Donnerstag , 27. Januar 2022
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Das Hotel Miramar auf Sylt hat wegen der Corona-Situation auf der Insel geschlossen. Quelle: Miriam Keilbach

Von Sylt lernen? Warum eine Insel zum Vorbild für das ganze Land werden könnte

Nieselregen, Wind, Temperaturen um den Gefrierpunkt. Es ist ungemütlich an diesem Abend auf Sylt. Vier Jugendliche spazieren durch die Fußgänger­zone von Westerland, unterhalten sich über Plastik­strohhalme und Schulaufgaben. Es ist so leise, dass man sie auf 50 Meter Abstand hören kann. Sie machen kurz am Kino halt, doch sie können nur die Filmplakate betrachten. Das Kino ist geschlossen, teilt ein Zettel an der Glastür mit. Eine ältere Dame huscht im Rollator vorbei, sie kommt von einem Spaziergang am Strand. „Ich lese gar keine Nachrichten mehr“, sagt sie. „Das kommt alles vom Massen­tourismus.“

Es ist ruhig auf Sylt in diesen Tagen. Das liegt nicht nur daran, dass der Januar der tote Monat ist und es kaum Touristen an die raue Nordsee zieht – sondern auch daran, dass jeder 16. Insulaner in Isolation oder Quarantäne ist. 480 Corona-Infizierte gab es am Mittwoch bei 18.118 Einwohnern, weitere 617 waren als Kontakt­­personen in Quarantäne.

Bars, Kitas, Werk­stätten und Shops schließen – weil das Personal in Quarantäne ist

„Es gab hier die Einstellung, dass uns eh nichts passieren kann“, sagt Insulaner Markus Gieppner, „es ärgert mich, wenn Leute heute noch Partys feiern müssen. Warum muss das jetzt sein?“ Er gehört zu jenen, die die Situation auf Sylt beunruhigt. „Es herrscht eine Unsicherheit hier, die meisten Leute, die ich kenne, bleiben einfach zu Hause.“ Die eigentlichen Corona-Zahlen seien wahrscheinlich sogar noch höher, denn: In die Statistik gehen nur Neuinfektionen von Personen ein, die ihren Erst­wohnsitz auf Sylt haben, nicht die von Urlaubern.“

„Man kriegt langsam Angst“, sagt Kerstin Appel, die auf einer Bank an der Strand­promenade von Westerland sitzt. Die gebürtige Sylterin blickt auf die aufgewühlte Nordsee, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sie kommt gerade vom Corona-Test, alle paar Meter findet sich ein Test­zentrum auf Sylt. „Ich bin geboostert, aber man macht sich ja doch Sorgen.“

73 Prozent der Corona-Infektionen in Deutschland sind Omikron

Die Omikron-Variante stellt tatsächlich nicht nur die Insel, die gerade wegen eines angeblich selbst verordneten Lockdowns Schlagzeilen macht, vor eine Heraus­­forderung. Was seit Tagen auf Sylt zu beobachten ist, könnte in den kommenden Tagen ganz Deutschland betreffen: wenige schwere Corona-Infektionen, dafür aber eine bedrohte Infrastruktur, weil zu viele Menschen in Quarantäne sind. In Bremen fällt in manch einem Pflege­heim die Hälfte des Personals aus, in Berlin wird der Busverkehr eingeschränkt, weil sich zu viele Busfahrer isolieren müssen.

Rund 73 Prozent der übermittelten Neu­infektionen gehen laut Wochen­bericht des Robert Koch-Instituts (RKI) auf Omikron zurück; damit ist die Variante erstmals die dominierende hierzulande. Bremen führt die Liste an, sowohl in Sachen Inzidenz (Stand von Freitag: 1553,6) als auch beim Anteil von Infektionen mit Omikron: 96 Prozent der übermittelten Fälle in Bremen, schreibt das RKI, seien Omikron-Infektionen.

Im Gesundheitsamt des Landkreises Nordfriesland, das für Sylt verantwortlich zeichnet, sind seit dieser Woche sechs Bundeswehr­­soldaten im Einsatz, um die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei der Kontakt­­nachverfolgung zu unterstützen. Obwohl in den vergangenen anderthalb Jahren 30 bis 40 Kollegen und Kolleginnen neu eingestellt wurden, bringt die Dynamik von Omikron das Gesund­heitsamt an Grenzen.

