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Neue Einsamkeit in neuen Zeiten: Immer mehr Amerikaner haben den Eindruck, dass mit ihnen selbst oder mit den Menschen um sie herum etwas nicht stimmt. Quelle: Namphuong Van / Unsplash

Amerika, ein Land in der Psychokrise

Liebe Leserinnen und Leser,

oft heißt es, Demokraten und Republikaner in den USA seien sich über gar nichts mehr einig. Doch das stimmt nicht ganz.

Soeben veröffentlichte „USA Today“ eine Umfrage, die zur Abwechslung mal auf eine ungewöhnlich breite Übereinstimmung hindeutet. Allerdings geht es um eine düstere Feststellung. 80 Prozent der Republikaner und 91 Prozent der Demokraten sind der Meinung, dass die USA inzwischen in „eine Krise der psychischen Gesundheit“ (mental health crisis) geraten sind.

Experten sind von dem Umfrageergebnis nicht überrascht. „Das Thema unserer psychischen Verfassung ist nach vorn gerückt“, sagt Shelli Avenevoli, stellvertretende Chefin des nationalen Instituts für psychische Gesundheit. „Auch wenn jemand selbst klarkommt, so kennt er mittlerweile doch jemanden, der psychische Probleme hat.“

Willkommen zur ersten Ausgabe unseres USA-Newsletters im Jahr 2022. Im November, zwei Jahre nach der Wahl Joe Bidens zum Präsidenten, steht schon wieder eine historische politische Weichenstellung an. In den turnusgemäßen Zwischenwahlen können die US-Bürgerinnen und -Bürger im Kongress die Gewichte neu verteilen: Es geht um das komplette Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats.

Wie wird dieses Votum wohl ausfallen in einer Nation, die von sich selbst sagt, sie stecke in einer Psychokrise?

Das Pendel wandert wieder nach rechts

Nach allen bisherigen Umfragedaten geht der Trend bereits wieder nach rechts. Die Demokraten werden wahrscheinlich das Repräsentantenhaus verlieren und, wenn sie Pech haben, auch ihre knappe Mehrheit im Senat.

Zugleich ist eine Verschiebung der politischen Prioritäten messbar. Nur noch 37 Prozent der Amerikaner sehen nach einer von Associated Press veröffentlichten Umfrage in der Corona-Pandemie ein Thema von besonderer Priorität. Vor einem Jahr sagten dies noch 53 Prozent.

68 Prozent setzen jetzt wieder das Thema Wirtschaft auf Platz eins der Liste. Zu dieser Neusortierung scheint die massive Teuerung der vergangenen Wochen und Monate beigetragen zu haben. Die aktuelle Inflationsrate in den USA liegt bei 6,8 Prozent – das ist der höchste Wert seit rund 40 Jahren.

Die Demokraten sind schon jetzt deprimiert

Viele Demokraten sind angesichts der drohenden Niederlage im November schon jetzt – im Abstand von immerhin noch zehn Monaten – zu Tode betrübt. Sie sollten sich lieber in etwas mehr Gleichmut üben und sich auf ihre aktuelle Arbeit konzentrieren. Denn in Wahrheit sind solche Pendelschläge zwei Jahre nach der Wahl eines neuen US-Präsidenten normal. Barack Obama musste mit einem Erstarken der Republikaner leben, Donald Trump mit einem Erstarken der Demokraten.

Ein gekippter Kongress könnte, jedenfalls theoretisch, sogar segensreiche Wirkungen entfalten. Der Zwang zur Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg, von den Verfassungsvätern schon 1776 generell vorbedacht, kann über Spaltungen hinweghelfen.

Biden hätte vom Typ her gar keine Mühe mit dieser neuen Situation. Er weiß seit vielen Jahrzehnten, wie man auf dezente Art in den Washingtoner Korridoren der Macht Türen oder auch Hintertüren öffnet, um parteiübergreifend die nötigen Deals zu finden. Würden sich alle ein wenig zusammenreißen und an das Wohl des Gesamtstaats denken, könnte 2022 zu einem Jahr neuer Chancen werden.

Das Virus spaltet die Demokraten

Würde, könnte, hätte: Die Republikaner mit ihrer mittlerweile demokratiegefährdenden Feindseligkeit den Demokraten gegenüber sind freilich in ihrem jetzigen Zustand keine geeigneten Partner. Doch das ist nicht das einzige Problem. Leider muss man sich neuerdings auch um die emotionale Stabilität und die Geschlossenheit der gegenwärtigen Regierungspartei Sorgen machen: Auch bei den Demokraten wachsen neuerdings Wut und Ungeduld, offenbar Tag für Tag, und quer durchs Land.

