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Das 9-Euro-Ticket ermöglicht zwar günstige Bahnreisen im Sommer – gegen den Wohlstandsverlust angesichts des Kriegs in der Ukraine hilft die Maßnahme aber nicht, kommentiert Eva Quadbeck. Quelle: Markus Scholz/dpa

Warum unser Wohlstand bedroht und das 9-Euro-Ticket keine Hilfe ist

Die ganze Nation redet und erregt sich nun über das 9-Euro-Ticket. Dabei ist diese politische Maßnahme allenfalls ein wenig weiße Salbe, die noch nicht einmal zielgenau auf die eigentliche Wunde aufgetragen wird. In diesen Zeiten sollte man militaristische Sprachbilder vermeiden. Dennoch möchte man zu gerne rufen: Habt ihr den Schuss nicht gehört?

Deutschland steht am Ende einer Ära, die geprägt war von Jobwunder, Wachstum, niedrigen Zinsen, vollen Sozialkassen, Exportüberschüssen und stabilem Geldwert. Wahrscheinlich wäre diese ungewöhnlich lange Phase der guten Konjunktur auch ohne den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu Ende gegangen. Die Folgen des Kriegs mit Inflation und Energiekrise beschleunigen und verschärfen den Prozess nun dramatisch. Auf eine solche Krise ist Deutschland aber leider nicht vorbereitet – mental nicht, politisch nicht und volkswirtschaftlich auch nicht.

Dennoch bleibt bislang eine Kursänderung aus. Das 9-Euro-Ticket ist ein Symbol für das zukunftsvergessene Agieren der politischen Führung im Land. Da werden mindestens 2,5 Milliarden Euro ausgegeben, ohne sicherzustellen, dass damit entweder zielgenau den Menschen mit schmalen Einkommen und kinderreichen Familien geholfen wird oder dass ein nachhaltiger Schritt für die Verkehrswende getan wird. Das 9-Euro-Ticket ist ein Fahrschein fürs Schlaraffenland, aber keine sinnvolle Maßnahme in der größten militärischen und ökonomischen Bedrohungslage Europas seit dem Zweiten Weltkrieg.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Wir brauchen eine Zeitenwende – nicht nur militärisch

Auch in der Sozial-, Finanz-, Wirtschafts- und Energiepolitik ist eine Zeitenwende dringend notwendig. Durch diesen Krieg in der Ukraine ist durch explodierende Energiepreise, Lieferengpässe und einen internationalen Konjunktureinbruch der Wohlstand in ganz Europa gefährdet. Zumindest müssen sich die Länder in der EU auf eine längere Krisenzeit einstellen. Deutschland fällt das besonders schwer, weil es uns schon so lange so gut geht und man sich als wohlhabender Staat daran gewöhnt hat, alle Probleme aus dem Bundeshaushalt zu lösen. Dieses Prinzip stößt nun aber an seine Grenzen. Auch deshalb ist das 9-Euro-Ticket ein falsches Signal: Durch den Krieg in der Ukraine ändern sich die Vorzeichen für das tägliche Leben radikal und wir bummeln mit einem günstigen Ticket für Regionalzüge durchs Land. Das kann doch nicht Antwort auf die aktuellen Herausforderungen sein.

Selbstverständlich besteht die Chance, die durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Energiekrise für eine beschleunigte Abkehr von fossilen Energien zu nutzen. Um das zu erreichen, wäre es unter anderem sinnvoller, die Infrastruktur des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs zu ertüchtigen und dabei die Ticketpreise langfristig möglichst stabil zu halten, anstatt ein Strohfeuer zu entfachen. Auf jeden Fall braucht die Energiewende in dieser Zeit einen größeren Schub, als die Pandemie ihn für die Digitalisierung der Schulen gebracht hat.

Zu Beginn des Jahrtausends galt Deutschlands als kranker Mann Europas – aufgeblähter Sozialstaat und wenig Innovation. Damals ging es dem Land so schlecht, dass die radikalen Agenda-Reformschritte der damaligen rot-grünen Bundesregierung auf Akzeptanz stießen. Nun stellt sich die Frage: Wie schlecht muss es dem Land gehen, bevor die Politik sich noch einmal traut, auch den Bürgerinnen und Bürgern zukunftsgerichtet etwas zuzumuten? Die Zumutungen werden so oder so kommen – beispielsweise im kommenden Winter, wenn eine warme Wohnung eine sehr teure Angelegenheit sein wird. Ein Heizkostenzuschuss für Menschen mit kleinen Einkommen wäre besser investiertes Geld als der Tankrabatt heute.

Von Eva Quadbeck/RND