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Wladimir Putin Quelle: Aleksey Nikolskyi/Sputnik/dpa

Putin im Cäsarenwahn? Der einsame Kriegsherr im Kreml

Psychologen und Historiker haben die Welt schon vor Kriegsbeginn gewarnt: zeigt Anzeichen eines Realitätsverlusts. Dies sei nicht ungewöhnlich bei einer so langen Kombination aus extremer Einsamkeit und extremer Macht, sagen Experten. Der russische Präsident, seit 21 Jahren an den Schalthebeln in Moskau, trifft schon lange niemanden mehr, der ihm widerspricht.

Wer zu will, muss erst mal durch einen zischenden High-Tech-Tunnel.

Händewaschen, Impfung und negativer Test genügen nicht. Der russische Präsident besteht zusätzlich auf einer maschinellen Desinfektion der Köpfe.

Fauchend pustet die Anlage jedem Besucher eine Aerosolwolke mit nicht näher beschriebenen Chemikalien von oben auf den Schädel. Das sieht dann immer etwas bizarr aus, als wollten komplett Angezogene, oft mit Anzug und Schlips, mal eben duschen. Auch westliche Journalisten musste Ende Dezember in diesen staatlichen Sprühnebel, auf dem Weg zu einer Pressekonferenz mit Putin. Zudem musste jeder einzelne Journalist vorab sage und schreibe drei PCR-Tests vorlegen.

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Im Februar 2022 setzten sich die Seltsamkeiten fort. Erst wurde der französische Präsident, dann der deutsche Bundeskanzler bei Besuchen im Kreml auf eine weltweit einmalige Weise auf Abstand gehalten. Dass beide durchgeimpft sind und fit, spielte keine Rolle - sie mussten am langen Ende eines Sechs-Meter-Tisches Platz nehmen.

Putin-Erklärer und Putin-Verehrer konterten: Warum soll ein russischer Präsident nicht bei der Corona-Abwehr seine ganz eigenen Maßstäbe definieren?

Das tut Putin in der Tat.

Was ist los mit Putin?

Den Eindruck, dass der Mann im Kreml „in einer ganz eigenen Welt“ lebe, gewann Angela Merkel bereits im Jahr 2014.

Damals, lange vor Corona, führte die Kanzlerin angesichts der Krimkrise ein Gespräch mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama. Der Inhalt gelangte in den USA teilweise an die Medien. Sie sei sich „nicht sicher“, wurde Merkel damals zitiert, „ob Putin überhaupt noch Kontakt zur Realität hat“.

Die bange Frage von damals gewinnt heute, angesichts des Kriegs in der Ukraine, eine beklemmende Aktualität.

Wie steht es um die psychische Verfassung des Mannes, der gerade die schlimmste europäische Katastrophe seit 1945 in Gang gesetzt hat?

Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock griff bereits auf offener Bühne zu einer Vokabel aus der Psychiatrie, als sie den russischen Staatschef am Donnerstag im ZDF kritisierte: Wenn man wie Putin bereit sei, das Leben „von Kindern, Frauen und Männern aufs Spiel zu setzen, um seine Wahnvorstellungen durchzusetzen, dann ist das menschenverachtend“, sagte die Grünen-Politikerin.

Auch langjährige Moskau-Kenner geraten inzwischen ins Grübeln. Ist Putin wirklich der geniale Schachspieler, als der er selbst gern gesehen wird? Das Computerhirn, das kühle Genie? Oder fehlt den Machtprobe, die er jetzt der Welt bietet, ein rationaler Kern?

Nie war er so isoliert wie heute

Unumstritten ist unter Fachleuten immerhin eins: Putin war noch nie so isoliert wie heute. Es ist eine selbst gewählte Einsamkeit. Systematisch hat Russlands Staatschef immer mehr Macht in seinen eigenen Händen konzentriert.

„Putin ist inzwischen nur noch umgeben von Leuten, die ihn nicht mehr kritisieren“, sagt der Russland-Experte Fabian Burkhardt vom Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg.

Genau dies könne sich verhängnisvoll auswirken, warnte schon vor Kriegsbeginn die amerikanische Politologin und Diktaturforscherin Erica Frantz, Autorin des Standardwerks „Authoritarianism - What everyone needs to know“.

Russland, erläuterte Frantz dem RND, habe sich zu einer „personalistischen Diktatur“ entwickelt. Geführt werde das atomar bewaffnete Land von einem einzelnen Individuum, das nur noch umgeben sei von Jasagern und ausgehöhlten staatlichen Institutionen, die nichts mehr bremsen könnten.

