Donnerstag , 27. Januar 2022
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SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Quelle: imago images/Future Image

Er wird es nicht, er wird es, er wird es nicht – Lauterbach und das Gesundheitsministerium

Berlin. In der SPD wird sich eine Begebenheit erzählt, die bisher nicht dementiert wurde: Noch am Wahlabend hätten mehrere Abgeordnete Kanzlerkandidat Olaf Scholz angerufen, zum Wahlsieg gratuliert und einen dringenden Wunsch geäußert: Der Olaf möge doch bitte dafür sorgen, dass ein Mann mit Sicherheit nicht Minister in einer SPD-geführten Bundesregierung werde: Karl Lauterbach.

Die SPD und Karl Lauterbach – das ist ein kompliziertes Verhältnis. Der in der Corona-Krise in den Medien omnipräsente Mediziner ist neben Scholz einer der prominentesten SPD-Politiker überhaupt. Nach einer „Spiegel“-Umfrage halten immerhin 54 Prozent der Deutschen Lauterbach für ministrabel. Damit liegt er zusammen mit (Noch-Arbeitsminister) Hubertus Heil an der Spitze der SPD-Eignungswerte. In der Partei selbst – aber insbesondere in der Bundestagsfraktion – ist Lauterbach dagegen für viele ein rotes Tuch.

Dabei ist Lauterbach ein ausgewiesener Experte im Gesundheitswesen und seinen Fachgebieten. Er hat erst Medizin und später Epidemiologie und Gesundheitsökonomie studiert. Einer größeren Öffentlichkeit wurde er Anfang der Nullerjahre bekannt als Mitglied der sogenannten Rürup-Kommission, die im Auftrag der Regierung von Gerhard Schröder (SPD) Vorschläge zur nachhaltigen Finanzierung der Sozialsysteme erarbeitete.

Lauterbach – seit 2001 in der SPD – trat damals wie heute für die Einführung einer Bürgerversicherung ein. Seit 2005 gewann der Mann mit der Fliege – der dieselbe heute nicht mehr trägt – stets ein Direktmandat.

Lauterbachs Problem: Er ist kein Teamplayer

Jahrelang hat Lauterbach als oberster Gesundheitspolitiker seiner Partei im Bundestag das Gesundheitssystem in Deutschland mitgeprägt. Das hat ihm jedoch wenig Freunde gebracht: Denn wer das komplexe System durchschaut und die Finger in die Wunden legt, wird von den vielen Lobbyisten im Gesundheitswesen schnell aufs Korn genommen und diffamiert. Und so setzte sich zunächst die Erzählung durch, Lauterbach sei ein unfähiger, extrem nerviger und lediglich mit Halbwissen ausgestatteter Politiker.

Das wurde von einigen seiner Politikerkollegen gern befördert, denn Lauterbachs Problem ist, dass er ein schlechter Teamplayer ist. Er ist ein Einzelkämpfer, erarbeitet sich sein Wissen selbst und hört dann ungern auf andere. Seine Kolleginnen und Kollegen aus der Arbeitsgruppe Gesundheit erfuhren nicht selten aus der Zeitung, wie ihre Haltung zu einem bestimmten Thema ist und welche Forderungen aufgestellt werden.

Dass Lauterbach oft richtig lag und bei Verhandlungen Kompromisse schmiedete, machte die Sache nicht besser. Denn Neid ist auch in der Politik ein nicht zu unterschätzendes Moment. Dazu kommt, dass Lauterbach sich auch schon vor Corona immer mal wieder nicht an die Parteidisziplin gehalten und die eigene Regierung öffentlich kritisiert hat.

Gegnern hilft, dass Lauterbach erst mit der Fliege und nun zum Beispiel mit seiner komplett salzfreien Ernährung als kauziger, verschrobener Typ gilt. Und er hat das bei Menschen mit schneller Auffassungsgabe oft bestehende Problem, dass sie mit ihrer Ungeduld als besserwisserisch und arrogant wirken. Was im persönlichen Kontakt aber klar wird: Lauterbach kann auch extrem selbstironisch sein – eine Eigenschaft, die etwa bei Scholz nicht zu beobachten ist.

Kann Lauterbach überhaupt Minister?

Scholz weiß, dass er angesichts der hohen Popularitätswerte nicht an Lauterbach vorbeikommt. Er muss ihn einbinden, weil Lauterbach ansonsten zum ständigen Störfaktor in der Regierungsarbeit wird. Der Kanzler in spe, der sich selbst als Macher sieht, kann es gleichzeitig aber gar nicht leiden, wenn ihm von außen etwas aufgedrückt wird. Er fordert Loyalität, an der er bei Lauterbach zweifelt.

Und er verlangt gerade für das im ständigen Corona-Feuer stehende Gesundheitsministerium hohe Führungs- und Managementqualitäten. „Die hat Lauterbach einfach nicht“, heißt es selbst bei SPD-Leuten, die ihm wohl gesonnen sind.

Dem Gesundheitspolitiker nicht das Ministeramt zu geben, könnte Scholz öffentlich mit der fehlenden Regierungserfahrung oder der geplanten Geschlechterparität im Kabinett begründen. Findet er für die anderen SPD-Ministerien genug Frauen, kämen für das Gesundheitsressort auch Hamburgs Regierungschef Peter Tschentscher in Frage oder Clemens Hoch, Gesundheitsminister in Rheinland-Pfalz und langjähriger Staatskanzlei-Chef von Regierungschefin Malu Dreyer.

Einen Job in der Regierung wird Karl Lauterbach wohl bekommen. Die Frage ist allerdings, ob er sich auch mit dem Posten eines Staatssekretärs oder eines Beauftragten zufriedengeben wird.

Von Tim Szent-Ivanyi/RND