Donnerstag , 20. Januar 2022
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Die Kanzlerin stärkte ihrem damaligen Umweltminister den Rücken: Angela Merkel und Sigmar Gabriel bei einer Gletschertour in Grönland im Jahr 2007.

Gabriel über Merkel: „Diese Kanzlerin konnte, wenn sie wollte, eiskalt sein“

Herr Gabriel, vom Anfang bis zum Ende Ihrer Politikerlaufbahn wurde Ihnen immer nachgesagt, Sie seien sprunghaft. Finden Sie das gerecht?

Irgendwann, wenn über Jahre hinweg immer wieder der eine Journalist vom anderen abgeschrieben hat, zementiert sich so ein Urteil, und dann lernt man, damit zu leben. Was soll’s? Eine interessante Frage bleibt: Muss Politik sich für den Gedanken öffnen, dass eine neue Lage eine neue Antwort verlangt, vielleicht sogar eine schnelle neue Antwort? Ich gehöre bis heute zu jenen, die da viel eher Ja sagen als Nein.

Wie tickt Angela Merkel an dieser Stelle? War sie auch sprunghaft?

Ja. Nehmen Sie mal Merkels im Jahr 2011 gefassten Beschluss zum schnellen Ausstieg aus der Atomenergie. Als Union und FDP 2009 an die Macht kamen, haben sie festgelegt, die Reaktoren sollten nun länger laufen als von Rot-Grün geplant. Dann aber, nach dem Unfall in Fukushima, sollte der Ausstieg plötzlich sogar schneller passieren als bei Rot-Grün. Ich glaube, sowohl 2009 wie 2011 wäre Stetigkeit besser gewesen, ein Festhalten am bereits austarierten Ausstiegsplan von Rot-Grün.

Gegen Atomkraft waren Sie doch aber auch, Herr Gabriel.

Aber nicht für ein solches Hin und Her. Energiepolitik ist das Herz der Wirtschaftspolitik. Wir alle können heute noch froh sein, dass die starke deutsche Wirtschaft die damaligen Eingriffe am offenen Herzen gut überstanden hat. Dass der Patient noch lebt, hat in diesem Fall nichts mit der Kunst des Chefarztes zu tun, es liegt allein an der guten Konstitution des Patienten.

Das ist neu: Sigmar Gabriel, bei dem Berechenbarkeit der zweite Vorname ist, spricht über Angela Merkel, die Sprunghafte.

Wer hat denn bitte die Wehrpflicht abgeschafft? Und in der Flüchtlingskrise gesagt „Wir schaffen das“? Unter Merkel sind doch reihenweise Sachen passiert, mit denen der traditionelle Unionswähler nie gerechnet hätte.

In der Finanzkrise hat Merkel mal eben eine Großbank verstaatlicht.

Genau. Ich will das alles gar nicht kritisieren, mir geht es einfach nur um ein differenziertes Urteil mit Blick auf die vergangenen 16 Jahre. Da gab es neben Beständigkeit eben auch sehr viel Veränderung.

Die Geradlinigen müssen in den Kurven aufpassen: Ist das die zentrale Lehre, die wir mitnehmen können aus den vergangenen 16 Jahren?

Sagen wir es mal so: Es gibt Situationen, in denen das bloße Festhalten an irgendwelchen Prinzipien einem Bundeskanzler, aber auch dem ganzen Land wirklich nicht weiterhilft. Das ist kein Merkel-Phänomen. Das wird Ihnen auch Gerhard Schröder bestätigen.

Haben wir Merkel wegen der vielen Krisen mehr reagieren als regieren sehen?

Die Krisen ihrer ersten acht Jahre – Banken, Euro, Fukushima – waren tatsächlich nur eine Aufwärmphase für die noch viel härtere zweite Hälfte der Amtszeit: Krim, Flüchtlingskrise, Brexit, Trump und dann auch noch Corona. Deutschland ist in dieser schwierigen Zeit stabil geblieben. Das ist ein großes Verdienst dieser Kanzlerin, die damit ein positives Stück deutscher Geschichte geschrieben hat. Wir haben im Inneren zusammengehalten, und wir haben auch außenpolitisch eine gerade Spur gefahren.

„Wir“? Meinen Sie auch die SPD?

Na klar. In zwölf der 16 Merkel-Jahre haben Sozialdemokraten mitregiert und zu Zusammenhalt und Stabilität dieses Landes erheblich beigetragen. Ich finde, die Deutschen haben insgesamt ein gutes Teamspiel hingelegt, über Parteigrenzen hinweg, das lief besser als in vielen anderen Staaten der Erde.