„In einem solchen Umfeld gehen politische Führer höhere Risiken ein“, warnte Frantz, die an dieser Stelle sogar noch Abstufungen zu Parteidiktaturen wie in Vietnam oder Militärdiktaturen wie in Myanmar sieht: „Personalistische Diktaturen beginnen am ehesten Konflikte mit anderen Staaten und geben am seltensten nach.“

Ganz am Anfang seiner Ära trat Putin noch ganz anders auf, viel kooperativer. Da zeigte er sich dem Rest der Welt gegenüber gesprächsbereit und gab dem Thema Wirtschaft viel Gewicht.

Wann und wie kam es dann zur Verfinsterung seines Blicks nach Westen?

Wachsende Sorge um sich selbst

Der Kreml argumentierte in den Wochen vor dem Angriff auf die Ukraine immer wieder mit der Nato-Osterweiterung: Damit habe der Westen neue militärische Bedrohungen geschaffen und Russland in die Enge getrieben. Tatsächlich traten 1999 Polen, Tschechien und Ungarn der Nato bei, 2004 folgten Estland, Lettland und Litauen.

Der extrem repressive Kurs Putins begann indessen erst Ende 2011. Da ging es um etwas ganz anderes: die Bedrohung von Putins Macht durch die Demokratiewegung.

Rebellionen unter anderem in Ägypten, Algerien, Libyen, Syrien und Tunesien ließen damals weltweit so viele Diktaturen gleichzeitig wackeln wie noch nie. Die Demokratie schien plötzlich allerorten auf der Gewinnerseite zu sein, die Ablösung von autoritären Herrschern aller Art nur noch eine Frage der Zeit. Auch in Moskau gingen auf einmal massenhaft Menschen auf die Straße, „mit neuer Unbekümmertheit“, wie Zeitzeugen sagen. Demonstrationen nach den russischen Parlamentswahlen im Dezember 2011 mit zeitweise mehr als 100.000 Teilnehmern pro Kundgebung gerieten zu den größten Anti-Putin-Protesten aller Zeiten.

Laut „Newsweek“ zog sich Putin im Jahr 2012 in sein Anwesen vor den Toren Moskaus zurück und reduzierte Termine im Kreml auf ein Minimum. Putins Tage in der Abgeschiedenheit begannen angeblich mit geschlagenen zwei Stunden Schwimmen, gefolgt von Training mit Gewichten. Zunehmend beschäftigte er sich mit Geschichtsbüchern. Minister, die mit Fragen des Tages zu ihm kamen, ließ er oft viele Stunden warten, wenn er sie überhaupt empfing.

Bis heute gehört zu Putins Stil die Demütigung wichtiger Mitarbeiter in großer Runde. Kurz vor der völkerrechtswidrigen Anerkennung der ukrainischen Regionen Donezk und Luhansk verlangte er von sämtlichen Mitgliedern seines nationalen Sicherheitsrat vor laufenden Kameras ein Bekenntnis, dass dieser Weg der richtige sei. Als sein Geheimdienstchef Sergej Naryschkin sich dabei wie ein aufgeregter Schuljunge mehrfach verhaspelte, sagte Putin kopfschüttelnd und mit wachsender Säuernis: „Reden Sie deutlich.“ Alle übrigen Versammelten im Kreml blickten angestrengt auf ihre Fußspitzen.

Wachsende Härte gegenüber Kritikern

Putins zunehmende Sorge um sich selbst geht seit Jahren einher mit einer zunehmenden Härte gegenüber anderen.

Westliche Medien, darunter die britische Boulevardzeitung „Daily Star“ begannen sich über die „Armee von Vorkostern“ zu amüsieren, die Putin anheuern ließ. Auch das Wasser in Putins Pool müsse laufend auf chemische Substanzen untersucht werden, die den russischen Präsidenten vielleicht gefährden könnten.

Zur gleichen Zeit zog Putin die Zügel seines schon zuvor nicht zimperlichen Überwachungsstaats an. Der Inlandsgeheimdienst FSB übernahm die vollständige Kontrolle über jeden digitalen Vorgang im Land. Die Polizeistrukturen veränderte Putin so, dass von nun an 400.000 Mann direkt ihm unterstellt wurden. Eine solche Bündelung von Macht in der Hand eines einzigen Mannes hatte Russland seit dem Mauerfall noch nicht gesehen.

Den Anführern der Proteste von 2011 erging es schlecht. Alexej Nawalny wurde 2013 zu fünf Jahren Haft verurteilt und später vergiftet, Boris Nemzow wurde 2015 nachts in Moskau von einem Killer auf der Großen Moskwa-Brücke erschossen.

