Anzeige
„Das Ticket für ein neues Wirgefühl!“: eine Bushaltestelle im Nirgendwo. Quelle: Getty Images/iStockphoto

Ist Autofahren heilbar? Warum das 9‑Euro-Ticket das Land verändern könnte

Stellen wir uns kurz vor, es gäbe in ganz Deutschland für drei Monate kostenlos Gemüsesuppe. Jedes Landeskind ist aufgerufen, sich nach Belieben an bereitstehenden Gulaschkanonen versorgen zu lassen. Es ist ein Geschenk des Staates, um seine Bürgerinnen und Bürger von den Vorzügen gesunden Essens zu überzeugen. Prima Sache, warme Suppe für lau und für alle, wer könnte dagegen sein?

Es gibt nur ein Problem: Es gibt keine Teller. Löffel sind da, Suppe ist da, die Gulaschkanonen sind voll. Aber die Teller fehlen. Pro Stunde steht auf dem Land höchstens ein Teller zur Verfügung. In den Städten sind es drei.

So ähnlich ist es mit dem 9‑Euro-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr. Bloß, dass nicht die Teller fehlen, sondern die Busse.

9‑Euro-Ticket: Irgendwann wird man irgendwie irgendwo ankommen

Das 9‑Euro-Ticket kommt: Im Juni, Juli und August dürfen 80 Millionen Deutsche für rein rechnerisch 30 Cent am Tag im Nah- und Regionalverkehr durchs ganze Land reisen. Von Bayern bis Baltrum, von Paderborn bis Pasewalk. Der nimmermüde Staat möchte seine Bewohnerinnen und Bewohner auf die Klappsitze des öffentlichen Nahverkehrs locken und sie (und die Umwelt) gleichzeitig entlasten. Jedenfalls für drei Monate. Es ist ein bisschen wie bei einem Lockangebot für Handytarife: „Kommse ran, kommse ran, Superflatrate!“ Und später wird’s dann teurer. Ab September ist – nach jetzigem Stand – alles wieder wie immer.

Sicher ist, dass das Projekt „ÖPNV für alle“ das Land, nun ja, bewegt. Man diskutiert sich seit Wochen wund, ob das 9‑Euro-Ticket nun ein „Bärendienst für die Verkehrswende“ („Aachener Nachrichten“) ist oder „Das Ticket für ein neues Wirgefühl!“ („Bild“) oder bloß „Teurer Aufwand“ („Frankfurter Rundschau“) oder „ein starker Anreiz zu einer klimafreundlichen Mobilität“ (Greenpeace) oder gar ein „ÖPNV-Sommermärchen“ („Fuldaer Zeitung“). Das ZDF hat ausgerechnet, dass eine Fahrt von Frankfurt nach Sylt mit dem 9‑Euro-Ticket bis zu zwölf Stunden dauert (statt sieben mit dem ICE), von Berlin nach Sylt sind es bis zu neun Stunden (statt fünfeinhalb). Immerhin: Irgendwann wird man irgendwie irgendwo ankommen.

Schnupperstunde im Linienbus

Die Hoffnung der Ampelkoalition: Die Deutschen mögen bitte so begeistert von Bus und Bahn sein, dass sie auch fürderhin freiwillig ihre Autos stehen lassen und sich an die Bushaltestelle begeben. Die Schnupperstunde im Linienbus soll auch Nahverkehrsmuffeln die Berührungsangst nehmen. Das Ticket biete „einen Anreiz zum Umstieg auf den öffentlichen Personen­nahverkehr und zur Energieeinsparung“, heißt es im Gesetz zum sozial­politischen Doppelnutzen. 3,7 Milliarden Euro fließen dafür an die Länder. Es ist ein teures Zuckerle.

Am hehren Ziel des Unterfangens ist wenig auszusetzen. Schließlich kann es nie schaden, Menschen in Zeiten explodierender Preise finanziell zu entlasten (auch wenn diese Entlastung in höchstem Maße ungerecht ist, weil Arme und Nichtarme gleichermaßen profitieren). Die Benzinpreise sind absurd hoch.

Der finanzielle Druck auf Millionen Menschen ist massiv. Mehr als die Hälfte der berufstätigen Deutschen pendelt täglich zwischen 15 und 60 Minuten zur Arbeit und zurück. Die Kosten dafür steigen seit Jahren – egal, ob im Auto oder in der S‑Bahn. Dummerweise lässt sich eine Verkehrswende aber nicht einfach dadurch verwirklichen, dass man den ÖPNV für drei Monate zur Ramschware erklärt, wenn hinterher alles wie immer ist. Symbolpolitik hilft auf Dauer wenig.

Es geht um Komfort, Attraktivität und Verlässlichkeit

Praxisbeispiel: In Hannover dauert meine Fahrt zur Arbeit mit dem Auto 16 Minuten. Staus gibt es auf der Strecke so gut wie nie. Mit Bus und Bahn sind es bei der kürzest möglichen Verbindung eine Stunde und zehn Minuten. Da wird Zufußgehen zur echten Option (Dauer: zwei Stunden und fünf Minuten).

