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Der Vorsitzende der Labor Party und künftiger Premierminister von Australien, Anthony Albanese. Quelle: IMAGO/AAP

Australiens neuer Premierminister wuchs in einer Sozialwohnung auf

Sydney. Anthony Albanese sitzt seit über 25 Jahren im australischen Parlament. In dieser Zeit hat er extreme Höhen und extreme Tiefen seiner Labor Party miterleben dürfen. Zwischenzeitlich war diese intern so sehr zerstritten, dass sie sich letztendlich für fast eine Dekade in der Opposition wiederfand. Albanese fiel in den vergangenen Jahren das schwierige Los zu, die einstigen „Parteifreunde“ wieder zu vereinen und Brücken dort zu bauen, wo zuvor tiefe Gräben gezogen worden waren.

Letzteres ist dem freundlichen 59-Jährigen gelungen, der sich im Wahlkampf am liebsten mit seinem Hund Toto präsentiert hätte, hätten ihm die Strategen nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch Albanese gelang es, Toto dann doch noch mit auf das eine oder andere Foto zu schwindeln, als er sieben Tage des insgesamt sechswöchigen Wahlkampfs wegen einer Corona-Infektion zu Hause verbringen musste.

Geduld und Hartnäckigkeit

Albanese selbst hat einen eher steinigen Weg bis in die Regierung zurückgelegt. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen im Westen Sydneys auf. Seine Mutter war alleinerziehend und schwer krank und lebte mit ihrem Sohn in einer Sozialwohnung. Den Vater, einen Italiener, lernte Albanese erst im Erwachsenenalter kennen. Seine Kindheit verbrachte er in dem Glauben, der Vater sei bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. „Ich habe den Wert eines Dollars schätzen gelernt. Ich habe gelernt, wie wichtig Resilienz ist“, schrieb Albanese vor Kurzem erst auf Twitter.

Schon während seines Wirtschaftsstudiums trat er in die Labor Party ein und engagierte sich früh auch beruflich für die Sozialdemokraten. 1996 gelang es ihm erstmals, in seinem Sydney-Wahlkreis Grayndler als Parlamentarier ins Repräsentantenhaus in Canberra einzuziehen. Den Sitz hält er seit inzwischen 26 Jahren. Während einer früheren Labor-Regierung hat Albanese bereits als Minister für Infrastruktur und Verkehr im Kabinett gesessen. An der Spitze der Labor Party ist er seit 2019. Es war kein raketenhafter Aufstieg, den Albanese hinlegte – vielmehr zeichnet sich seine Karriere durch viel Geduld und Hartnäckigkeit aus.

Vorgänger schoss sich selbst ins Abseits

Gegner warfen Albanese manchmal gar eine „Zermürbungsstrategie“ vor. Doch seiner Geduld verdankte er wohl auch seinen Sieg: Denn letztendlich schoss sich sein Gegner Scott Morrison selbst ins Abseits. Morrison hatte die Wahl vermutlich bereits 2019 verloren, als er während der tragischen Buschfeuer in Australien mit seiner Familie nach Hawaii in den Urlaub fuhr und dies mit den Worten abtat, er müsse ja keinen Löschschlauch halten. In den Tagen vor der Wahl gab selbst Morrison zu, dass er an seinem „Bulldozer“-Verhalten arbeiten müsse.

Albanese positionierte sich im Gegenzug als „Builder“, der aufbauen und nicht niederwalzen wolle, er versprach „Erneuerung“, aber keine Revolution. Insgesamt trat der Sozialdemokrat mit einem „sicheren“ Wahlprogramm auf, das wenig Zukunftsweisendes verspricht, sich aber auf die typischen sozialdemokratischen Werte besinnt.

Ureinwohner könnten profitieren

Der langjährige Politiker setzt sich für höhere Mindestlöhne, eine nationale Antikorruptionskommission, bessere Kinder- und Altenbetreuung und eine besser finanzierte staatliche Krankenkasse ein. Auch die indigenen Bewohner Australiens könnten unter dem sozialdemokratischen Premierminister einen Sieg verbuchen: Albanese will sich dafür einsetzen, das „Uluru Statement from the Heart“ umzusetzen, Aborigines und den Bewohnern der Torres-Straße eine Stimme im Parlament zu geben und ein Referendum abzuhalten, um sie als erste Australier in der Verfassung verankern zu lassen.

Albanese hat zudem deutlich mehr Ambitionen im Kampf gegen den Klimawandel – für viele Australier das wichtigste Thema dieser Wahl. So wollen die Sozialdemokraten die Emissionen bis 2030 um 43 Prozent reduzieren. Damit würde das Land immerhin zu wichtigen Handelspartnern wie Kanada (40 bis 45 Prozent), Südkorea (40 Prozent) oder Japan (46 Prozent) aufschließen.

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Von Barbara Barkhausen/RND