Eigentlich sei das Ziel, tagesaktuell die Neu­infizierten anzurufen, um sie aufzuklären, was zu tun sei, sagt Kreissprecher Hans-Martin Slopianka. „Das schaffen wir seit Omikron nicht mehr. Es ist einfach zu viel.“ Seit einer Woche bekommen Neuinfizierte nun eine SMS mit einem Link, „da stehen alle Informationen drin“.

Frankfurt: Infizierte müssen Kontaktpersonen selbst informieren

Das Gesundheitsamt in Frankfurt am Main, eines der fünf größten der Republik, hat die Kontakt­­nachverfolgung bereits ganz eingestellt. „Neuinfizierte bekommen Post, dass sie ihre engen Kontakte selbst informieren sollen“, sagt Amtsleiter Peter Tinnemann. Man versuche, Menschen aus den Risiko­gruppen – Alte und chronisch Kranke – telefonisch zu erreichen, für mehr reicht es nicht. „Wir haben so viele Fälle wie noch nie zuvor. Da müssen wir priorisieren.“

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Frankfurt liegt am Freitag bei 795,8, doch Tinnemann erwartet, dass die Infektions­zahlen weiter steigen werden. Andere Arbeiten müssen ruhen, geplante Urlaube werden verschoben, an Wochenenden wird gearbeitet, und es gibt Hilfe von anderen Ämtern, von Studierenden und RKI-Scouts, auch bei der Bundeswehr hat die Stadt Frankfurt angefragt. Der Krisenstab hat bereits vor Weihnachten getagt, um sich darauf vorzubereiten, die kritische Infrastruktur aufrecht­zu­erhalten. Dennoch kann es zu Engpässen kommen, wie man auf Sylt gesehen hat. „Man kann nicht so schnell mit Personal nachsteuern, wie Omikron es erfordert“, sagt Tinnemann.

Omikron in Deutschland: zwischen Hoffen und Angst vor der Katastrophe

Es ist eine merkwürdige Stimmung im Land. Einerseits das Hoffen darauf, dass Omikron durch mildere Verläufe und hohe Durch­seuchung zum Ende der Pandemie führt und Corona seinen Schrecken verliert. Andererseits die Angst vor der Katastrophe, wenn durch Personal­­knappheit wegen Quarantäne die Versorgung wackelt oder durch die schiere Masse an Neu­infektionen auch wenige schwere Verläufe ausreichen, um Kliniken zu überlasten – zumal viele Intensiv­­stationen noch mit Delta-Patienten gefüllt sind.

Auf Sylt ist dieser Widerspruch spürbar. In der gesamten Woche war kein einziger Corona-Patient in der Nordsee­­klinik in Behandlung, trotzdem bereitet man sich auf den schlimmsten Fall vor: Das Personal ist noch knapper als sonst. „In Gebieten mit hoher Inzidenz sind natürlich auch Kollegen betroffen, deshalb stellen wir auf Not­programm um“, sagt Mathias Eberenz, Sprecher der Asklepios-Kliniken, zu denen die Nordsee­­klinik gehört. Planbare Operationen und Untersuchungen wurden verschoben. „Wir wissen ja nicht, was noch kommt.“

Zu viele in Quarantäne: Großbritanniens Kliniken vor Kollaps

Vielerorts hat man deshalb an die Politik appelliert, die Quarantäne­­regelungen anzupassen. „Das Ausland macht es vor“, sagt Tinnemann, „fünf, sieben Tage Quarantäne könnten bei Omikron reichen.“ Es müsse möglich sein, dass sich auch Infizierte mit keinen oder nur leichten Symptomen nach einigen Tagen freitesten könnten. „Wir müssen die Risiko­­bewertung rationalisieren“, sagt er.

In Großbritannien haben beispielsweise nicht die Infizierten das Gesundheits­­system an den Rande des Kollapses gebracht – laut „The Guardian“ haben 24 Kliniken allein seit Neujahr den Ernstfall ausgerufen, weil sie die Grund­­versorgung nicht mehr gewährleisten können. Es war der Personal­­mangel aufgrund der angeordneten Quarantäne. Sechs Millionen Menschen warten inzwischen auf planbare Operationen und Untersuchungen.

Quarantäne darf verkürzt werden – wie reagieren die Länder?

Am Freitag beschlossen Bundestag und Bundesrat, dass die bisher geltenden 14 Tage verkürzt werden können, geboosterte Kontakt­­personen können gänzlich befreit werden. Die Bundes­politik argumentiert, dadurch den personellen Zusammen­bruch wichtiger Versorgungs­­bereiche verhindern zu wollen.

