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Die SPD-Bundestagsabgeordnete Yasmin Fahimi.

Yasmin Fahimi wird erste Frau an der Spitze des DGB

Berlin. Sie ist eine Kandidatin, wie sie im Buche steht – lange Gewerkschaftskarriere, politische Erfahrung, stabiles Netzwerk – und trotzdem war die Nominierung von Yasmin Fahimi als künftige Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) am Mittwoch eine kleine Überraschung.

Bis zuletzt hatte das Geheimnis gehalten, wen der DGB-Vorstand für die Nachfolge des aus Altersgründen ausscheidenden Reiner Hoffmann vorschlagen würde. Erst unmittelbar vor der Sitzung sickerte eine Beschlussvorlage mit dem Namen durch.

Fahimi die auf dem DGB-Bundeskongress Anfang Mai in Berlin gewählt werden soll, wäre die erste Frau an der DGB-Spitze. Die übrigen Mitglieder des Geschäftsführenden Bundesvorstands, Vizechefin Elke Hannack sowie Stefan Körzell und Anja Piel, wollen weitermachen.

Drei Frauen und ein Mann – aus Sicht des Chefs der Eisenbahn- und Verkehrs­gewerkschaft (EVG), Klaus-Dieter Hommel, passt das in die Zeit. „Wir begrüßen die Entscheidung des DGB-Bundesvorstandes zur Nominierung von Yasmin Fahimi als Vorsitzende“, sagte Hommel dem RND. „Eine Frau an der Spitze des DGB ist das richtige Signal.“

Lob vom IG Metall-Chef

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann lobte Fahimi als „eine außerordentlich erfahrene, in den Belangen der Arbeitswelt sehr versierte und gut vernetzte Expertin“. Der Industriestandort Deutschland sei in einer entscheidenden Umbruchphase. Fahimi bringe als langjährige Industriegewerkschafterin die Kompetenzen mit, die dringend gebraucht würden.

Auf die 54-Jährige warten keine leichten Aufgaben. Die Digitalisierung und die Umstellung der Industrie auf CO₂-neutrale Produktionsweisen werden Jobs kosten und sorgen schon heute für Verunsicherung in den Betrieben. Auf die neue DGB-Chefin wartet der schwierige Spagat, sich einerseits für die Rechte der Beschäftigten starkzumachen und andererseits der notwendigen Modernisierung der Wirtschaft nicht im Wege zu stehen.

„Die Mitglieder des Bundesvorstands sind sich einig, dass eine sozialökologische Transformation nur gelingen kann, wenn die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gestärkt und die Sicherheit der Beschäftigten gewährleistet werden“, teilte der DGB nach der Nominierung mit. Die Gewerkschaften seien die „zentrale Kraft in der Gestaltung der Transformation“.

Sie sei „überwältigt“ von der einstimmigen Nominierung durch den DGB-Vorstand, sagte Fahimi. Der Gewerkschaftsbewegung fühle sie sich „seit jeher tief verbunden“. Die Nominierung empfinde sie als große Ehre, sie spüre aber auch Verantwortung für die großen Herausforderungen, die nun vor ihr lägen. „Ich bin der festen Überzeugung, dass der DGB als Gemeinschaft und mit dem Prinzip der Solidarität wichtige Orientierung geben kann, um unsere Gesellschaft zusammenzuhalten und in Respekt und Vielfalt ein gutes Leben für alle zu ermöglichen“, so Fahimi.

Kein Glück mit Sigmar Gabriel

Die 54-Jährige kann im neuen Amt auf jede Menge Erfahrung als Gewerkschafterin und Politikerin zurückgreifen. Die Diplom-Chemikerin aus Hannover war zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn wissen­schaftliche Mitarbeiterin bei der Stiftung Arbeit und Umwelt der Industrie­gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), bevor sie Gewerkschafts­sekretärin und später Abteilungsleiterin beim Hauptvorstand wurde.

2014 machte der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel Fahimi zur Generalsekretärin der Partei. In dem Amt wurde sie nie besonders glücklich, auch weil die Zusammen­arbeit mit Gabriel nicht sonderlich gut funktionierte. Anfang 2016 holte die damalige Bundes­arbeits­ministerin Andrea Nahles Fahimi als Staats­sekretärin in ihr Ministerium. Manch einer im politischen Berlin empfand den Wechsel als Flucht.

Bei den Bundestagswahlen 2017 und 2021 zog Fahimi für den Wahlkreis Hannover-Süd in den Bundestag ein. Wie es mit dem Mandat weitergeht, will sie in Absprache mit ihrer Partei klären.

Die Frage, wer dem scheidenden DGB-Chef Hoffmann folgen soll, beschäftigt die Vorsitzenden der acht DGB-Einzel­gewerk­schaften schon länger. Mit der Suche betraut war auch IG BCE-Chef Michael Vassiliadis. „Yasmin Fahimi ist eine Gewerkschafterin mit Herz, Verstand und großer Erfahrung“, teilte dessen Gewerkschaft am Montag mit. Vor allem Ersteres wird niemand besser als Vassiliadis beurteilen können. Er und Fahimi sind seit vielen Jahren ein Paar.

Von Jan Sternberg, Andreas Niesmann/RND