„Einige Demokraten von 2022 klingen wie Republikaner von 2020″, schreibt Derek Thompson in einem besorgniserregenden Aufsatz im Magazin „The Atlantic“.

Nicht nur Trump-Fans, auch immer Anhänger der Demokraten haben offenbar inzwischen, grob gesagt, die Faxen dick. Die offizielle Corona-Politik mit ihren immer neuen Mahnungen und Warnungen überzeugt diese Gruppe innerhalb der Demokraten nicht mehr.

Viele, die zwei Jahre lang artig alles mitgemacht haben, von Maskenpflicht und dem Verzicht auf Veranstaltungen bis hin zu allen drei Impfungen, haben nun genug. Unter ihnen wachse die Neigung, den Ungeimpften nur noch alles Gute zu wünschen, auf Corona zu pfeifen und alle damit verbundenen Risiken nicht mehr anders zu bewerten als im Fall der Grippe.

Long-Covid-Folgen ganz eigener Art

Zugleich aber gibt es bei den Demokraten weiterhin jene, die nach wie vor zur Vorsicht mahnen und es für Wahnsinn halten, ausgerechnet jetzt, in der größten bislang gemessenen Infektionswelle, die Maßnahmen zu lockern. Tatsächlich droht dem Gesundheitswesen aktuell eine Überlastung wie noch nie. Neuerdings werden sogar, wie ABC News am Dienstag berichtete, akut an Corona Erkrankte als Pfleger zugelassen, wenn sie symptomfrei und arbeitsfähig sind.

Die allgemeine Verwirrung wird nun noch gesteigert: Wie gefährlich ist Corona denn nun wirklich – wenn Behörden es hinnehmen, dass aktive Mitarbeiter des Gesundheitswesens als Infizierte auf Patienten zugehen?

Biden, der sich vorgenommen hat, „die Amerikaner wieder zusammenzuführen“, steht vor einer Herkulesaufgabe, die von Tag zu Tag schwieriger wird. Inzwischen weiß man: Mit dem Zusammenführen muss er, bevor er sich den Republikanern zuwendet, erst mal in der eigenen Partei anfangen. Zu besichtigen sind in den USA inzwischen politische und psychologische Long-Covid-Folgen ganz eigener Art – auch bei jenen, die anfangs meinten, sie seien gegen so etwas immun.

POPPING UP: Richtig raus aus der Wirklichkeit

Abschalten beim Fernsehen? Das bekommen in diesen unentspannten Zeiten viele schon gar nicht mehr hin. Der Abstand zum Bildschirm ist oft zu groß, der Griff zum second screen auf iPad oder iPhone zu verlockend.

Auf der Elektronikmesse CES 2022 in Las Vegas hat der Bildschirmhersteller LG Display dieser Tage ein Fernsehgerät vorgestellt, das den Zuschauer wieder wirklich gefangen nimmt. Der „media chair“ soll als feste Verbindung zwischen Bildschirm und Sessel verkauft werden, rotationsfähig, mit Super-Sound und allerlei Möglichkeiten für Spezialeffekte. Die LG-Ingenieure ließen wissen, sie seien sogar schon in guten Gesprächen mit Herstellern von Massagesesseln: Der Abschied von der Wirklichkeit soll künftig im wahrsten Sinne des Wortes rundum spürbar werden.

FACTS AND FIGURES: Rettung durch Schweineherz

Das Herz eines gentechnisch veränderten Schweins hat dem 57 Jahre alten David Bennett aus Maryland das Leben gerettet. Über die erfolgreiche achtstündige Transplantation, eine weltweite Premiere, informierten die behandelnden Ärzte in Baltimore die Öffentlichkeit in der Nacht zum Dienstag.

„Es erzeugt den Puls, es erzeugt den Druck, es ist sein Herz“, sagte Dr. Bartley Griffith, der als Direktor des Herztransplantationsprogramms am University of Maryland Medical Center die Operation durchführte. Allerdings müsse man die weitere Entwicklung abwarten: „Wir sind begeistert, wissen aber nicht, was uns die nächsten Tage bringen werden.“ Der Patient habe die Sache von Anfang an mit Humor genommen und gefragt: „Werde ich oink, oink sagen?“

Seit Jahrzehnten bemühen sich Mediziner in aller Welt darum, die bei der Übertragung von Tierorganen einsetzenden Abstoßungsreaktionen des menschlichen Körpers zu verhindern. Das jetzt transplantierte Herz stammt von einem genetisch veränderten Schwein, das von Revivicor, einem Unternehmen für regenerative Medizin mit Sitz in Blacksburg, Virginia, bereitgestellt wurde. Vier Gene des Schweins wurden ausgeschaltet oder inaktiviert, darunter eins, das jene Moleküle kodiert, die eine menschliche Abstoßungsreaktion hervorrufen.

