netzwerk u12schutz.de, das Kontakte zu mehr als 60 Ärzten vermittelt. Dr. Pappa ist einer von ihnen und bittet Eltern, seine Kontaktdaten nur an Personen weiterzugeben, denen sie absolut vertrauen. Zu groß ist seine Sorge, Opfer von Impfgegnern zu werden. „Es gab schon Drohungen gegen mich.“ Im Internet schimpften Impfgegner, sie werden ihn in seiner Praxis aufsuchen, wenn sie seine Adresse herausbekommen. Immer wieder benötigen Ärzte Polizeischutz, weil sie Kinder gegen Corona impfen.

Long Covid bei Kindern

Anfangs dachte der Münsterländer Arzt noch, dass Corona für Kinder kein großes Problem darstelle, weil die Hospitalisierungs- und auch die Todesrate bei Kindern extrem niedrig ist im Vergleich zu den Erwachsenen. „Dann habe ich zufällig die ersten Daten zu Long Covid gesehen und es war klar: Obwohl Kinder oft kaum Symptome haben, entstehen möglicherweise trotzdem Schäden.“ Der Kinderarzt Maske sieht das anders. „Zu Long Covid bei Kindern gibt so viele unterschiedliche Studien, dass wir noch kein klares Bild haben“, sagte er dem RND. „In der Regel sind Kinder nach vier bis sechs Wochen wieder gesund, im Gegensatz zu Erwachsenen.“ Die Studienlage sei zu Long Covid bei Kindern einfach noch nicht eindeutig. Er rät dazu, auf die Stiko-Empfehlung zu warten.

„Auf die Stiko kann man sich in diesen Zeiten überhaupt nicht verlassen“, meint dagegen Dr. Pappa. „Das europäische Ausland und die USA waren viel schneller in den Bewertungen und die Stiko hat sich immer erst viel später angeschlossen.“

Dr. Pappas Kollegen im Ort finden seine Kinderimpfungen gut, schicken sogar Eltern zu ihm, wenn sie sich nach einer Impfung für ihr Kind erkundigen. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass Kinder bei mir geimpft werden.“ Ihnen seien die Impfungen aber zu riskant. „Sie steigen erst ein, wenn die Haftung geklärt ist.“

Bei Dr. Pappa müssen die Eltern einen Haftungsausschluss unterschreiben. Der Arzt haftet also nicht mehr, wenn es zu Komplikationen kommen sollte. Sobald der Impfstoff in Europa offiziell zugelassen ist, haftet die Bundesrepublik Deutschland. Dann will Dr. Pappa auch nicht mehr heimlich impfen, sondern öffentlich Impfungen für Kinder ab fünf Jahren anbieten.

Von Sven Christian Schulz /RND