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Ein Mähdrescher auf einem Weizenfeld.

Häfen blockiert: der schwierige Weg des ukrainischen Getreides aus dem Land

Als die Angst vor russischen Angriffen nach den ersten Kriegstagen verflogen war, wurde auf den Äckern nahe der Stadt Lwiw weiter­gearbeitet. Rund 25 ukrainische Mitarbeiter von Landwirt Tim Nandelstädt und seinem Geschäftspartner Torben Reelfs bestellten die Felder, obwohl der Diesel für Fahrzeuge und Maschinen immer wieder knapp war. Nach den existenziellen Fragen zu Kriegsbeginn muss Nandelstädt sich nun darum kümmern, was mit dem Getreide passiert, wenn es geerntet wurde, erzählt er im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND).

Die Getreidesilos in der Ukraine sind gut gefüllt, die Versorgungslage besser als zunächst von der Regierung erwartet. Wenn die Ernte ansteht, drohen die Lager überzulaufen – denn aus dem Land findet das Getreide im Moment nicht. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine war das Land der fünftgrößte Exporteur von Weizen, jetzt steht der Handel nahezu still.

Nadelöhre der Exportwirtschaft

Die ukrainischen Häfen im Schwarzen Meer und im Asowschen Meer waren die Nadelöhre der ukrainischen Export­wirtschaft. Im Vergleich zu Welthäfen wie Rotterdam zwar klein, aber für die Region äußerst bedeutsam. In Odessa betrieb die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) das modernste Hafenterminal des Landes. Auch aus Mykolaiv und Mariupol wurden jährlich über 40 Millionen Tonnen Getreide in die Welt geschickt, vor allem nach Afrika und in den Osten.

Auch der Hof von Tim Nandelstädt und seinem Geschäftspartner Torben Reelfs produziert für den Weltmarkt: Rund 80 Prozent der Ernte wird exportiert. Die beiden haben 13 Jahre lang in der Ukraine gelebt und gearbeitet, nachdem sie die Landwirtschaft dort bei einem Praktikum kennengelernt hatten. Weizen, Gerste, Raps, Zuckerrüben, Mais und Soja steht auf ihren Feldern. Vor dem Krieg ging das Getreide zunächst an Zwischenhändler, die es reinigten, trockneten und lagerten. Von dort wurde es vor allem nach Odessa transportiert, um auf Schiffe verladen zu werden.

Die Häfen stehen nun aber still. Und die Lage bleibt absehbar prekär: „Die Häfen auf der Krim sind fest in russischer Hand, die in Mariupol und Berdjansk am Asowschen Meer sind schwer beschädigt. Und Odessa ist wie auch Mykolaiv durch die russische Schwarz­meer­flotte blockiert. Zudem treiben Seeminen im Schwarzen Meer, was den Schiffsverkehr sehr gefährlich macht“, sagt Markus Reisner, Militärstratege und Oberstleutnant vom österreichischen Bundesheer, im Gespräch mit dem RND. Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig, die Minen am Meeresboden verlegt zu haben, die sich aber losgerissen haben und nun frei durch das Gewässer treiben. Die russische Flotte kontrolliert also die Region, erst kürzlich feuerte sie Marschflugkörper aus Odessa.

„Dramatische Folgen“ für die Versorgungslage

Als EU‑Ratspräsident Charles Michel am 9. Mai Odessa besuchte und die vollen Getreidesilos sah, schrieb er auf Twitter, das in der Ukraine feststeckende Getreide habe „dramatische Folgen“ für die Versorgungslage in vielen Ländern. Nach Angaben des Präsidenten der Europäischen Investitionsbank, Werner Hoyer, kann Weizen im Wert von 8 Milliarden Euro nicht das Land verlassen. Hoyer forderte deshalb von Russland die Freigabe der Häfen.

