Anzeige
Vorbereitung für die Analyse: PCR-Tests auf das Coronavirus in einem Labor (Symbolfoto). Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

„Lage ist ernst“: Kapazitätsgrenzen bei PCR-Tests laut Laborverband bereits erreicht

Hannover/Berlin. Die deutschen Labore stehen wegen der raschen Ausbreitung der Omikron-Variante und einer raschen Zunahme von PCR-Tests vor großen Problemen. „Die Lage ist ernst, die Labore sind an den Kapazitätsgrenzen und darüber hinaus“, sagte Michael Müller, Vorsitzender des Verbandes Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM), am Dienstag.

Er plädierte dafür, schnell die Nationale Teststrategie anzuwenden. „Da sind schon Priorisierungen vorgedacht und alternative Möglichkeiten benannt“, erläuterte Müller. So sollten PCR-Tests in gewissen Fällen nur bei bestimmten Personen durchgeführt werden – etwa nur noch bei einem Familienmitglied, wenn alle übrigen dieselben Symptome aufwiesen. „Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Covid-19-Fall alle anderen betroffen sind, sehr groß. So kann man Kapazitäten schonen.“

Generell sieht die Nationale Teststrategie bei nur noch begrenzter Kapazität eine Priorisierung von PCR-Tests vor. Vorrang haben dann etwa Menschen mit Symptomen und Kontaktpersonen von nachgewiesen Infizierten. Doch auch der Schutz von Menschen mit besonders hohen Corona-Risiken – beispielsweise im Gesundheitswesen – steht im Vordergrund.

Diesbezüglich gab Müller leichte Entwarnung. „Für den medizinischen Bedarf, Kranke vor allem mit Risiko auf einen schweren Verlauf zu erkennen, die von den Medikamenten profitieren können, ist die Testkapazität ausreichend da“, sagte er. „Auch für die Frage der Kontaktpersonennachverfolgung, die des Schutzes besonderer vulnerabler Gruppen und das Thema der beschlossenen Entisolierungsmaßnahmen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.“

In der vergangenen Woche sind in Deutschland 1,95 Millionen PCR-Tests durchgeführt worden – so viel wie nie zuvor. Dass diese Zahl steigen würde, sei erwartungsgemäß gewesen, betonte Müller. „Dass sie aber fast die Zwei-Millionen-Grenze erreicht, damit haben auch wir in den Laboratorien nicht gerechnet.“ Jeder vierte PCR-Test habe einen positiven Befund ergeben.

Müller: „Der zertifizierte Antigentest hat eine gute Funktion“

Eine wichtige Rolle, um die Labore zu entlasten, spielten die Antigentest. So sei ein positiver Antigentest bei einer symptomatischen Person, die Kontakt hatte zu einer coronainfizierten Person, „im Moment sehr häufig richtig positiv“, sagte Müller. Es sei die Frage, ob solche Antigentests dann noch „zwanghaft zu bestätigen sind“ mit einem PCR-Test. „Der zertifizierte Antigentest hat eine gute Funktion und kann eine gute Leistung erbringen.“

Das Ziel müsse sein, keinen PCR-Test mehr durchzuführen, wenn es Alternativen gebe. So könne etwa auch eine „mild verlaufende Durchbruchsinfektion“ mit einem Antigentest diagnostiziert werden, betonte Müller.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte am Dienstag im „Deutschlandfunk“ verteidigt, dass die genaueren PCR-Tests bei der Freitestung für ein vorzeitiges Quarantäneende jetzt vorrangig für Gesundheits- und Pflegepersonal vorgehalten werden sollen. Dies hatte der SPD-Politiker jüngst veranlasst. „Wir werden nicht genug PCR-Tests haben, da ist die Kapazität begrenzt“, sagte er.

Für andere Gruppen, wie in den Schulen, sei ein Antigentest ausreichend, für das Freitesten funktioniere dieser Test sehr gut. „Er funktioniert nicht ganz so gut am Anfang einer Infektion“, erläuterte Lauterbach, „er funktioniert aber sehr gut, wenn man zurück will.“

Für die Knappheit der PCR-Kapazitäten ist in erster Linie indes kein fehlendes Material der Grund, sondern vor allem fehlendes Personal in den Laboren. „Seit Ende Oktober haben wir die Kapazität in Eigeninitiative sogar um rund 40 Prozent gesteigert“, sagte ALM-Vorstandsmitglied Evangelos Kotsopoulos. „Wir sind bemüht, diese Anstrengungen fortzusetzen, doch die Kapazitäten sind und bleiben endlich.“

Fachkräfte fehlen und fallen aus

Der Arbeitsmarkt für dringend benötigte Fachkräfte sei allerdings quasi leer gefegt, ähnlich wie beim Pflegepersonal in Krankenhäusern und Senioreneinrichtungen. „Die Anschaffung zusätzlicher Geräte zur Erhöhung der Kapazitäten kommt nur bedingt infrage und benötigt häufig einen mehrwöchigen Vorlauf. Zur Bedienung und tatsächlichen Nutzung der Kapazität braucht es jedoch vor allem unsere hochqualifizierten Fachkräfte – und auch vor diesen macht die Omikron-Welle nicht halt“, sagte Kotsopoulos.

Jan Kramer, stellvertretender ALM-Vorsitzender, forderte, den PCR-Test, bis auf gewisse Ausnahmen, nur bei noch symptomatischen Personen anzuwenden. „Wenn das konterkariert wird, weil bei Riesengruppen PCR-Test abgestrichen werden, dann laufen bei den aktuellen Inzidenzen die Labore voll“, sagte er und fordert „Hilfe und Lösungen“ von der Politik. „Wir hätten uns von der Gesundheitsministerkonferenz am Montag auch klare Empfehlungen für die Priorisierung der PCR-Tests – insbesondere bei der Testabnahme – nach der Nationalen Teststrategie für die fachärztlichen Labore als eine wichtige Maßnahme zur Unterstützung gewünscht.“

In dieser Woche beträgt die gemeldeten Kapazität für PCR-Tests in den deutschen Laboren etwa 2,52–Millionen, das ist im Vergleich zu den Vorwochen nochmals eine deutliche Steigerung.

Von Tobias Dinkelborg/RND