So ehrlich muss man sein: Viele Autofahrerinnen und ‑fahrer würden selbst dann nicht auf Bus und Bahn umsteigen, wenn das Angebot dauerhaft kostenlos wäre. Denn es geht nicht bloß ums Geld. Es geht um Komfort, (Preis-)Attraktivität und Verlässlichkeit. Es gibt nicht viele Porsche-Cayenne-Fahrer, die sofort in die Straßenbahn steigen, sobald sie die 1,80 Euro für die Fahrt nicht zahlen müssen. Wie kriegt man einen von der Straße, der sich gerade für 79.000 Euro einen Mercedes-Benz GLS mit 340 PS gekauft hat?

Durch Locken? „Komm her, MAN-Gelenkbus, Baujahr 1983, mit 26 Halte­knöpfen und Velourpolster in Lila-Türkis! Und die meisten Flecken sind auch weg! Das ist doch genau dein Ding. Die Mädels stehen voll auf Typen, die mit dem Bus fahren!“

Wo kaum Busse fahren, kann man kaum Busse nutzen

Die Erfahrung zeigt leider, dass auf Einsicht und Vernunft im Zusammenhang mit Klimapolitik kaum zu hoffen ist. Was es bräuchte: ein ÖPNV-Angebot, das flächendeckend so unschlagbar gut (und günstig) ist, dass man den Einsatz des Autos vor sich selbst nicht mehr rechtfertigen kann.

Auffällig ist: je urbaner der Lebensraum, desto größer die Begeisterung über das 9‑Euro-Ticket. Jenseits der Stadtgrenzen dagegen hält sich der Enthusiasmus in Grenzen. Denn wo kaum Busse fahren, kann man kaum Busse nutzen, selbst wenn man gern möchte. Die ARD hat untersucht, wer das 9‑Euro-Ticket in Anspruch zu nehmen plant. Das Ergebnis spricht Bände: In Großstädten sind es 60 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner. In Kleinstädten sind es 30 Prozent. Warum? Weil dort die Wartezeiten und Wege lang sind. Freifahrten helfen dort niemandem.

Die Realität erzieht Landbewohner zum Hass auf den Bus

Die ÖPNV-Realität auf dem Land erzieht die Bewohnerinnen und Bewohner quasi zum Hass auf den Bus. „Schon vor Ende unserer Schulzeit sind wir in keinen Bus mehr gestiegen“, berichtet Anneke Struck, aufgewachsen in einem Dorf mit weniger als 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern, im Fachmagazin „Agrarheute“. „Sobald es möglich war, machten wir unseren Führerschein, egal, ob für zwei oder vier Räder. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.“ Denn: „Was vom Städter oftmals als typisch Dorfkind abgestempelt wird, war und ist unsere einzige Möglichkeit, den eigenen Dunstkreis selbstbestimmt verlassen zu können.“

Die Regierung plant den Umstieg vom motorisierten Individualverkehr (MIV) – die lautmalerisch passende Aussprache „Mief“ ist nur Zufall – auf den ÖPNV. Das ist überfällig. Doch eine sommerliche Dreimonatsaktion kann die peinlichen Versäumnisse der letzten Jahrzehnte in der Verkehrsinfrastruktur nicht ausgleichen. Der frühere SWR-Journalist Franz Alt weist in einem Gastkommentar auf ein beispielhaftes deutsches Versagen in der Verkehrs­politik hin: „In den letzten Jahren hat Berlin pro Kopf 4,70 Euro für Radwege ausgegeben, Amsterdam 11 Euro, Kopenhagen 36 Euro, Oslo 70 Euro und Utrecht 132 Euro. In ganz Deutschland sind es jährlich 1,57 Euro pro Nase für Radwege.“

Ist Autofahren heilbar?

Wer je in einem Überlandbus durchs Nirgendwo geschaukelt ist, wird sich von den Vorzügen eines Verkehrsmittels, das jederzeit individuell zur Verfügung steht, nur schwer verabschieden können. Stundenlang wird man durch die Gegend kajolt wie Autoersatzteile oder Joghurt – in jenem dämmrigen Nahverkehrskoma, das für politische Gemeinheiten unempfindlich macht. Es ist ein tranceartiger Zustand, in dem das sich im sternförmigen Kratzer einer Plexiglasscheibe brechende bunte Licht nach zwei Stunden Zwangsschunkeln eine Nahtoderfahrung auslösen kann.

Ist Autofahren also heilbar? Nicht, solange Mobilität in diesem Land weiterhin eine Frage der Postleitzahl ist. Möglich, dass das 9‑Euro-Ticket das Land trotzdem verändern wird. Aber nicht, weil Tausende SUV-Fahrerinnen und -Fahrer jetzt plötzlich begeisterte Gelenkbusenthusiasten werden – sondern weil Millionen Erstkontaktlerinnen und -kontaktler die Wirklichkeit im hiesigen Personen­nahverkehr kennenlernen. Angesichts der Realitäten im deutschen ÖPNV wird der Druck steigen, den Nahverkehr wirklich zu einer verlässlichen, gut getakteten, ernsthaften Alternative zum Auto auszubauen. Schon dafür hätten sich die 3,7 Milliarden Euro gelohnt.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter.

Von Imre Grimm/RND