Donnerstag , 29. September 2022
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Das Kleeblatt-System: Weil die Intensivstationen am Rande der Überlastung stehen, werden Corona-Patienten auf Kliniken in anderen Bundesländern verteilt. Quelle: -/UKSH/dpa

Die ratlose Republik: Deutschland vor dem zweiten Corona-Winter

Es geht nicht ums Impfen in diesem Streit, um Masken oder große Fragen von Solidarität und Menschlichkeit. Es geht um Brötchen.

Es ist der Moment, in dem Gregor Ehrenfeldt spürt: Er ist am Ende seiner Kräfte. Es geht nicht mehr. Ehrenfeldt ist 44 Jahre alt. Er leitet einen Supermarkt. Sieben Monate hat er durchgearbeitet. Jeden Tag, sonntags im Büro. 40 Prozent seiner Mitarbeiter sind krank. Und da steht nun ein Kunde und zetert, wie das denn bitteschön sein könne, dass ausgerechnet seine Brotsorte nicht vorrätig sei!? Sauerei! „Wir haben 80 Sorten Brot und Brötchen im Laden“, sagt Ehrenfeldt. „Ich hab‘s ihm erklärt. Unsere Fahrer sind krank. Aber er ließ sich kaum beruhigen.“

Täglich geht das so. Ein Supermarkt als Mikrokosmos des großen Ganzen. Was Ehrenfeldt in diesen Wochen erlebt, ist ein Land am Limit. Deutschland ist durch mit den Nerven. Kunden eskalieren bei Nichtigkeiten, Maskenverweigerer toben. Kassiererinnen werden beschimpft, geschubst, bedrängt. Die Polizei greift ein, immer wieder. Der Frust geht tiefer als der übliche Novemberblues. „Egoismus und Gereiztheit haben massiv zugenommen“, sagt Ehrenfeldt, dessen richtigen Namen wir nicht nennen. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Er selbst stehe kurz vor dem Burn-out, sagt er. „Ich kann nicht mehr.“

Deutschland hat sich verkantet. Festgefahren in einem gefährlichen, steinigen Geröll aus Angst, Zorn, Schuldzuweisungen und tiefer Ratlosigkeit. Aus Sorge um den Volksfrieden vermied die Politik im Sommer und Herbst Corona-Zumutungen, ließ gar die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ auslaufen, als ließe sich eine solche Katastrophe wegignorieren.

Die alte Regierung wollte nicht mehr, die neue konnte noch nicht – das Ergebnis war ein verheerendes Machtvakuum, das auf das Virus wie eine herzliche Einladung zur Weiterverbreitung wirkte. Eine ganze Nation hängt am Gängelband einer resoluten Minderheit. „Wenn die Impfquote nicht signifikant erhöht wird, ist eine schwere Winterwelle zu erwarten“, warnte Charité-Chefvirologe Christian Drosten. Das war im Juli. Passiert ist: ein Wahlkampf. Sonst so gut wie nichts. Stattdessen drängte die „Bild“: „Wann hört der Regelwahnsinn endlich auf?“.

Und so sind wieder all diese Worte zu lesen und zu hören, die man ja längst nicht mehr lesen und hören mag: Delta. Booster. Vierte Welle. Lockdown. ECMO. Inzidenz. Notlage. Intensivkapazität. Gegen die vierte Welle aber war die erste ein sanftes Kräuseln. Damals, vor unendlich langer Zeit. Und die Welt staunt über das Corona-Chaos im sonst so straff organisierten Deutschland. Überall finden sich Anzeichen politischer Unentschlossenheit. In Potsdam öffnen die Weihnachtsmärkte – und schließen Stunden später schon wieder. Auf dem Weihnachtsmarkt im Einkaufszentrum Centro in Oberhausen gilt Maskenpflicht – allerdings nur freitags bis sonntags ab 17 Uhr. Jetzt müsste das nur noch jemand dem Virus mitteilen.

Die WDR-Journalistin Lisa Altmeier sitzt im ICE nach Berlin. Eine Zugdurchsage ertönt: „Tut mir leid, ab Sachsen dürfen Sie im Bordbistro am Platz nichts mehr bestellen, erst in der Lutherstadt Wittenberg dann wieder.“ So unterschiedlich sind die Corona-Regeln. „Föderalismus in a nutshell“, twittert sie. Flickenteppich Deutschland.

Willkommen in der ratlosen Republik. 4000 Covid-19-Patienten ringen auf den Intensivstationen um ihr Leben. 100.000 Menschen sind im Zusammenhang mit dem Virus gestorben. Aber 23,4 Prozent der Erwachsenen sind ungeimpft. Die Armee fliegt Schwerkranke in andere Bundesländer aus. Italien und Portugal nehmen Corona-Patienten aus Sachsen auf. „Ganz Deutschland ist ein einziger, großer Ausbruch“, mahnt Lothar Wieler, der Chef des Robert Koch-Instituts. Müde und fassungslos wirkt er in einem Videogespräch mit der sächsischen Staatskanzlei. Er könne es „nach 21 Monaten auch schlichtweg nicht mehr ertragen“, dass er nicht gehört werde, sagt er. Es ist der Moment, in dem Wielers Geduld mit der Politik endet. Keine Diplomatie mehr. Kein Bitten und Mahnen. Klartext.

