Anzeige
Das Gutachten zu sexuellen Missbräuchen im Erzbistum München und Freising, das auch den früheren Papst Benedikt XVI. schwer beschuldigt, hat international für Empörung gesorgt. (Archivbild) Quelle: Friso Gentsch/dpa

„Die Welt ist verstört und empört“: So reagiert die Presse auf das Missbrauchsgutachten

Hannover. Hunderte Fälle von sexuellem Missbrauch sollen im Erzbistum München und Freising über Jahrzehnte hinweg nicht angemessen behandelt und unter den Tisch gekehrt worden sein. Die Presse reagiert mit Empörung auf die Ergebnisse des am Donnerstag veröffentlichten Missbrauchsgutachtens der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) - auch international.

In dem Papier wird unter anderem den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkretes und persönliches Fehlverhalten in mehreren Fällen vorgeworfen.

Die Redaktionen in Deutschland und im Ausland nennen die Vorgänge eine „Vertuschung“. Reue wäre in dieser Zeit ein wichtiges Zeichen gewesen, gleichzeitig wird jedoch keine Reaktion des einstigen Papstes Benedikt XVI. erwartet.

„La Stampa“ (Italien): „Die Welt ist verstört und empört“

„Am Ende ist es immer eine Frage von Auslassungszeichen und Akzenten. Der Vorwurf gegen Joseph Ratzinger, als Erzbischof in München zwischen 1977 und 1982 vier pädophile Priester gedeckt zu haben, ist schwer und scheußlich. Erstmals in der jüngeren Kirchengeschichte wird sogar einem Papst, auch wenn er emeritiert ist, das Schlimmste vom Schlimmsten vorgeworfen, nämlich diejenigen gedeckt zu haben, die die Kleinen der Herde missbrauchen. Die Welt ist verstört und empört, weil wir die Kämpfe kennen, die Benedikt XVI. gegen Pädophilie führte, einer der raffiniertesten lebenden Theologen, und es überrascht und verwirrt, dass auch er es gewusst und geschwiegen haben soll.“

„Sich vorzustellen, dass ein Bischof in Europa seinerzeit eine Aufräumaktion gestartet hätte, um die pädophilen Priester seiner Diözese zu vertreiben und zu bestrafen, ist unrealistisch. Heute jedoch ist man im Wettlauf gegen den Nihilismus, der die Kirche schwächt, und der Wiedererlangung der Glaubwürdigkeit sogar so weit, mit dem Finger auf einen Papst zu zeigen. Und dies ist eine Mahnung, die in den heiligen Palästen die Schlösser derer erzittern lässt, die zu viele Leichen im Keller haben.“

„Der Standard“ (Österreich): „Reue wäre ein wichtiges Zeichen“

„Dass der emeritierte Papst Benedikt XVI. eines Tages noch etwas Bedeutendes zu verkünden hat – nämlich dass er als Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger fehlbar war und Missbrauch vertuscht hat –, ist leider nicht zu erwarten. Er lebt abgeschottet in seiner eigenen Welt, seine Zeit in München erscheint wohl sehr weit weg.“

„Für viele allerdings wäre Reue ein gewichtiges Zeichen. (...) Umso wichtiger ist, dass nun das Gutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl vorliegt – auch wenn es eine „Bilanz des Schreckens“ aus dem Erzbistum München und Freising ist, wie die Gutachter selbst sagen. (...) Das Motto „Augen zu und mit Weihrauch durch“ darf es nicht mehr geben. Das ist die Kirche den viel zu vielen Opfern schuldig. Zudem dient dies der Selbsterhaltung. Sonst sind auch im katholischen Bayern die Kirchen bald leer.“

„Mittelbayerische Zeitung“ (Deutschland): Ratzinger wird sich „im Angesicht seines Schöpfers verantworten“

„Die Kirche hat Schuld auf sich geladen. Auch Ratzinger. Er wird sich, auch wenn er nicht juristisch belangt werden kann, wohl im Angesicht seines Schöpfers verantworten. Doch weder Ratzinger, noch die Kirche eignen sich als Blitzableiter, wenn es darum geht, das riesige Problem des Missbrauchs aufzuarbeiten. Nur die Gesellschaft kann den Opfern eine Stimme geben. Missbrauch und der Umgang damit ist, wie die Gutachter mitteilten, bis heute ein Problem. Doch es ist nicht nur ein Kirchliches. Benedikts abwehrende Haltung sollte Mahnung sein: „Ich habe es nicht gewusst“ ist keine Entschuldigung.“

„Rhein-Neckar-Zeitung“ (Deutschland): „Wozu braucht man dann diese Institution?“

„Wenn sich Priester an Minderjährigen vergehen, das Abhängigkeitsverhältnis ebenso ausnutzen wie das selbst behauptete Moralgefälle, und wenn ihre Vorgesetzten das alles noch decken - wozu braucht man dann diese Institution? Eine Frage, die sich vor allem im Bistum Köln viele Gläubige gestellt und durch Kirchenaustritt beantwortet haben.“

„Kardinal Woelki gilt dort als die personifizierte Uneinsichtigkeit. Seine geplante Rückkehr wird als Belastung empfunden. Ob es sich im Bistum München-Freising ebenso verhält und die Kluft zwischen Klerus und Basis immer tiefer wird, das hängt jetzt ganz von der Reaktion von Kardinal Marx ab. Anders als im Fall des emeritierten Papstes Benedikt, der durch das aktuelle Gutachten schwer belastet wird und jegliche Verantwortung von sich weist, scheint bei Marx die Möglichkeit glaubhafter Reue denkbar zu sein. Genau darum geht es. Der erste Schritt auf einem Weg zur Besserung war die Beauftragung des Gutachtens. Das alleine reicht aber nicht.“

„Frankenpost“ (Deutschland): „Ein Mea Culpa alleine genügt nicht“

„Was folgt aus den Gutachten? Die katholische Kirche hat den Anspruch verloren, den sie selbst erhebt: moralische Führung, aktive Mitwirkung an Entscheidungsprozessen, gesellschaftliche Sonderrolle. Nichts von dem kann sie für sich reklamieren, solange sie nicht vollständig transparent, aktiv und glaubwürdig reinen Tisch macht mit der verderbten und ruchlosen Geschichte des hunderttausendfachen Missbrauchs an Kindern. Ein Mea Culpa alleine genügt nicht.“

RND/dpa/ag