Donnerstag , 27. Januar 2022
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Neujahrsgrüße aus Moskau: Der Kreml stellte dieses Foto des russischen Präsidenten am 1. Januar der Weltpresse zur Verfügung. Gerade wegen Wladimir Putin aber ist die Welt sich nicht sicher, ob 2022 wirklich ein gutes neues Jahr wird. Quelle: AP

Putin im Cäsarenwahn? Der einsame Angstmacher im Kreml

Wer zu Wladimir Putin will, muss erst mal durch einen zischenden Hightechtunnel.

Händewaschen, Impfung und negativer Test genügen nicht. Der russische Präsident besteht außerdem auf einer maschinellen Desinfektion der Köpfe.

Fauchend pustet die Anlage jedem Besucher eine Aerosolwolke mit nicht näher beschriebenen Chemikalien von oben auf den Schädel. Das sieht dann immer etwas bizarr aus, als wollten komplett Angezogene, oft mit Anzug und Schlips, mal eben duschen.

Putin-Erklärer und Putin-Verehrer kontern: Warum soll ein russischer Präsident nicht seine ganz eigenen Maßstäbe definieren?

Das tut Putin in der Tat. Ende Dezember mussten in Moskau auch westliche Journalisten in den staatlichen Sprühnebel, auf dem Weg zu einer Pressekonferenz mit Putin. Noch mehr als die Kurzdusche aber gab ihnen zu denken, dass jeder einzelne Journalist vorab sage und schreibe drei PCR-Tests vorlegen musste.

Was ist los mit Putin?

Den Eindruck, dass der Mann im Kreml immer mehr „in einer ganz eigenen Welt“ lebe, gewann Angela Merkel bereits im Jahr 2014. Damals, lange vor Corona, führte die Kanzlerin angesichts der Krimkrise ein Gespräch mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama, dessen Inhalt in den USA teilweise an die Medien gelangte. Sie sei sich „nicht sicher“, wurde Merkel damals zitiert, „ob Putin überhaupt noch Kontakt zur Realität hat“.

Die bange Frage von damals gewinnt heute, angesichts der Ukraine-Krise, eine beklemmende Aktualität.

Wie steht es um die psychische Verfassung des obersten Befehlshabers der 100.000 russischen Soldaten, die gerade an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen wurden – und seit Wochen die ganze Welt rätseln lassen, ob Krieg oder Frieden in Europa zu erwarten ist?

Auch langjährige Moskau-Kenner geraten inzwischen ins Grübeln. Ist Putin wirklich der geniale Schachspieler, als der er selbst gern gesehen wird? Das Computerhirn, das kühle Genie? Oder fehlt den immer maßloseren Machtproben, die er der Welt bietet, inzwischen ein rationaler Kern?

Nie war er so isoliert wie heute

Unumstritten ist unter Fachleuten immerhin eins: Putin war noch nie so isoliert wie heute. Es ist eine selbst gewählte Einsamkeit. Systematisch hat Russlands Staatschef immer mehr Macht in seinen eigenen Händen konzentriert. „Putin ist inzwischen nur noch umgeben von Leuten, die ihn nicht mehr kritisieren“, sagt der Russland-Experte Fabian Burkhardt vom Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg.

Genau dies könne sich verhängnisvoll auswirken, warnt die amerikanische Politologin und Diktaturforscherin Erica Frantz, Autorin des Standardwerks „Authoritarianism - What everyone needs to know“.

Russland, erläuterte Frantz dieser Tage dem RND, habe sich zu einer „personalistischen Diktatur“ entwickelt. Geführt werde das atomar bewaffnete Land von einem einzelnen Individuum, das nur noch umgeben sei von Jasagern und ausgehöhlten staatlichen Institutionen, die nichts mehr bremsen könnten. „In einem solchen Umfeld gehen politische Führer höhere Risiken ein“, warnt Frantz, die an dieser Stelle sogar noch Abstufungen zu Parteidiktaturen wie in Vietnam oder Militärdiktaturen wie in Myanmar sieht: „Personalistische Diktaturen beginnen am ehesten Konflikte mit anderen Staaten und geben am seltensten nach.“

Ganz am Anfang seiner Ära trat Putin noch ganz anders auf, viel kooperativer. Da zeigte er sich dem Rest der Welt gegenüber gesprächsbereit und gab dem Thema Wirtschaft viel Gewicht.

Wann und wie kam es dann zur Verfinsterung seines Blicks nach Westen?

Auf dem Weg zum „Sado-Populismus“

Der Kreml argumentiert in diesen Tagen mit der Nato-Osterweiterung: Damit habe der Westen neue militärische Bedrohungen geschaffen und Russland in die Enge getrieben. Tatsächlich traten 1999 Polen, Tschechien und Ungarn der Nato bei, 2004 folgten Estland, Lettland und Litauen.

