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Hühner in einem überdachten Freilaufstall (Archivbild). Quelle: imago images/Marc Schüler

Lockdown im Stall: Wie sich die Vogelgrippe im Schatten der Corona-Pandemie wieder ausbreitet

Riems/Hoppenrade. Die Klappen sind zu, der Weg ins Freie versperrt. 1000 Legehennen der Rasse Lohmann Brown picken und gackern auf den Regalen ihres Mobilstalls auf einer Wiese im Havelland. Eigentlich sollten die Biofreilandhühner draußen auf dem schlappen Wintergras scharren. Aber gerade wurde im Landkreis bei einem Hobbyzüchter erstmals in dieser Saison die Geflügelpest nachgewiesen. Und so bekam Geflügelhalter Gernot Engelmann ein offizielles Schreiben, das Stallpflicht für seine Hühner anordnete.

Es ist die erste Saison des Landwirts in der Geflügelhaltung. Er hat große Pläne. Sechs Mobilställe stehen auf seinem Land, alle zwei Monate werden sie auf dem Hochplateau versetzt, damit die Hühner immer wieder neuen Auslauf haben und sich der Stickstoff durch die Ausscheidungen besser im Boden verteilt. Engelmann hat eine eigene Marke, das bewegte Bioei, er beliefert bereits mehrere Supermärkte in Berlin und Potsdam.

Bioeier. Freilandhaltung, das ist doch das, was die Leute wollen. Und es ist einer der wenigen Zweige in der Landwirtschaft, der sich trotz hohen Arbeitsaufwandes lohnt. Doch jetzt sind erst einmal die Schotten dicht.

Bereits 557.000 gekeulte Tiere seit Oktober 2021

Im Schatten der Corona-Pandemie wüten zwei anderen Seuchen in Deutschland. Behörden kämpfen an drei Fronten, von denen zwei in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Die eine Seuche ist die Afrikanische Schweinepest, kurz ASP. Die andere die Geflügelpest, besser bekannt unter dem Namen Vogelgrippe. Beide könnten die Tierhaltung in Deutschland fundamental verändern. Und dennoch nimmt die breitere Öffentlichkeit kaum Notiz.

Während sich die Schweinepest langsam ausbreitet und vor allem wirtschaftliche Folgen für die Tierhalter hat, verbreitet sich die Vogelgrippe rasant und im wahrsten Wortsinn wie im Flug. Noch nie gab es in Deutschland derart viele Fälle wie in diesem Winter. Zum ersten Mal wurde das Virus nicht erst im Herbst von Zugvögeln aus dem sibirischen Norden nach Europa eingeschleppt, sondern hat den Sommer überdauert. 557.000 Tiere wurden seit Oktober 2021 bereits gekeult.

Gefahr einer Übertragung auf den Menschen gering

Ein Anruf auf der Ostseeinsel Riems, bei Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI). Wie steht es nun mit den Pandemien hinter der Pandemie?

Der Virologe Mettenleiter korrigiert sofort: Panzootie ist der richtige Fachbegriff, schließlich handelt es sich um Tierseuchen. Auf Menschen, und das ist eine der wenigen guten Nachrichten in dieser Geschichte, springen die Viren nicht oder kaum über. Bei der Schweinepest spielt der Mensch nur als Überträger eine Rolle, was dazu führt, dass die Seuche trotz Schutzzäunen an Oder und Neiße und rund um betroffene Gebiete schneller als in Wildschweingeschwindigkeit fortschreiten kann.

Mit der Geflügelpest können sich in seltenen Fällen auch Menschen infizieren. Kürzlich traf es einen Briten, der engen Kontakt zu infizierten Vögeln gehabt haben soll. Mettenleiter warnt: „Wir müssen davon ausgehen, dass die hochpathogenen Geflügelpestviren grundsätzlich ein zoonotisches Potenzial haben.“ Zoonose – auch dieser Begriff ist aus der Corona-Berichterstattung bekannt. Er bedeutet, dass Viren theoretisch von Tieren auf Menschen überspringen können.

Bei dem großen Ausbruch in Asien mit dem Virustyp H5N1 2006 infizierten sich mehr als 1000 Menschen, die Hälfte starb. Bei dem derzeit in Deutschland grassierenden Erreger sei dieses Potenzial laut Mettenleiter aber sehr gering. Es handle sich wieder um ein Virus vom Typ H5N1, sei aber viel ungefährlicher als der Erreger von damals.

Was das Virus vor allem nicht gelernt hat, ist, vom Menschen auf den Menschen überzuspringen. Erst dann bestünde die Gefahr, dass aus der Panzootie eine Pandemie wird.

„Die Lage ist sehr ernst“

Alles kein Problem also? Das wäre ein Fehlschluss. Zurzeit fahren die Spezialfirmen für Tiertötungen durchs Land, Arbeiter in Vollschutzanzügen keulen mal 19.000 Puten in Ostbrandenburg, mal 6000 Puten im Ammerland. Fast täglich ploppen jetzt die Meldungen hoch, und die Saison beginnt erst.

Das FLI schreibt in einer Zwischenbilanz von Hunderten infizierten Wildvögeln in mindestens zwölf Bundesländern und meldet über 50 Ausbrüche bei Geflügel und gehaltenen Vögeln in „zahlreichen Bundesländern“. Am Donnerstag meldete Berlin seinen ersten Fall: Bei einer auf einem Steg an der Spree verendeten Möwe wurde das H5N1-Virus nachgewiesen. Es folgte die klassische Warnung: Spaziergänger sollten auf keinen Fall verendete Tiere berühren und auch Hunde von ihnen fernhalten.