Strahlend inszenierter Völkerrechtsbruch

Russlands Wohlstandsgewinne durch Öl- und Gasverkauf fielen in jenen Jahren nicht mehr ganz so üppig aus. Als Ersatz bot Putin Land und Leuten nun etwas Neues: mehr Strenge im Inneren, aber auch mehr nationalistischen Glanz nach außen. Die völkerrechtswidrige Annexion der Krim, 2014 strahlend in Szene gesetzt von Putins Staatsfernsehen, schuf bei einer Mehrheit der Russen freudige Erregung.

Keinem Russen ging es dadurch besser. Aber immerhin erhob man sich über andere, über Geringere.

Von „Sado-Populismus“ spricht der renommierte US-Historiker Timothy Snyder: Viele Menschen seien leider bereit, sich dominanten Figuren auszuliefern, die ihnen Schaden und Schmerzen zufügen - wenn sie ihnen zum Ausgleich mit großer Geste Orientierung versprechen und ein wohliges Zusammenrücken unter den nationalen Farben.

„Gefangener der eigenen Schöpfung“

Putin erreichte tatsächlich eine demoskopisch messbare neue Popularität - allerdings durch eine kollektive Abkehr vom Realen. Dass der Realitätsverlust nach und nach auch ihm selbst drohen würde, verkannte er.

Der Russland-Experte Fabian Thunemann von der Humboldt-Universität Berlin verweist seit vielen Jahren auf die gestörte Kommunikation in autoritären Regimen. „In ihnen leidet nicht nur die Bevölkerung unter einem Wahrheitsdefizit, auch der Souverän selbst wird zum Gefangenen der eigenen Schöpfung“, schrieb Thunemann schon 2018 in einem Aufsatz in der „Neuen Zürcher Zeitung“.

Zu Putins Schöpfungen in jener Zeit gehörten die größten Rüstungsanstrengungen in der russischen Geschichte.

Putin ließ neue Raketen bauen und neue Überschallgeschosse, mit denen Russland, wie er betonte, erstmals technologisch vor dem Westen liege. Hinzu kamen nie dagewesene Unterwasserdrohnen, die nukleare Bomben in feindliche Häfen schieben und dort nichts Geringeres auslösen sollen als radioaktive Tsunamis. Putins haarsträubende „Poseidon“-Waffe lässt an die Weltbeherrschungspläne kichernder Bösewichter in James-Bond-Filmen denken.

Ist das alles noch genial oder schon wahnsinnig? Egal: Es befeuerte neue russische Überlegenheitsgefühle.

Politiker und Experten in Deutschland indessen beharrten bis zuletzt auf ihrem hergebrachten Bild eines letztlich klugen, kühl kalkulierenden russischen Staatschefs. „Ich halte Putin nicht für einen irrationalen Hasardeur“, gab in diversen Interviews etwa Wolfgang Ischinger zu Protokoll, der früher Staatssekretär im Auswärtigen Amt war und Botschafter in Washington.

Ein Psychologe sah schon im Januar schwarz

Inzwischen ist klar: Ischinger, politisch groß geworden im braven Bonn, hat sich geirrt. Recht behielten dagegen Leute, die wenig außenpolitische, aber viel psychologische Expertise mitbringen.

Der Psychologe und Hirnforscher Ian Robertson zum Beispiel sagte schon Mitte Januar im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, im Ukraine-Konflikt sei die Anwendung militärischer Gewalt leider „sehr wahrscheinlich“. Dies beziehe er wohlgemerkt nicht auf irgendeinen außen- oder militärpolitischen Aspekt: „Ich sage das als Psychologe.“

Robertson hat jahrzehntelang in Irland und in den USA gelehrt. In Dublin gründete er das Trinity College Institute of Neuroscience, er ist Autor vieler Sachbücher, die sich um Psychologie und Macht drehen. Im Jahr 2014 schrieb er in der Zeitschrift „Psychology Today“ erstmals über „Die Gefahr, die in s Gehirn lauert“.

Nero und Caligula sind frühe Beispiele

Eine Pathologisierung von Politikern ist unter Psychologen und Psychiatern prinzipiell verpönt. Robertson aber meinte, im Fall von Putin sei ausnahmsweise eine Warnung geboten, auch und gerade aus ethischen Gründen. Denn: „Inzwischen ist alles noch schlimmer geworden.“

Putin zeige die klassischen Merkmale eines Menschen, der eine viel zu lange Phase in der Position großer Macht nicht verkraftet habe. Stärker denn je vermittele Putin zum Beispiel den Eindruck, dass er zwischen sich selbst als Person und dem russischen Staat keinen Unterschied mehr sehe. Beängstigend sei auch Putins ins Extreme gewachsene Verachtung für alle Kontrollinstanzen, die in intakten Demokratien geschaffen wurden, um Entgleisungen der Mächtigen in Schach zu halten: freie Presse, freie Parlamente, unabhängige Gerichte, freie Meinungsäußerungen auf der Straße.

