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Papst Benedikt XVI. während einer Messe in München 2006.

Ein Papst als Vertuscher und Leugner

Berlin. Die Juristen sprechen von einer „Bilanz des Schreckens“. Allein im Erzbistum München und Freising wurden mindestens 497 überwiegend männliche Kinder und Jugendliche im Zeitraum zwischen 1945 und 2019 von Geistlichen sexuell missbraucht. Bekannt sind 235 mutmaßliche Täter. 40 Priester und Diakone sind trotz Bekanntwerden von Vorwürfen weiter in der Seelsorge eingesetzt worden – mitunter sogar nach Verurteilungen.

Und das sind nur die nachweisbaren Taten und wie mit ihnen umgegangen worden ist. Vielleicht ist das Dunkelfeld – im wahrsten Sinne des Wortes – noch viel größer.

Auf 1700 Seiten listen Anwälte einer Münchner Kanzlei in einem vom Erzbistum in Auftrag gegebenen Gutachten Brutalität, Niedertracht, Lügen, Vertuschungen, Drohungen und die Selbstherrlichkeit von Kardinälen, Priestern sowie letztlich eines späteren Papstes auf. Dieses Dokument bezeugt, wie unwichtig vielen Klerikern das Schutzbedürfnis von Kindern ist. Es beweist auch, wie wenig bereit die Kirchenoberen sind, Missbrauchsopfern zuzuhören, Untersuchungen einzuleiten, Täter dem Strafrecht zuzuführen.

Die Katholische Kirche versucht heute noch, im Jahr 2022, die Fäden in der Hand zu behalten und die Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen zu steuern. In erster Linie bedeutet dies, die eigenen Reihen fest zu schließen und die Kirche als Institution zu schützen. Dass die Opfer, große und kleine Gläubige, an den Verletzungen durch Vertrauenspersonen unbeschreibbar leiden oder sogar in den Freitod getrieben werden – es ist offenbar egal.

Wer so handelt, bricht nicht allein Vertrauen. Er handelt menschenverachtend.

Inzwischen weiß jeder, dass die Katholische Kirche nicht allein im Erzbistum München „ein Problem“ hat. Überall in Deutschland kam in den vergangenen 15 Jahren Missbrauch unter Kirchendächern – und dies nicht allein unter katholischen – ans Licht. Seitdem hört die Öffentlichkeit von den meisten Kirchenfürsten Versprechungen, Beschwichtigungen und am Ende nichts mehr.

Das fängt ganz oben an. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. führt vor, wie dieser Kirchenmechanismus funktioniert: Obwohl der damalige Kardinal Joseph Ratzinger 1980 als Erzbischof von München und Freising laut Protokoll bei einer brisanten Sitzung anwesend war, stritt er es zuletzt im Dezember 2021 einfach ab. Warum? In dieser Sitzung wurde entschieden, dass ein als Pädophiler bekannter Priester im Erzbistum als Seelsorger eingesetzt wird. Der Mann missbrauchte anschließend erneut Kinder.

Was hat das mit den Opfern gemacht? Kaum einer hat den Missbrauch einfach so überstanden. Aus einigen wurden Schulversager, Berufsversager, blieben Opfer, sie sind kaum zu Beziehungen fähig. Viele benötigen bis heute psychotherapeutische Betreuung.

Die meisten Betroffenen fühlen sich allein gelassen von ihrer Kirche, in der sie Gemeinschaft suchten. Die internen Aufklärungsprozesse empfinden sie als langwierig, bürokratisch und in eigener Sache wenig erhellend. Aufklärung wird verwaltet, es gibt Verweise nach unten oder oben, dabei verschwimmen Verantwortlichkeiten.

Das vorliegende Gutachten benennt konkret mutmaßliche Taten, Täter und Mitwisser auf allen Ebenen. Es outet einen späteren Papst als Vertuscher und den emeritierten Papst Benedikt XVI. als Leugner.

So richten sich die Blicke auf den heutigen Stellvertreter Gottes auf Erden, Papst Franziskus. Der Vatikan möchte in das Gutachten Einblick nehmen, sichert allen Opfern seine Nähe zu und garantiert den Schutz der Kleinsten durch ein sicheres Umfeld.

Leider sind diese Aussagen zur Glaubensfrage geworden.

Von Thoralf Cleven/RND