Donnerstag , 27. Januar 2022
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Rettungswagen im Einsatz: „Einen Ausfall kritischer Infrastruktur hatten wir glücklicherweise noch nie.“ Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Katastrophenforscher über die kritische Infrastruktur: „Gut aufgestellt? Da bin ich mehr besorgt als beruhigt“

Berlin. Die Vorbereitungen laufen: In Österreich sind 50 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Wien Energie schon mal in vorsorglicher Quarantäne an ihren Arbeitsplatz gezogen, damit sie Kraftwerke und Müllverbrennungs­anlagen trotz hoher Infizierten­zahlen in der Außenwelt auf jeden Fall weiter­betreiben können. Auch in Deutschland aktivieren Unternehmen, Krankenhäuser und Rettungsdienste ihre Notfallpläne, um einen Ausfall zu verhindern. Die Omikron-Welle könnte bewirken, dass Betriebe und Einrichtungen der sogenannten kritischen Infrastruktur wegen zu vieler Angestellter in Isolation und Quarantäne nicht mehr normal funktionieren – so die Befürchtung. Wie groß ist die Gefahr wirklich? Wie widerstands­fähig sind die essenziellen Einrichtungen? Fragen an den Katastrophen­forscher Professor Wolf Dombrowsky.

Herr Dombrowsky, die Warnungen vor einem Ausfall der kritischen Infrastruktur sind in Deutschland gerade allgegenwärtig – ebenso wie die Aussagen, man sei „gut aufgestellt“. Wie steht es denn wirklich um den Schutz der kritischen Infrastruktur in Deutschland? Sind die Sorgen berechtigt?

Ehrlich gesagt weiß es keiner genau. Wir hatten einen Ausfall kritischer Infrastruktur bislang ja glücklicher­weise noch nie. Und dass wir es nicht wissen, hängt auch mit einem inflationären Begriffs­gebrauch zusammen.

Was ist denn wirklich „kritische Infrastruktur“?

Als kritische Infrastruktur wird eine lebenswichtige Versorgungs­grundeinheit bezeichnet, bei deren Ausfall die Versorgung der gesamten Bevölkerung gefährdet ist. Es gab in den Neunziger­jahren eine bundesweite Übung für das Krisen­management mit dem Szenario Stromausfall. Danach war man auch enorm alarmiert. Im Nachgang haben die meisten Unternehmen, vor allem die Energie­versorger, extrem nachgerüstet, weil man gemerkt hat: Wenn in der Bundes­republik der Strom ausfällt, steht alles still.

„Das Einfallsloseste, was man zum Thema kritische Infrastruktur sagen kann“

Heute dagegen scheint bis auf Kultur und Gastronomie fast alles zur kritischen Infrastruktur zu zählen.

Tatsächlich weiß man heute kaum noch, welche Infrastruktur für welche Infrastruktur lebenswichtige Infrastruktur ist. Wenn Sie ein gekoppeltes System nehmen, wie etwa die Benzin­versorgung, dann können Sie nicht mehr sagen, ob die Schiffe, die das Rohöl transportieren, kritische Infrastruktur sind, das Satelliten­system, das navigiert, das Börsensystem, das die Spritmarkt­preise steuert, oder die Lkw, die das Benzin zu den Tankstellen bringen. Oder zum Beispiel Aldi: Die Registrierkasse stellt den Bestand fest, sie meldet an den Zulieferer, was gebraucht wird, und das wird auf die Straße gesetzt. Da weiß man nicht mehr: Die Straße, die Registrierkasse – was ist eigentlich Infrastruktur wofür?

Was bedeutet es dann, wenn einzelne Unternehmen oder Einrichtungen versichern, sie seien „gut aufgestellt“?

Wenig. Die Aussage, dass man aufs Personal achte und zum Beispiel Feuerwehr­leute und Rettungs­sanitäter nicht in einem Raum schlafen, ist das Einfallsloseste, was man zum Thema kritische Infrastruktur sagen kann. Aus dem Grund bin ich mehr besorgt als beruhigt, wenn Unternehmen erklären, sie seien gut aufgestellt.

Was ist dann Ihre Definition?

Die einzige Frage, die man stellen muss, ist: Was ist substitutions­fähig, also ersetzbar? Ich kann mein elektrisches Licht im Privat­haushalt durch Kerzen substituieren – aber dann hört es beim Strom auch schon rasch auf. Man müsste definieren: Wann ist denn die Versorgungs­sicherheit der gesamten Bevölkerung bedroht? Und das sehe ich im Moment glücklicher­weise nicht.

Wie steht es wegen möglicher Quarantäne- und Krankheitsfälle um das Gesundheits­system?

