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Designierte DGB-Chefin Yasmin Fahimi. Quelle: imago/Jakob Hoff

Die neue DGB-Chefin startet mit einer Hypothek

Hannover. Es hätte ein Aufbruchsignal sein können. Schließlich haben die Gewerkschaften einigen Nachholbedarf. Sie werden bisher noch stärker von Männern dominiert als die Belegschaften, die sie vertreten.

Nun bekommt ihr Dachverband eine weibliche Spitze: Wenn Yasmin Fahimi im Mai den Vorsitz des Deutschen Gewerkschaftsbunds übernimmt, werden drei der vier Mitglieder im Bundesvorstand Frauen sein. Nebenbei ist die künftige Vorsitzende profiliert, gut vernetzt, und man darf ihr die Energie zutrauen, das Amt auszufüllen.

Wäre da nicht der Weg in dieses Amt gewesen. Der DGB hat sich sehr schwergetan, die Nachfolge von Reiner Hoffmann zu klären. Bis zu seinem 67. Geburtstag wird er bleiben – nicht, weil es ohne ihn nicht ginge. Hoffmann arbeitet solide, aber er hinterlässt nach acht Amtsjahren sicher nicht die ganz großen Spuren. Schwer war die Suche mangels Interessenten. Die IG Metall, eigentlich für den Spitzenjob am Zug, muss den eigenen Generationswechsel organisieren.

Wer Karriere machen will, zieht die Einzelgewerkschaften vor

Schon immer zogen die Ambitionierten eine Karriere in den großen Einzelgewerkschaften einem Job im Dachverband vor. Als Michael Vassiliadis, Chef der IG BCE, Bereitschaft signalisierte, war es wiederum auch nicht recht: Mächtiger, alter weißer Mann sollte wohl nicht sein. So ist der einst mächtige Posten des DGB-Chefs verblasst – wie übrigens auch auf der Gegenseite bei den Arbeitgebern.

Fahimi startet deshalb mit ein paar Hypotheken. Sie war offenbar nicht erste Wahl. Das Amt hat an Gewicht verloren. Und ob das fair ist oder nicht: Dass sie die Lebensgefährtin von Vassiliadis ist, der selbst an der Personalsuche beteiligt war, macht ihr den Start nicht leichter. In vielen großen Unternehmen würden Compliance-Regeln diese Berufung verhindern. Vieles an dem Vorgang ist so gar nicht Aufbruch.

Fahimi wird deshalb das Signal durch ihre Arbeit selbst geben müssen. Die Aufgabe ist groß, denn wenig wird uns in den nächsten Jahren so beschäftigen wie die Veränderung der Arbeitswelt. Dafür braucht es auch eine starke und pragmatische DGB-Chefin.

Von Stefan Winter/RND