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Nuklearkomplex Olkiluoto an der finnischen Westküste: Der neue Reaktor Nummer 3, ganz links, ging erst in diesem Jahr ans Netz. Quelle: Hannu Huovila / TVO (Wikipedia)

Warum Finnlands Grüne entspannt auf die Atomkraft blicken

Mikkeli ist eine 50.000-Einwohner-Stadt in Finnland, umgeben von malerischen Wäldern und Seen. Zweieinhalb Stunden braucht man mit dem Auto von Helsinki bis hier her. Es ist die Heimat des Naturliebhabers Veli Liikanen (42), der schon in seinem Biologiestudium anfing, sich für die Grünen zu engagieren.

Eigentlich ist er ein Grüner, wie er im Buche steht. Liikanen ließ sich in den Stadtrat wählen, setzte sich für mehr Jugendarbeit ein und half, einen Fair-Trade-Laden zu gründen. In seiner Partei machte er eine beachtliche Karriere, auch auf nationaler Ebene. Inzwischen ist er Generalsekretär der finnischen Grünen und in dieser Funktion mitverantwortlich für die Regierungspolitik in Helsinki: Seine Partei gehört zur Vier-Parteien-Koalition der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Sanna Marin.

In dieser Konstellation musste Liikanen im letzten Jahr helfen, eine Frage zu klären, bei der es für jeden Grünen ans Eingemachte ging: Haben die Grünen etwas dagegen, wollte die Regierungschefin wissen, dass im März 2022 der neue finnische Atomreaktor Olkiluoto 3 ans Netz geht?

Zwei neue Argumente für die Atomkraft

Liikanen diskutierte mit seinen Leuten, er hörte viel zu, argumentierte, integrierte – und gab dann die Antwort: Nein, es ist in Ordnung, wenn der Reaktor ans Netz geht. Die Grünen tragen das mit. Das zentrale Argument: Olkiluoto 3 sei ein Beitrag zur Senkung des Kohlendioxid-Ausstoßes.

Inzwischen kommt ein starkes zweites Argument hinzu: Olkiluote 3 hilft Finnland, stark zu bleiben in seiner Machtprobe mit Wladimir Putin. Als Finnland sich endgültig dazu entschloss, der Nato beizutreten, drehte Russland alle Stromlieferungen über die 1300 Kilometer lange Grenze ab. Allerdings hatten die Finnen zuvor schon von sich aus die Strom-Importe aus Russland reduziert, auf rund 10 Prozent des Bedarfs. Sobald Olkiluoto voll hochgefahren ist, wird diese Lücke mehr als gefüllt sein.

Ist „Atomkraft, ja bitte!“ jetzt das neues Motto Finnlands? Liikanen bremst: „Es gibt kein generelles Ja der finnischen Grünen zur Kernkraft.“ Es gehe lediglich um pragmatische Lösungen für eine Übergangsphase. Langfristig wolle seine Partei weiterhin raus aus dem Atomstrom, wie alle anderen europäischen Grünen. Niemand fordere den Bau weiterer Kernkraftwerke in Finnland. Allerdings müsse man sich gut überlegen, ob man ein eben erst fertiggestelltes, nagelneues Kernkraftwerk, das ohne Kohlendioxidausstoß eine Leistung von 1600 Megawatt biete, wirklich abschalten wollte. Olkiluoto 3 sei „ein sehr spezieller Fall“.

Tatsächlich fällt Olkiluoto 3 in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen.

Der Druckwasserreaktor der sogenannten dritten Generation ist der einzige in Europa, der derzeit neu ans Netz gebracht wird. Olkiluoto 3, gebaut von Framatome und Siemens, soll durch einen „Core Catcher“ gegen ein Durchschmelzen des Reaktorkerns gewappnet sein. Der Bau dauerte mehr als zehn Jahre länger als geplant, die Kosten verdreifachten sich, das Projekt geriet streckenweise zur Lachnummer – wie in Deutschland die Elbphilharmonie und der Großflughafen BER.

Die Jüngeren bewirkten das Umdenken

Die Inbetriebnahme von Olkiluoto 3 fällt jetzt in das gleiche Jahr, an dessen Ende die Deutschen die letzten drei noch laufenden deutschen Reaktoren abschalten wollen: Emsland im niedersächsischen Lingen, Isar 2 nahe Landshut (Bayern) und Neckarwestheim 2 (Baden-Württemberg). Innerhalb der EU ist Deutschland damit isoliert: Die deutsche Kombination aus Atomausstieg, hohen Strompreisen und hohem Kohlendioxidausstoß erscheint niemandem vorteilhaft.

Liikanen bleibt diplomatisch: Jedes Land müsse für sich selbst herausfinden, welchen Weg es in Richtung Energiewende gehen wolle.

In der Vergangenheit sahen auch die finnischen Grünen das Atomthema schon mal verspannter. Zweimal bereits verließen die Grünen im Streit um die Atompolitik Regierungskoalitionen in Helsinki. „Seit ungefähr zehn Jahren aber verschieben sich bei uns die Gewichte“, sagt Liikanen. Ausschlaggebend dafür seien die jüngeren und jüngsten Parteimitglieder gewesen. „Heute sind bei uns viele im Alter von 20 plus unterwegs, die selbst aus technischen Berufen kommen und wohl auch deshalb wenig Angst vor Technik haben. Was ihnen wirklich Angst einjagt, ist der Klimawandel.“

Anders als in Deutschland gab es in Finnland nie ideologische Glaubenskriege ums Nukleare. Ein weiterer wichtiger Unterschied: Es gibt keinen örtlichen Widerstand.

Sogar das Endlager fand Zustimmung

In Deutschland dagegen brachten nukleare Vorhaben stets ganze Regionen in Wallung. Im Wendland etwa wurde der Widerstand zu einer Folklore, jahrzehntelang machten Grüne an der Seite konservativer Bauern gegen ein Endlager im Salzstock mobil. Auch in Whyl und Wackersdorf scheiterten nukleare Projekte am Nein der Bürger vor Ort.

In Finnland ist das Mitentscheidungsrecht der Kommunen sogar noch stärker verankert als in Deutschland. Jedoch ist der politische Widerstand der Leute geringer. Auf der Granitinsel Olkiluoto an der finnischen Westküste, 250 Kilometer nordwestlich von Helsinki, ist die gesamte Region längst ans Nukleare gewöhnt, dort laufen schon seit 40 Jahren zwei ältere Atomkraftwerke. Sogar das Endlager, das ebenfalls auf die Insel soll, fand Zustimmung vor Ort.

Die Finnen wollen ihre radioaktiven Abfälle 500 Meter tief in Kupferröhren in finnischem Granit einlagern und dann auf Nimmerwiedersehen zuschütten. Das Lager, so der Plan, müsse am Ende nicht mal mehr bewacht werde, es bleibt nach Angaben finnischer Forscher ohne Probleme 100.000 Jahre lang dicht. Nicht mal eine neue Eiszeit könne daran etwas ändern, sagen Geologen: Es handele sich um „fennoskandisches Grundgebirge“. Und das habe schon 1,8 Millionen Jahre in seiner jetzigen Formation überdauert.

Von Matthias Koch/RND