Das Problem ist real, das kann man an der Personal­knappheit in anderen Ländern in den Krankenhäusern schon sehen. Die waren ja auch schon vor der Pandemie am Limit, weil da Kapazitäten herunter­gefahren worden sind und die Pflege bei der finanziellen Ausstattung weit unten stand. Es werden jetzt schon Leute aus dem Ruhestand gerufen, da wird man auch eine Menge finden. Aber das wird insgesamt nicht reichen. Dort wird es einen Verdrängungs­wettbewerb um die schnellste Behandlung geben, der ja auch schon eingesetzt hat.

„Wenn es hart auf hart kommt, würde man sagen: Wer laufen kann, hilft“

Am Ende werden auch Infizierte ohne Symptome arbeiten müssen?

Wenn die Prognosen stimmen, ist es so, ja. Auf die Schnelle gibt es keine andere Lösung, auch in anderen Bereichen. Wenn es wirklich hart auf hart kommt, würde man doch diese Quarantäne­regel fallen lassen und sagen: Wer laufen kann, hilft.

Sie klingen nicht sonderlich beunruhigt.

Ich halte die Frage nach der kritischen Infrastruktur für viele Bereiche für ein stark überzogenes Problem. Im Extremfall ist es für viele Bereiche außerhalb des Gesundheits­wesens doch egal, ob ich noch jemanden anstecke oder nicht. Die entscheidende, unangenehme Frage des Katastrophen­schutzes vermeiden wir hingegen: Welche Verluste nehmen wir in Kauf, damit unsere Gesellschaft weiterläuft? Stattdessen beschwichtigen wir mit dem Satz, man sei „gut aufgestellt“.

„Wir sind immer noch in der Steinzeit, obwohl wir alle Daten haben“

Hätte man denn im Gesundheits­sektor besser vorsorgen können?

Der Witz ist, dass wir das alles hatten, dass das aber im Zuge der Beendigung des Kalten Krieges alles abgeschafft worden ist. Wir hatten sogenannte Not­kranken­häuser, und wir hatten Vereinbarungen mit den Schwestern­schaften der Hilfs­organisationen, vor allem des Roten Kreuzes. Die konnten alle rekrutiert werden und wurden dann den öffentlichen Krankenhäusern zugeteilt. Das war eine riesenhafte Reservearmee. Das hat man auch aus Kostengründen alles aufgegeben.

Sie hatten auch schon nach der Flut­katastrophe eine mangelhafte Katastrophen­vorsorge in Deutschland beklagt. Ist Deutschland auf Extremfälle einfach nicht richtig vorbereitet?

Ja, leider. Die Daten, die verfügbar waren – Hochwasser­stände, Wetter­prognosen –, sind alle da, wurden aber nicht verknüpft, sie laufen nicht auf einem Echtzeit­monitor bei den Landräten und in den Landratsämtern auf, die dann sofort sehen, was in ihrer Gemeinde los ist, und entscheiden können. Wir sind immer noch in der Steinzeit, obwohl wir alle Daten haben. Es ist einfach so traurig, dass unsere Gesellschaft das nicht nutzt.

„Wie blauäugig wir sind ...“

Wir haben ein Bundesamt für Bevölkerungs­schutz und Katastrophen­hilfe …

… das viel mehr kann, als es darf. Es ist für den Krieg da und hat keine Kompetenz für den Katastrophen­schutz. Das will man jetzt erst ändern, indem die Länder mit in die Einrichtungen des Bundesamtes hineingezogen werden, als eine der Konsequenzen aus der Flutkatastrophe. Dass das die richtige Schluss­folgerung ist, bezweifle ich. Das Bundesamt für Bevölkerungs­schutz muss ans Bundes­kanzler­amt, wie es in allen verantwortungs­vollen Unternehmen ist: Der Krisenmanager sitzt in der Geschäfts­leitung.

Welche Konsequenzen müssten wir noch ziehen?

Wie blauäugig wir sind, haben wir zu Beginn der Pandemie im Bereich Masken­produktion gesehen. Die gesamte Schutzkleidung hatten wir in andere Länder outgesourct. Jetzt gibt es die Überlegung, deutsche Datenbanken zu schaffen, um die Abhängigkeit von amerikanischen zu reduzieren, das wäre ein Fortschritt. Mein Lieblings­beispiel ist der Stadtstaat Singapur: Der schließt Lieferverträge mit anderen Firmen auf dem Festland, wenn die Zulieferer bereit sind, selbst im Kriegsfall noch sechs Monate Liefergarantie zu geben. Aber fragen Sie mal die Betreiber von Nord Stream II, ob da eine Sechs­monats­regelung drin ist. Wir waren in der Vorstellung der internationalen Arbeitsteilung schon sehr vertrauensselig und naiv.

Und das fällt uns im Katastrophen­fall auf die Füße?

So ist es.

Von Thorsten Fuchs/RND