Ihr erster Job in Berlin war einer, den Merkel früher in Bonn mal hatte, Bundesminister für Umwelt. Wie ist die Kanzlerin umgegangen mit Ihnen, dem Neuling von der SPD?

Überraschend freundlich. Merkel tat nicht nur kooperativ, sie war wirklich kollegial, auf fast schon konspirative Weise. Sie sagte mir: Jetzt machen wir mal ein paar Sachen, die mir damals in Bonn Helmut Kohl noch nicht erlaubt hat. Ganz am Anfang lud sie mich ein in eins ihrer Lieblingsrestaurants, Chéz Maurice in Prenzlauer Berg. Wir haben lange zusammengesessen und uns viel erzählt. Sie gab mir erstaunlich tiefe Einblicke in ihre Betrachtungsweisen, bis hin zu der Frage, wie sie diese oder jene politische Figur aus ihren eigenen Reihen einschätzt. Ihre Offenheit hat mich ehrlich gesagt ein bisschen gewundert, aber natürlich auch gefreut.

Daraus entstand bekanntlich eine enge informelle SMS-Beziehung zwischen Ihnen beiden, an allen Apparaten und Dienstwegen vorbei.

So etwas braucht man auch als Minister. Kurz nachdem ich angefangen hatte, musste ich schon zu einer ersten Weltklimakonferenz, die war damals in Montreal. Bei solchen Konferenzen ist es wichtig, dass Sie als Minister die Rückendeckung Ihres Regierungschefs haben. Merkel musste ich nicht überzeugen, sie kannte auch die Vokabeln. Bei meinen eigenen Leuten war das schwieriger. Im Jahr 2006 haben wir dann erstmals in der Geschichte der EU europäische Klimaziele durchgesetzt: 20 Prozent weniger Kohlendioxid bis 2020.

Heute sagen die jungen Leute: Das war alles zu spät und zu wenig.

So zu reden ist und bleibt zu allen Zeiten das Vorrecht der Jugend. Wichtig ist, dass diejenigen, die gerade Verantwortung tragen, die ersten Schritte gehen. Genau das haben wir damals getan. Und es war kein Selbstgänger. Schon die damalige Vereinbarung wäre fast am Widerstand Polens gescheitert.

Der niederländische Premier Mark Rutte hat bei einem der jüngsten EU-Gipfel die Polen angeblafft: Wenn ihnen so viel missfalle, sollten sie doch einfach austreten.

So etwas würde Merkel niemals sagen, und das ist auch richtig so. Dazu ist Deutschland viel zu groß und viel zu mächtig. Der Kanzlerin war immer bewusst, welche Bedeutung Deutschland hat, in Europa und in der Welt. Also vermied sie 16 Jahre lang jedes unbedachte Wort, jede Szene, die einen Schaden hätte anrichten können und nicht mehr rückholbar gewesen wäre.

Gab es eigentlich unter jenen, die mal das Bundesministerium für Umwelt geführt haben, eine Art BMU-Connection? Als Jürgen Trittin einen Herzinfarkt hatte, kam einer der ersten Genesungswünsche von Angela Merkel.

Sie ist so, das hat weniger mit dem BMU zu tun als mit ihrem Charakter. Sie ist ein feiner Mensch.

Sie hat Sie auch nicht als Feind behandelt, als Sie SPD-Chef wurden?

Nein, das wäre doch auch zu blöd. Wir haben weiter einen Austausch gepflegt. Mitunter konnte ich ihr ja auch den einen oder anderen sachdienlichen Hinweis geben.

Zum Beispiel?

An einem Wochenende im Februar 2012 habe ich ihr erzählt, dass mir FDP-Chef Philipp Rösler gerade sagte, er wolle Joachim Gauck als künftigen Bundespräsidenten unterstützen. Da ich das auch für eine gute Idee hielt, war Merkels CDU absehbar in der Bundes­versammlung rechnerisch in der Minderheit und politisch isoliert. Ein sozialliberales Signal bahnte sich an.

Merkel wollte seinerzeit Klaus Töpfer installieren.

Was auch immer sie wollte: Sie gab es nach meinem Anruf auf. Schon ein paar Stunden später hörte ich im Deutschlandfunk: Merkel schlägt Gauck vor. Ich weiß noch, wie ich zu meiner Frau sagte: Das kann doch jetzt echt nicht wahr sein, dass sie so schnell umschwenkt. Doch diese Kanzlerin konnte, wenn sie wollte, eiskalt sein.

Herzlichen Dank, Herr Gabriel, für dieses Gespräch.

Von Matthias Koch/RND