„Die Lage ist sehr ernst“, sagt auch Jan Philipp Albrecht (Grüne), Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein. „Leider trifft uns das Virusgeschehen auch in diesem Winter mit voller Wucht.“ Im Norden wurden bereits knapp 5000 mit dem Virus befallene tote Wildvögel gefunden.

In Niedersachsen warnt Friedrich-Otto Ripke, Präsident des Zentralverbands der deutschen Geflügelwirtschaft: „Die Geflügelpest gefährdet den ganzen Geflügelstandort Deutschland.“ Auch er befürchtet, dass das Virus ganzjährig im Land bleibt.

Im Extremfall könnten ganze Regionen gesperrt werden

Das FLI hat für den Fall schon einige Szenarien durchgespielt. Die haben mit noch mehr Hygiene in den Ställen zu tun – Ripke kontert, dass die Erzeuger längst alles umsetzen. Die Forscher empfehlen eine Verringerung des Bestands in Regionen wie Niedersachsen, wo die Ställe dicht an dicht stehen. Beim Verbandschef kommt diese Forderung nicht gut an. Er sagt: „Das Virus springt auf jeden Wirt, egal ob in einer Hobbyhaltung oder in einem 20.000-Hennen-Stall.“ Das Infektionsgeschehen gibt ihm recht.

Besonders kontrovers ist eine weitere Forderung der Forscher. FLI-Präsident Mettenleiter sagt: „Freilandhaltung könnte an Standorten schwierig werden, an denen viele Wildvögel sitzen.“ Das hieße: Gewässerreiche Gegenden, Zugvogel-Rastgebiete wären ausgeschlossen. Aber wie eng oder weit muss das gefasst werden? Nur ausgewiesene Rastgebiete – oder weit mehr, weil sich das Virus schließlich im Flug verbreitet? Im Extremfall hieße es: Ganz Nord- und Nordostdeutschland wäre für Freilandhaltung nicht mehr geeignet.

Eierproduzenten kommen in die Bredouille

Was machen dann Erzeuger wie Gernot Engelmann, die auf Biofreilandhaltung setzen, die ihre Hühner auf der Wiese picken und scharren lassen wollen? Er hat nun Sandbäder in die Mobilställe gesetzt und ist froh, dass genug Platz im Stall ist. Bis zu 1500 Hennen fasst der Fertigstall auf Kufen des Marktführers Big Dutchman aus Vechta. Nach Biorichtlinien ist es aber ein Drittel weniger. Trotzdem ist der Zustand nicht ideal. „Sechs bis acht Wochen Stallpflicht halten wir durch“, sagt der Neuhühnerfarmer, „dann wird es schwierig.“

Immerhin dürfen seine Bioeier auch unter Stallpflichtbedingungen unbegrenzt weiter Bioeier heißen. Bei konventionellen Freilandhaltungen gelten jedes Jahr 16 Wochen Übergangsfrist, danach sind die Eier nur noch als Bodenhaltung vermarktbar.

Krise auf dem Schweinemarkt: „Toxische Mischung“

Während Geflügelhalter noch hoffen, dass diese Virussaison doch nicht so schlimm wird, dass die Zahlungen aus der Seuchenkasse für gekeulte Tierbestände zumindest Existenznöte verhindern und die 16 Wochen Übergangsfrist für von der Stallpflicht betroffene Betriebe ausreichen, ist die große Krise auf dem Schweinemarkt längst angekommen.

Bereits im Herbst sprach Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), von einer „toxischen Mischung aus Afrikanischer Schweinepest und Corona“, die zu einer „schweren Preiskrise am Schweinemarkt geführt“ habe. Weniger Volksfeste und leere Stadien führen zu einem Nachfragerückgang für Haxen und Bratwürste, der Preisverfall durch ASP-bedingten Exportstopp kommt hinzu.

Bundesminister Özdemir spricht sich für Preisanstieg aus

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts haben in den vergangenen zwei Jahren 2400 schweinehaltende Betriebe aufgegeben, das ist ein Rückgang von mehr als 11 Prozent. „Wir erleben derzeit eine existenzielle Krise eines ganzen Betriebszweigs“, sagt DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken dem RND.

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) hatte den Preisverfall bei Schweinefleisch zielsicher „eine Sauerei“ genannt. Krüsken warnt nun: „Wenn die Preise nicht bald wieder spürbar steigen, werden noch mehr Schweinehalter den Betrieb einstellen“, sagt er. „Leider spiegeln sich in dem massenhaften Ausstieg auch die langjährigen Folgen der nationalen gesetzgeberischen Alleingänge, die europäischen Wettbewerbern einen massiven wirtschaftlichen Vorteil sichern.“

Beim Geflügel sehen die Marktaussichten besser aus: „Die Nachfrage nach gesundem weißen Geflügelfleisch und nach gesunden Eiern steigt“, sagt Ripke. Er fordert langfristig eine andere Lösung als fortgesetzte Stallpflicht und hunderttausendfaches Keulen: einen Impfstoff. „Gegen Corona ist Impfen das Beste, gegen die Geflügelpest auch“, sagt der Geflügelfunktionär.

Einen zugelassenen Impfstoff gibt es in der EU noch nicht, geforscht wird aber bereits. Das Problem ist die enorme Breite des Erregers mit bis zu 140 Varianten oder Subtypen. Ripke fordert nun großzügige Forschungsgelder für die Suche nach der Hühnerimpfung. Damit der Lockdown in den Ställen beendet werden kann.

Von Jan Sternberg/RND