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Blick auf Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 in Lubmin (Archivbild). Quelle: Stefan Sauer/dpa

Russland macht Gas zur Waffe: Warum im Norden nun große Verunsicherung herrscht

Der lange Arm des russischen Energieriesen Gazprom reicht nicht nur bis zu seiner Tochtergesellschaft Nord Stream 2. Gazprom hat in Mecklenburg-Vorpommern auch bei der wichtigen Gasinfrastruktur auf dem Festland seine Finger im Spiel und sicherte sich über ein komplexes Firmenkonglomerat Einfluss.

An Gascade, Betreiber der Gasempfangsstationen im vorpommerschen Lubmin, und an den Festland-Pipelines, die das russische Gas von Lubmin durch das Bundesland weitertransportieren, hält die Gazprom Germania GmbH nicht unwesentliche Anteile. Ein System gegenseitiger Abhängigkeiten entstand, das lange funktionierte, sich aber nun im Zuge des Krieges als Bumerang erweist.

Denn Moskau setzte am Mittwoch 31 Energieunternehmen auf eine Sanktions­liste, darunter auch die Gazprom Germania GmbH. Dies geschah als Reaktion auf deutsche Entscheidungen: Anfang April hatte Bundes­wirtschafts­minister Robert Habeck (Grüne) die Bundes­netzagentur als Treuhänderin der Gazprom-Tochter eingesetzt. Anlass für die deutsche staatliche Kontrolle: die ungeklärte Übertragung der Gazprom Germania an eine ausländische Gesellschaft. Energie ist mit dem Krieg zu einer scharfen Waffe geworden.

System gegenseitiger Abhängigkeiten

In Lubmin und der Gascade-Firmenzentrale sorgte die Nachricht der russischen Sanktionen am Donnerstag für Wirbel – und Verunsicherung. Gascade ist als Eigentümer der Empfangsstationen für Nord Stream 1 und Nord Stream 2 in Lubmin sowie der 480 Kilometer langen Festland-Eugal-Trasse ein wichtiger Player bei der Verteilung des russischen Gases nach Europa.

Hinter Gascade steht als mittelbare Muttergesellschaft die Wiga-Transport-Beteiligungs-GmbH & Co. KG – wie Gascade ansässig in Kassel. An der Wiga halten dem Handelsregister zufolge die Gazprom Germania GmbH 49,98 Prozent und Wintershall Dea 50,02 Prozent. Die restlichen 0,1 Prozent gehören der WIBG, einer 100-prozentigen Gazprom-Tochter. Auch die beiden anderen Gasleitungen NEL und Opal, die von Lubmin das russische Gas nach Süden und Westen führen, sind über die Wiga mittelbar Töchter der Gazprom Germania.

„Es kann jetzt Sand ins Getriebe kommen“

Wie sich nun die von Moskau verhängten Sanktionen genau auswirken, zeichnet sich erst langsam ab. „Es kann jetzt Sand ins Getriebe kommen, wenn es um die Weiterleitung des russischen Gases geht“, sagt Jacopo Pepe, Experte für globale Energiepolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik.

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Gascade als Betreiber der Lubminer Infrastruktur und auch die Wiga stehen im Gegensatz zur Muttergesellschaft, der Gazprom Germania GmbH, zwar nicht explizit auf der russischen Sanktionsliste, aber: „Wir können auch nicht ausschließen, dass wir betroffen sein könnten“, sagt Gascade-Sprecherin Tatjana Bernert. Noch, so Bernert weiter, seien die Gasflüsse aus Russland über Nord Stream 1 stabil. Dennoch bereite sich Gascade auf verschiedene Szenarien vor. Im Worst Case auch darauf, dass der Gastransport über NEL, Eugal und Opal gestoppt werden könnte.

Gaspipelines in Mecklenburg-Vorpommern

Schon jetzt betroffen von den Sanktionen ist hingegen die Industriekraftwerk Greifswald GmbH. Das 40-Megawatt-Kraftwerk in Lubmin steht auf der Sanktionsliste, ebenso dessen Mutter Wingas GmbH (Tochter der Gazprom Germania), die zusammen mit Eon das Kraftwerk betreibt. Das kleine Kraftwerk erzeugt im Winter Wärme, um das Gas aus Nord Stream 1 zu erwärmen. Ein kleines, aber wichtiges Zahnrad, damit das Gas überhaupt ins deutsche Netz gelangt.

Derzeit sei es warm, das Kraftwerk müsse nicht betrieben werden, erläutert ein Wingas-Sprecher. Sollte der Einsatz der Anlage notwendig werden, werde das benötigte Gas an den Handelsplätzen bezogen, „folglich erwachsen aus den Gegensanktionen zunächst keine Konsequenzen“.

Gegenseitige Verflechtungen waren lange eine stabile Lösung

Das System der gegenseitigen Verflechtung ist anfällig geworden, Gas wird zum politischen Druckmittel. War es ein Fehler, dass sich Gazprom überhaupt so stark in die deutsche Gasinfrastruktur einkaufen konnte? „Trotz politischer Spannungen hat dieses System von gegenseitigen Abhängigkeiten lange funktioniert“, sagt der Energieexperte Pepe. Für Deutschland mit seinem liberalisierten Gasmarkt und ausländischen Beteiligungen am Gasnetz und den Gasspeichern hätten sich die gegenseitigen Verflechtungen über Jahrzehnte als gute und stabile Lösung erwiesen.

Profitiert hätten auch deutsche Firmen, die an der Gasförderung in Sibirien mitverdient haben, so Pepe. Dass Energie auch als Waffe eingesetzt werden kann, sei jedoch zu lange ignoriert worden. „Die deutsche Politik hat daran geglaubt, dass sich durch die engen wirtschaftlichen Verflechtungen Russland auch politisch wandeln lässt.“ Dies habe sich als Irrtum herausgestellt.

Gaspreis schoss nach oben

In Lubmin, mit den Nord-Stream-Pipelines entscheidendes Energie­drehkreuz, versucht man, den Blick nach vorn zu richten – in eine Zukunft ohne russisches Erdgas. Lubmin ist neben Rostock inzwischen ein Kandidat für einen Flüssiggas-Standort. Während in Rostock nach den Vorstellungen von Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschafts­minister Reinhard Meyer (SPD) ein festes Terminal entstehen könnte, ist Lubmin für eine „schwimmende Einheit“ im Gespräch.

Unmittelbare Folgen der russischen Sanktionen waren am Donnerstag weiter anziehende Gaspreise. Im Großhandel schoss der Preis für europäisches Gas bis zum Nachmittag um 18 Prozent in die Höhe. Täglich würden laut Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zehn Millionen Kubikmeter Gas aus Russland nicht mehr geliefert. Dennoch hält er die aktuellen Einschränkungen bei der Gasversorgung für kompensierbar. Die betroffenen Unternehmen seien dabei, das Gas über andere Quellen zu beschaffen. Das gilt auch für Gazprom Germania.

Dieser Text ist zuerst in der „Ostsee-Zeitung“ erschienen.

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Von Martina Rathke/RND