Doch: Jedes Bundesland entscheidet selbst, wer als Kontakt­person in Quarantäne muss und wie lange sich sowohl Infizierte als auch ihre Kontakte isolieren müssen. In Schleswig-Holstein hat man die Zeit bereits auf zehn Tage verkürzt – Tinnemann hält das noch immer für zu lange. Hessen, Bremen und andere Bundesländer wollen in der kommenden Woche neue Verordnungen beschließen.

Omikron trifft vor allem junge Menschen

Das Gesundheits­amt Frankfurt ist da in enger Abstimmung mit Kollegen in Großbritannien und im südlichen Afrika. Dort scheint der Höhepunkt der Omikron-Welle erreicht. Erste Daten zeigen sehr viele Infektionen bei wenig Intensiv­­patienten. Geimpfte sind besser vor einem schweren Verlauf geschützt als Ungeimpfte, aber auch diese haben bessere Chancen auf weniger schwere oder gar tödliche Krankheits­­verläufe als noch bei Delta. Betroffen von Omikron: vor allem Kinder, Jugendliche und junge Menschen unter 30. In Deutschland liegt die Inzidenz in der Altersgruppe von 15 bis 29 Jahren bei über 700.

Trotz dieser Hinweise gibt es keine Entwarnung. „Omikron durch­rauschen zu lassen ist keine gute Idee“, sagt der Virologe Wolfgang Reiser von der südafrikanischen Universität Stellenbosch. Es komme zu Todesfällen und Aufenthalten auf Intensiv­stationen, und vor allem bei Risiko­patienten sei der Impfschutz nicht so stark wie erhofft. Daten über Long Covid liegen zudem noch nicht vor.

Ob Europa auch so glimpflich davon­kommt? Reiser verweist darauf, dass in Südafrika Sommer ist, während Omikron Europa im Winter erwischt. Doppel­­infektionen etwa mit der Influenza seien denkbar. Zudem zeigte sich schon früher, dass die Sterblichkeit in Europa deutlich höher ist als im südlichen Afrika.

Sieben-Tage-Inzidenz über 1500: Bremen ist Deutschlands Corona-Hotspot

In den Omikron-Hotspots ist diese Entwicklung noch nicht zu sehen. Bremen etwa verzeichnet aktuell 16.149 Infizierte, das macht eine Inzidenz von 1533,6 – der Spitzenwert in Deutschland. Von den Infizierten wurden am Freitag 139 in Kliniken behandelt, 28 auf der Intensiv­station. Einerseits sehe man eine Vielzahl an Menschen ohne oder mit nur leichtesten Symptomen. Andererseits, so Jörn Moock, Leiter des Gesundheits­amtes Bremen, seien die milden Verläufe nicht unbedingt so mild, wie die Bezeichnung es vermuten lasse. „Das ist nicht ein bisschen Schnupfen und Halsweh, auch mit einem milden Verlauf kann man im Krankenhaus landen, es ist lediglich nicht lebens­­bedrohlich.“

Was in Bremen zusätzlich Sorge bereitet: In den Pflegeheimen kam es zu etlichen Ausbrüchen. Eine Vermutung: Durch frühes, konsequentes Impfen wurden viele Senioren bereits im September geboostert – der Schutz der Drittimpfung könnte nachgelassen haben. Während die Kliniken noch mit normaler Personalstärke arbeiten, fallen in Pflege­einrichtungen bis zu 50 Prozent des Personals aus.

Bremen rechnet mit Corona-Ausbrüchen in Schulen und Kitas

„Wir gehen von einem weiteren Anstieg aus – und von einem höheren Bedarf an normalen Krankenhaus­­betten“, sagt Moock, denn: In dieser Woche haben Kitas und Schulen wieder geöffnet. „Wir müssen dort mit Ausbrüchen rechnen.“ Sollte es so weit kommen, könnten Schulen und Kitas wieder schließen.

Auf Sylt ist das passiert, nachdem sich eine Erzieherin und ein Kind infiziert hatten. Seither ist die Kita geschlossen – wie so vieles andere, von Restaurants über Auto­­werkstätten bis zu Läden. An vielen Fenstern kleben Zettel, die auf eine Schließung wegen Corona hinweisen. Es ist das, was auf alle zukommen könnte: eine Zwangsruhe vor dem erhofften Ende der Pandemie.

Von Miriam Keilbach/RND