Der extrem repressive Kurs Putins begann indessen erst Ende 2011. Da ging es um etwas ganz anderes: die Bedrohung seiner Macht im Inneren. Rebellionen unter anderem in Ägypten, Algerien, Libyen, Syrien und Tunesien ließen damals weltweit so viele Diktaturen gleichzeitig wackeln wie noch nie. Die Demokratie schien plötzlich allerorten auf der Gewinnerseite zu sein, die Ablösung von autoritären Herrschern aller Art nur noch eine Frage der Zeit. Auch in Moskau gingen auf einmal massenhaft Menschen auf die Straße, „mit neuer Unbekümmertheit“, wie Zeitzeugen sagen. Die Demonstrationen nach den russischen Parlamentswahlen im Dezember 2011 mit zeitweise mehr als 100.000 Teilnehmern pro Kundgebung gerieten zu den größten Anti-Putin-Protesten aller Zeiten.

Putin reagierte eiskalt - und zog die Zügel seines schon zuvor nicht zimperlichen Überwachungsstaats an. Der Inlandsgeheimdienst FSB übernahm die vollständige Kontrolle über jeden digitalen Vorgang im Land. Bei der Polizei wurden 400.000 Mann direkt dem Präsidenten unterstellt. Zugleich wurden Putins Leibgarden, vom Elitekämpfer bis zum Vorkoster, einmal mehr verstärkt. Den Anführern der Proteste von 2011 erging es schlecht. Alexej Nawalny wurde 2013 zu fünf Jahren Haft verurteilt und später vergiftet, Boris Nemzow wurde 2015 nachts in Moskau von einem Killer auf der Großen Moskwa-Brücke erschossen.

Russlands Wohlstandsgewinne durch Öl- und Gasverkauf fielen in jenen Jahren nicht mehr ganz so üppig aus. Als Ersatz bot Putin Land und Leuten nun etwas Neues: mehr Strenge im Inneren, aber auch mehr nationalistischen Glanz nach außen. Die völkerrechtswidrige Annexion der Krim 2014, strahlend in Szene gesetzt von Putins Staatsfernsehen, schuf bei einer Mehrheit der Russen freudige Erregung.

Keinem Russen ging es dadurch besser. Aber immerhin erhob man sich über andere, über Geringere. Von „Sado-Populismus“ spricht der renommierte US-Historiker Timothy Snyder, der parallele Ansätze später auch bei Donald Trump entdeckte: Viele Menschen seien leider bereit, sich dominanten Figuren auszuliefern, die ihnen Schaden und Schmerzen zufügen - wenn sie ihnen mit großer Geste Orientierung versprechen und ein Zusammenrücken unter den nationalen Farben.

„Gefangener der eigenen Schöpfung“

Putin erreichte tatsächlich neue Popularität durch eine kollektive Abkehr vom Realen. Dass der Realitätsverlust nach und nach auch ihm selbst drohen würde, verkannte er.

Der Russland-Experte Fabian Thunemann von der Humboldt-Universität Berlin verweist seit vielen Jahren auf die gestörte Kommunikation in autoritären Regimen. „In ihnen leidet nicht nur die Bevölkerung unter einem Wahrheitsdefizit, auch der Souverän selbst wird zum Gefangenen der eigenen Schöpfung“, schrieb Thunemann 2018 in einem Aufsatz in der „Neuen Zürcher Zeitung“.

Zu Putins Schöpfungen in jener Zeit gehörten die größten Rüstungsanstrengungen in der russischen Geschichte. Putin ließ neue Raketen bauen und neue Überschallgeschosse, mit denen Russland, wie er betonte, vor dem Westen liege. Hinzu kamen nie dagewesene Unterwasserdrohnen, die nukleare Bomben in feindliche Häfen schieben und dort nichts Geringeres auslösen sollen als radioaktive Tsunamis. Putins haarsträubendes „Poseidon“-Waffe lässt an die Weltbeherrschungspläne kichernder Bösewichter in James-Bond-Filmen denken.

Ist das alles noch genial oder schon wahnsinnig? Egal: Es befeuert so schön die wohligen Überlegenheitsgefühle.

Trotz alledem beharren die meisten deutschen Außenpolitiker noch immer auf ihrem hergebrachten Bild eines letztlich klugen, kühl kalkulierenden, jedenfalls für rationale Argumente erreichbaren russischen Staatschefs. „Ich halte Putin nicht für einen irrationalen Hasardeur“, gab dieser Tage in diversen Interviews etwa Wolfgang Ischinger zu Protokoll, der früher Staatssekretär im Auswärtigen Amt war und Botschafter in Washington.