Cäsarenwahn: So beschrieben Historiker und Psychologen schon immer die in hohen Machtpositionen drohenden Deformationen. Als frühe Beispiele gelten zwei römische Kaiser: Nero gefiel es, Rom brennen zu sehen, Caligula erschreckte die Untertanen mit dem Plan, ein Pferd zum Konsul zu ernennen - weil er es kann.

Der linksliberale deutsche Historiker Ludwig Quidde, Friedensnobelpreisträger im Jahr 1894, warnte schon vor den beiden Weltkriegen vor einer neuen Version des Cäsarenwahns. Zu dessen Merkmalen zählte er vier Punkte: den Glauben daran, selbst zur höchsten Instanz erwachsen sein, den Ersatz von Redlichkeit und Wahrhaftigkeit durch „theatralischen Schein“, eine Neigung zum Verfolgungswahn sowie einen „Heißhunger auf militärische Triumphe“. Viele heutige Historiker finden: Putin erreicht die volle Punktzahl im Quidde-Katalog.

Putins seltsamer Lieblingszar: Alexander III.

Dir vormaligen Moskauer Machthaber zu Zeiten der Sowjetunion waren in Putins Welt Schwächlinge, am schlimmsten fand er Michail Gorbatschow und dessen Ja zur Maueröffnung.

Vorbilder findet Putin dagegen in politischen Figuren früherer Jahrhunderte, allen voran in Zar Alexander dem Dritten (1854-1894). Ein überlebensgroßes Denkmal dieses Herrschers ließ Putin 2017 in Jalta auf der Krim enthüllen. In seiner Lobrede auf seinen Lieblingszar sagte Putin, Alexander III. sei „ein Mann mit Durchhaltevermögen, Mut und unerschütterlichem Willen“ gewesen. Er habe für ein Russland gestanden, das technisch modern gewesen sei, sich aber kulturell auf sich selbst besann. Genau so, klarer Fall, wünscht sich Putin das Russland der Zukunft.

Was Putin unerwähnt ließ: Alexander III. war ein entschiedener Gegner von liberalen Tendenzen aller Art und warnte ständig vor „Überfremdung“. Der Super-Zar gründete die Ochrana, eine neue Geheimpolizei, ließ Kritiker in sibirischen Arbeitslagern verschwinden und schränkte mit den russischen „Maigesetzen“ von 1882 freie Berufsausübung und Freizügigkeit der Juden ein.

Ebenso wie damals Alexander III. setzt Putin heute aufs Völkische. Er will Russen allerorten zu Hilfe kommen, über Staatsgrenzen hinweg - und sieht sie überall bedroht, nicht als einzelne Personen, sondern als ethnische Gruppe. Im Donbass stehe ein Genozid an Russen bevor, sagte Putin immer wieder. In seiner Kriegsrede sprach er zudem von einer nuklearen Bedrohung für Russland aus der Ukraine heraus.

„Sehr weit weg von der Realität“

Dies alles sei „sehr weit weg von der Realität und sehr beunruhigend“, urteilt Paul Stronski, ein Russland-Experte beim Carnegie Endowment for International Peace, gegenüber der „Washington Post“. Das Schlimmste sei, dass Putin mittlerweile den Eindruck erwecke, dass er selbst an all dies glaube.

Dass mit Putin etwas nicht stimme, meint auch Frankreichs Präsident Macron. Nachdem er Anfang Februar fünf Stunden lang im Kreml mit den russischen Präsidenten gesprochen hatte, sagte Macron laut „Guardian“ auf dem Rückflug nach Paris zu Reportern, Putin habe irgendwie anders als früher gewirkt, verändert, „steifer und isolierter“.

Am Morgen des 24. Februar 2022, als Putins Panzer schon rollten, ging der französische Europaabgeordnete Bernard Guetta, der zur Macron-treuen Fraktion Renew Europe gehört, in einem Radiointerview noch einen Schritt weiter und sagte über Putin: „Ich glaube, dieser Mann verliert seinen Realitätssinn, um es mal höflich zu sagen.“

Auf die Nachfrage des Interviewers, ob das bedeute, dass Putin verrückt geworden sei, sagte Guetta: „Ja.“

Von Matthias Koch/RND