Kanada beginnt mit der Impfung von Fünf- bis Elfjährigen. Und Deutschland? Wartet noch ab. Haftungsfragen seien noch offen, man müsse bitte verstehen. Die Ständige Impfkommission braucht noch Daten. Der Ärzteverbände wünscht derweil nicht, dass auch Apotheker, Tierärzte oder Pensionäre impfen. Und Nochgesundheitsminister Jens Spahn sagt einen bitteren Satz: Am Ende dieses Winters werde jeder in Deutschland „geimpft, genesen oder gestorben“ sein. Aufrufe. Appelle. Mahnungen. Drohungen. All das bewirkt nur das Gegenteil des Guten: Es verstärkt den Frust. Und den Trotz.

Im Dresdener Stadtteil Prohlis findet eine Impfaktion statt. Ein Feuerwerkskörper fliegt in den Saal und explodiert. Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung. Sachsen, der deutsche Hotspot der Krise, ist faktisch im Lockdown. Offiziell heißt er „Wellenbrecher“, das klingt zweckgebundener. Die Inzidenz hat die 1000er-Marke überschritten. Bei einem „Spaziergang“ von Corona-Leugnern in Zwönitz im Erzgebirge skandieren Teilnehmer Mordaufrufe gegen Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer: „Schießt ihn ab“. Die Polizei schreitet ein. Die Polizeigewerkschaft Sachsen fürchtet, dass die Beamten bald nicht mehr einsatzfähig sind. Von 14.000 Polizisten im Land seien schon jetzt rund 400 an Corona erkrankt und 600 in Quarantäne. „Wenn man das umrechnet, sind wir bei einer Inzidenz von circa 4000″, sagt eine Sprecherin.

Was ist passiert? Sah es im Spätsommer nicht aus, als sei das Gröbste geschafft? Stattdessen stolperte die Nation blind in die vierte Welle. Und eine diffuse Wut macht sich breit. Wut auf die eigene Ohnmacht. Wut über politische Unentschlossenheit. Wut auf die Tatsache, dass das Hauptmittel gegen infektiöse Aerosole unter ungeimpften Schulkindern zwei Jahre nach Pandemieausbruch noch immer offene Fenster sind. Im Brandenburger Landkreis Oberspreewald-Lausitz liegt die Inzidenz bei den zehn- bis 14-jährigen Kindern bei weit über 4000. Konsequenzen? Schulterzucken. Und in vielen Behörden? Dienst nach Vorschrift. Und rätselhafte Entscheidungen.

Katarina Maurer arbeitete lange im Gesundheitsamt einer deutschen Großstadt, Abteilung Corona-Kontaktverfolgung. Sie war Containment-Scout. Sie telefonierte mit Kontaktpersonen, ordnete Quarantäne an, fragte Testergebnisse ab, half, tadelte und erklärte – zuverlässig, effektiv, präzise. Dann wurde sie entlassen. Am Telefon. Offenbar, weil ihre Social-Media-Aktivitäten der Chefetage nicht gefielen. Transparenz über das eigene Tun? Nicht so gern. „In den Gesundheitsämtern ist Alarm in der Bude!“, sagt sie. „Wenn wir damals 30 bis 40 Neuinfektionen hatten, war schon Holland in Not. Jetzt sind wir bei 80 bis 100 pro Tag. Da ist Polen offen!“ Sie bot ihre Hilfe an, bat um Wiedereinstellung. Ohne Ergebnis. Dabei werden Mitarbeiter händeringend gesucht. „Ich bin eingearbeitet, ich könnte morgen um 7 Uhr anfangen“, sagt sie. Aber das Amt stellt sich tot. Die Frage ist: Kann es sich ein Gesundheitsamt leisten, in diesen Zeiten eine kundige Mitarbeiterin zu kündigen, weil dem Chef ein paar Tweets nicht passen?

Langsam, sehr langsam keimt die bittere Ahnung, dass kein Lockdown, keine Luca-App, kein Abstand, keine Maske diese Elendswellen jemals auf Dauer werden beenden können. Dazu taugt nur ein segensreiches Instrument, dessen Inanspruchnahme 15 Millionen Deutsche freilich noch nicht final erwogen haben: die Impfung. Längst nicht alle von ihnen sind Schwurbler, Esoteriker oder Staatsfeinde. Mancher hat medizinische Gründe, mancher steht auch vor einer erstaunlich hohen Hürde, wenn es um stringente Lebensplanung oder einen Telefontermin geht. Aber es wird immer anstrengender, noch Resttoleranz aufzubringen mit denjenigen unter den Nichtgeimpften, die sich grundlos verweigern. Kolumnist Sascha Lobo schrieb vom „Massentrotz der Verwöhnten“. Doch was nützt Zorn, wenn schon Sachargumente kaum helfen?