Ein erfahrener Psychologe sieht schwarz

Was aber, wenn Ischinger, politisch groß geworden im braven Bonn, sich irrt? Dann gibt es in Kürze einen Krieg in der Ukraine – von dem niemand weiß, welche Kettenreaktionen er noch auslöst. Bei der Nato wird laut „Spiegel“ nicht einmal mehr ausgeschlossen, dass Putin über die Ukraine hinaus den bewaffneten Konflikt mit dem Westen suchen könnte. Es gebe „die Befürchtung, die russischen Streitkräfte könnten ihre zuletzt teils massiv gesteigerte Präsenz im Mittelmeer, im Nordatlantik und in der Arktis nutzen, um auf breiter Front loszuschlagen – selbst gegen Nato-Staaten.“

Ist Putin am Ende vielleicht doch genau das: ein irrationaler Hasardeur? Der Psychologe und Hirnforscher Ian Robertson hält diese Deutung durchaus für möglich.

„Ich bin da leider pessimistisch“, sagte Robertson dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Im Ukraine-Konflikt sei die Anwendung militärischer Gewalt aus seiner Sicht „sehr wahrscheinlich“. Dies beziehe er wohlgemerkt nicht auf irgendeinen außen- oder militärpolitischen Aspekt – „ich sage das als Psychologe.“

Robertson hat jahrzehntelang in Irland und in den USA gelehrt. In Dublin gründete er das Trinity College Institute of Neuroscience, er ist Autor vieler Sachbücher, die sich um Psychologie und Macht drehen. Im Jahr 2014 schrieb er in der Zeitschrift „Psychology Today“ erstmals über „Die Gefahr, die in Wladimir Putins Gehirn lauert“.

Ein Spiel mit „gezielter Uneindeutigkeit“

Eine Pathologisierung von Politikern ist unter Psychologen und Psychiatern eigentlich verpönt. Robertson aber meint, im Fall von Putin sei ausnahmsweise eine Warnung geboten, auch und gerade aus ethischen Gründen. Denn: „Inzwischen ist alles noch schlimmer geworden.“

Putin zeige alle klassischen Merkmale eines Menschen, der eine viel zu lange Phase in der Position großer Macht nicht verkraftet habe. Stärker denn je vermittele Putin zum Beispiel den Eindruck, dass er zwischen sich selbst als Person und dem russischen Staat keinen Unterschied mehr sehe. Beängstigend sei auch Putins ins Extreme gewachsene Verachtung für alle Kontrollinstanzen, die in intakten Demokratien geschaffen wurden, um Entgleisungen der Mächtigen in Schach zu halten: freie Presse, freie Parlamente, unabhängige Gerichte, freie Meinungsäußerungen auf der Straße.

Cäsarenwahn: So beschrieben Historiker und Psychologen schon immer die in hohen Machtpositionen drohenden Deformationen. Gehört auch Putin in diese Kategorie?

Ein Mann aus hohen Führungskreisen der Bundeswehr glaubt, Putin gefalle es, dass sich an dieser Frage mittlerweile die Geister scheiden. Offiziell darf der deutsche Militärexperte sich in Interviews nicht äußern, sein Name muss unerwähnt bleiben. Doch es ist ihm ein Anliegen, auf die „gezielte Uneindeutigkeit“ in Putins Verhalten zu verweisen.

Putin wolle auf diese Art anderen Angst machen. Darin liege für den russischen Präsidenten - „auch wenn das für die Ischingers dieser Welt schwer zu begreifen ist“ - nicht eine Methode, um irgendetwas anderes zu erreichen, sondern die Erzeugung von Angst sei bereits das Ziel. „Alle anderen sollen zittern.“ Als Stratege werde Putin maßlos überschätzt. Eher sei er „wie der böse Junge in der Schulklasse, der andere immer wieder bedrängt und bedroht, ohne selbst genau zu wissen, wie und wo die Sache endet.“

Krieg oder Frieden?

Ähnlich sieht es der Moskauer Korrespondent der „New York Times“, Anton Troianovski. Ob Putin Krieg wolle oder Frieden, schrieb er dieser Tage, wisse wirklich niemand, auch nicht in Moskaus innersten Zirkeln: „Wahrscheinlich hat Putin selbst es noch gar nicht entschieden.“

Ist also alles nur ein zynisches Spiel, das Putin am Ende noch genießt? Psychologe Robertson winkt ab. Niemand genieße jetzt irgendetwas. Auch Putin selbst sei in diesem Drama längst ein Leidender: „Zum Ende hin werden psychologisch ausgezehrte Diktatoren immer stärker umgetrieben von der Angst, dass man ihnen nach dem Leben trachten könne – eine Überlegung, die ja häufig nicht ganz aus der Luft gegriffen ist.“

Der Angstmacher hat auch selbst Angst: Wer Putin verstehen will, muss diesen beklemmenden Gesamtzusammenhang sehen, in den sich der russische Präsident im Laufe der 21 Jahre hineingeschraubt hat. So erklärt sich vieles, auch das Zischen und Fauchen in Putins Tunnel.

Von Matthias Koch/RND