Die beteiligten Forscher und Ärzte sprachen am Dienstag von einem „Wendepunkt in der Medizingeschichte“. In der Transplantationsmedizin, die weltweit durch einen Mangel an Spenderorganen in ihren Möglichkeiten eingeschränkt ist, öffneten sich plötzlich neue Türen.

DEEP DIVE: Biden macht nicht alles schlecht

Folgt man den Trumpisten, ist die Außenpolitik Joe Bidens ein einziges Desaster. Einige Republikaner aber schlagen in jüngster Zeit neue, differenzierte Töne an.

So veröffentlichte der langjährige republikanische Politikberater Henry Olsen jetzt in der „Washington Post“ eine überraschend deutliche Würdigung von Bidens China-Politik: Der Präsident habe sich stark darauf konzentriert, das Machtstreben Pekings durch eine gestärkte Allianz der demokratischen Staaten zu kontern: „Diese Anstrengung trägt jetzt Früchte.“

Olsen erwähnt die binnen kurzer Zeit systematisch verbesserten Beziehungen zu Südkorea, den Philippinen und Vietnam, betont aber besonders das neue Verteidigungsabkommen mit Japan und Australien, das überraschende Elemente enthalte. Japan zeige sich offener denn je für die Einreise von ausländischen Soldaten zu Übungen ins eigene Land und für Einsätze fern seiner eigenen Grenzen. Dies komme auch Taiwan zugute.

„Das Jahr 2021 war nicht gut für Biden, vom katastrophalen Rückzug aus Afghanistan bis zum Scheitern bei der Umsetzung seiner innenpolitischen Agenda“, schreibt Olsen. „Seine China-Politik jedoch erscheint erfrischend kohärent und kompetent.“ In Chinas wachsender Macht liege die größte politische Herausforderung für die Vereinigten Staaten. „Wenn Biden dieser Aufgabe gewachsen ist, sollten beide Parteien dankbar sein.“

WAY OF LIFE: Triumph der netten, kleinen Kette

Restaurantketten, in Deutschland oft verpönt, haben in den USA viele Fans. Manche Ketten sind sogar Kult. Und alle treten regelmäßig in landesweiten Rankings gegeneinander an – was dem Ringen um Qualität nur gut tun kann.

Das Magazin „Newsweek“ und die Datenfirma Statista haben soeben „Amerikas beliebteste Restaurantketten 2022″ vorgestellt. 4000 Befragte urteilten nicht nur über das Essen, sondern auch über die Freundlichkeit des Personals und die Sauberkeit des Restaurants. Eine Rolle spielte auch die Transparenz bei den Zutaten, etwa mit Blick auf Allergene, sowie die Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer und Familien mit Kinderwagen.

Gewinner in der Kategorie „Barbecue“ wurde „Bennigan’s“, eine vor 40 Jahren gegründete Kette, die betont lässig und freundlich daher kommt und ihre irischen Wurzeln („Legendary Irish Hospitality“) betont. Kenner scherzen, die gute Bewertung hänge zusammen mit den im letzten Jahr eingeführten neuen „innovativen“ Drinks – die einen hohen Whiskeygehalt haben sollen.

Das Rennen um die beste Pizzakette gewann „Anthony’s Coal Fired Pizza“, eine Firma, die noch mit frischem Basilikum hantiert. Als Burger-Meister grüßen „Back Yard Burgers“ von Platz 1, eine in den Südstaaten gestartete Kette, die auf simple, aber frische Zutaten setzt. In beiden Fällen gewannen nette, kleinere Ketten – die leider längst nicht überall vertreten sind.

Dagegen schnitten die weltweit bekanntesten Ketten, die auch in den USA die meisten Filialen haben, in der Umfrage schwach ab. McDonald’s rangiert in den Top Twenty der Burger-Ketten auf Platz zwölf, „Pizza Hut“ landet unter den Pizzabäckern auf Platz 17.

Manchmal sagen subtile Veränderungen und Verschiebungen wie diese mehr über den Zeitgeist in einem Land aus als viele politische Statements.

Der nächste USA-Newsletter erscheint am 25. Januar. Bis dahin: Stay cool – and stay sharp!

Ihr Matthias Koch

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Von Matthias Koch/RND