Björn Wolff (41) reist in diesen Wochen durch ganz Deutschland, „von der dänischen Küste bis zur österreichischen Grenze“. Wolff ist Bestatter. Sein Unternehmen Mymoria ist Spezialanbieter für digitale Bestattungsplanung. Inzwischen hat er mehr als 100 Mitarbeiter und 24 Filialen. Das Bild, das er auf seinen Reisen durch das deutsche Bestattungswesen gewonnen hat, ist eindeutig: „Es geht wieder los.“ Wo immer sich vor allem in süddeutschen Bestattungshäusern die Tür zum Klimaraum für ihn öffnete, standen versiegelte Särge mit rotem Warnschild: „C-19, infektiöser Verstorbener“.

Wolff hat viele bewegende Moment erlebt. Die Blicke von Angehörigen, wenn die Bestatter in voller Schutzkleidung aufmarschieren „wie Marsmenschen“. Der Tod einer jungen Mutter von zwei Kindern. „All diese vermeidbaren Fälle. Die berühren einen schon. Jeder Tod durch ein Virus, gegen das wir einen Impfstoff haben, müsste nicht sein. Das tut weh.“ Was würde er sich von der Politik wünschen? „Ich wünsche mir, dass mal einer aufsteht und sagt: Mein Amt ist mir nicht so wichtig – ich beschließe jetzt die Impfpflicht. Punkt.“

Je fortgeschrittener die Impfpflichtdebatte, desto absurdere Blüten treibt die „Alternativmedizin“. Unter Esoterikern empfahl man sich zuletzt das Pferdeentwurmungsmittel Ivermectin zur Behandlung einer Corona-Erkrankung. Die US-Arzneimittelbehörde FDA warnt per Twitter sehr zutreffend: „Du bist kein Pferd. Du bist keine Kuh. Ernsthaft. Hör auf.“ Doch was nützt das ewige Mantra der Vernunft? Was nützt es, immer wieder daran zu erinnern, dass der Impfstoff nach 3,2 Milliarden Impfungen weltweit bestens erprobt ist, dass mRNA-Impfstoffe seit fast 20 Jahren auch an Menschen getestet werden und das Erbgut keineswegs verändern, dass Lügen und Halbwahrheiten über Bill Gates oder die Illuminaten zu verbreiten ein lukratives Geschäftsmodell ist, dass Covid-19 gefährlicher als eine Grippe ist und etwa die Hälfte all derer, die beatmet werden müssen, daran sterben?

„Sachliche, wissenschaftlich evidenzbasierte Aufklärung ist bei Maßnahmenkritikern relativ wirkungslos“, sagt der Soziologe Oliver Nachtwey im Deutschlandfunk trocken. „Sie befinden sich sehr häufig in einem Tunnel und nehmen kognitiv nur die Informationen wahr, die zu ihrem Argument passen.“ 68 Prozent der Befragten in einer Forsa-Umfrage für RTL und n-tv halten den Umgang der Ampelparteien mit der Corona-Pandemie für unzureichend. Es dürften so ziemlich die 68,1 Prozent der Deutschen sein, die geimpft sind.

Der Kabarettist Uwe Steimle sitzt in einer Talkshow. Lange galt er als Kronzeuge der Corona-Skeptiker, war umstritten auch wegen rechtstendenziöser Aussagen und wurde vom MDR geschasst. Doch auch er hat sich impfen lassen, nachdem drei Menschen aus seinem Umfeld innerhalb einer Woche an Corona starben . „Meine Tochter ist Chirurgin und hat als Ärztin in Pflegeheimen geimpft. Sie hat dort auch gesehen, was Corona anrichtet. Zu mir hat sie gesagt: ‚Papa, ich bitte dich, mach das.‘ Ich habe ihr vertraut.“ Kritik vonseiten der Impfgegner lasse ihn kalt, sagte Steimle: „Ich finde, es gehört absolut dazu, dass man als Mensch manchmal seine Meinung ändert. Aber dann soll ich der Verräter sein? Dann bin ich gerne der Verräter.“ Er habe Angst, sagte er, „dass das hier immer weiter geht. Das will ich nicht“.

Michael Hartmann ist Lehrer an einem norddeutschen Gymnasium, Vater eines Kleinkindes und Ehemann einer herzkranken Frau. „Man hat den Lockdown, die Impfpflicht oder Schulschließungen ohne Not als Wahlkampfbonbon ausgeschlossen und sich jetzt, da solche Maßnahmen notwendig werden, in eine Sackgasse manövriert“, sagt er. „Und niemand möchte das öffentlich zugeben.“ Er fühle sich jeden Tag „wie Bill Murray in ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘. Und morgen klingelt wieder der Wecker, im Radio der neue Inzidenzhöchststand, Proteste der ‚Querdenker‘ und die immer gleichen Gesichter in den Talkshows“.

Der Winter kommt. Es wird kalt in Deutschland.

Von Imre Grimm/RND