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Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hält ein Vorgehen in Deutschland wie in England für falsch. Quelle: Kay Nietfeld/dpa

„Halte das für falsch“: Lauterbach warnt vor tödlichem England-Fehler – kein Vorbild für Deutschland?

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat davor gewarnt, sich bei der Pandemiebekämpfung an England zu orientieren, die vor allem auf die Eigenverantwortung der Bevölkerung setzten und wenig strenge Corona-Maßnahmen verordneten. „Aus meiner Sicht ist es eine unethische Wette“, sagte er mit Blick auf die lockeren Corona-Regeln in Großbritannien am Abend bei „Hart aber fair“.

Lauterbach erklärte stattdessen: „Wir sind bisher gut gefahren mit dem Kurs, dass wir die Menschen geschützt haben.“ Das habe Deutschland auch ökonomisch nicht mehr geschadet, als die Engländer sich selbst geschadet hätten. „Wenn wir die Sterblichkeit der Engländer gehabt hätten, wären in Deutschland mehr als doppelt so viele Menschen gestorben, wie wir beklagen mussten“, so der SPD-Politiker weiter. Er räumte aber ein, es seien zu viele Menschen gestorben.

Lauterbach warnt vor England-„Experiment“

Man könne zwar eine Strategie wie England fahren, so Lauterbach. „Ich halte es aber für falsch“, stellte der SPD-Politiker klar. Großbritannien habe zudem einen wichtigen Vorteil gegenüber Deutschland: „Die Impfquote bei den über 65-Jährigen ist deutlich höher als bei uns.“ In Deutschland gebe es mindestens vier- bis fünfmal mehr Ungeimpfte bei den über 65-Jährigen. „Insofern wäre ein solches Experiment bei uns überhaupt nicht tragbar.“

Warum, das zeige ein Blick in US-Studien: „Wir sehen aus Daten in Chicago, Boston und New York, dass Omikron für ältere Ungeimpfte keine Kleinigkeit ist.“ Viele müssten beatmet werden, es gebe Todesfälle und selbst die weltbesten Krankenhäuser würden sich schwer mit der Behandlung der Patienten tun. Solche Fälle würde es in Deutschland mehr geben, wenn man die Corona-Welle einfach laufen lassen würde.

Lauterbach gegen Durchseuchung

„Weil der Astrazeneca-Impfstoff schwach war, haben die Engländer – aus der Not geboren – früh mit dem Boostern begonnen“, so Lauterbach. Mehr als 85 Prozent der Erwachsenen seien in England bereits geboostert. „Da sind wir noch nicht, weil wir später angefangen haben.“

Der Gesundheitsminister erklärte daher: „Ich würde eine solche Strategie wie in England, die auf eine Durchseuchung hinausläuft – ohne dass man es so nennen will – uns niemals empfehlen.“ Dafür stehe auch die Bundesregierung nicht zur Verfügung.

Umgang mit Corona-Demonstranten eine Managementfrage

Ob sich die Menschen auf den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen noch mit Argumenten überzeugen lassen? „Nein, nein, das glaube ich überhaupt nicht“, so Lauterbach. Er sprach von einem „reinen Managementproblem“. Der Staat müsse die demokratisch legitimierte Mehrheitsmeinung respektieren und die Bevölkerung schützen. „Wir verändern unsere Beschlusslage nicht, nur weil eine kleine Gruppe Druck macht.“ Lauterbach bekräftigte: „Das ist ausgeschlossen.“

Er habe noch nie darüber nachgedacht, dass er wegen einer Demonstration etwas nicht tue, das er für richtig halte und das wissenschaftlich klar und demokratisch legitimiert sei. „Wir lassen uns nicht erpressen“, machte Lauterbach deutlich.

Lauterbach: Es gibt genug Impfstoff

Mit Blick auf Klagen von Ärzten über eine unzureichende Versorgung mit Impfstoff sagte Lauterbach: „Das ist also Aufgabe der Länder, diese Zuteilung vorzunehmen. Und ich würde mir da auch also eine etwas andere Zuteilung von Land zu Land vorstellen.“ Insgesamt gebe es mehr Impfstoff als nötig, um die gesamte zu Auffrischimpfungen bereite Bevölkerung abdecken zu können – allerdings nicht den vor allem nachgefragten Impfstoff der Hersteller Biontech und Pfizer, sondern vor allem den von Moderna. Moderna-Dosen seien in großer Menge gekauft worden, Biontech hingegen habe „aus Produktionsgründen“ nicht ausreichend besorgt werden können.

RND mit dpa

Von Sven Christian Schulz /RND