Landwirte wie Tim Nandelstädt auf der einen Seite und ausländische Händler auf der anderen Seite ringen nun um eine Lösung für das Exportproblem. Nandelstädt hat Ideen, gesteht aber auch: „Wir stochern noch im Nebel.“ Sein Betrieb könnte Glück haben, weil er nahe der polnischen Grenze liegt. Dort behindert eigentlich eine alte Eigenheit den Warenverkehr: In der Ukraine verläuft der Zugverkehr auf breiten Gleisen aus sowjetischer Zeit. In Polen liegt die schmale Spur wie in anderen Teilen Europas. Nandelstädt kann sein Getreide möglicherweise aber an Silos liefern, die an die Schmalspurbahn angeschlossen sind. Für die meisten anderen Höfe ist das schwieriger.

Zwar setzten die Güter­verkehrs­sparte der Deutschen Bahn, die Österreichische Bundesbahn und private Betreiber sogenannte Grain Trains (Getreidezüge) ein, berichtet Gerit Schulze, Osteuropaexperte der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing (GTAI), dem RND. Um die blockierten Getreideexporte über die Häfen auszugleichen, müssten aber rund 40 Züge pro Tag aus der Ukraine fahren.

Die Bahn steht vor zahlreichen Heraus­forderungen

Militärstratege Reisner ist skeptisch, ob das gelingen kann: „Die Bahn in der Ukraine muss mehrere Herausforderungen gleichzeitig bewältigen: Es steht nur wenig Diesel und Benzin zur Verfügung, weil beides für das Militär gebraucht wird. Darum werden aus dem Westen Treibstoffe mit der Eisenbahn ins Land gebracht. Die Stromversorgung der elektrifizierten Strecken wurde zudem teilweise durch Russland zerstört. Außerdem laufen über das Schienennetz die Waffenlieferungen in die Ukraine und Fluchtbewegungen aus dem Land heraus.“ Reisner schätzt, dass nur 5 Prozent der Getreideexporte auf die Bahn verladen werden könnten.

Eine Alternative wäre der Transport über die ukrainischen Donauhäfen Ismajil und Reni nach Rumänien, wo das Getreide in Konstanza umgeschlagen werden könnte. Rumänien hat seine Hilfe angeboten. Außenhandelsexperte Schulze weist aber auf die geringe Kapazität der Donauhäfen hin, sie könnten nur einen Bruchteil des Warenaufkommens der großen ukrainischen Häfen bewältigen. Wenn die Schiffe das Donaudelta verlassen, müssten auch sie durchs Schwarze Meer – die Gefahr durch Seeminen bliebe, Militärexperte Reisner weist zudem auf die nahegelegene Schlangeninsel hin, die, wenn sie in russischem Besitz bleibe, eine Gefahr darstellen könnte. Wer sie besetzt habe, kontrolliere den Seeweg nach Odessa.

Getreidepreise steigen

Es gebe auch Überlegungen, das Getreide in die baltischen Staaten zu bringen, Klaipeda in Litauen und Riga in Lettland wären Optionen. Umschlagkosten und Transportkosten würden aber in jedem Fall steigen, berichtet Schulze. Für die nordafrikanischen und arabischen Länder, in denen das Getreide zur Grund­versorgung dringend benötigt wird, eine katastrophale Entwicklung.

„Die Zeit rennt davon. Wenn die russischen Truppen nicht fluchtartig die Ukraine verlassen, sondern den Süden und Osten der Ukraine in Besitz halten, wird sich die Lebens­mittelkrise weiter zuspitzen“, ist sich Reisner sicher. Mit potenziell unberechenbaren Folgen: „Als 2010 aufgrund von Waldbränden russisches Getreide nicht in den üblichen Mengen exportiert werden konnte, stiegen in Tunesien die Preise für Brot um das Vierfache. Die steigenden Lebens­mittel­kosten waren einer der Ausgangspunkte für den sogenannten Arabischen Frühling in Nordafrika.“

Landwirt Tim Nandelstädt und seine ukrainischen Mitarbeiter verfolgen den Weg ihres Getreides nicht bis in die fernen Zielländer. Aber auch er ist sich sicher, dass seine Ernte gebraucht wird: „Wir müssen einen Weg für den Export finden, sonst sehe ich schwarz.“

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Von Sebastian Scheffel/RND