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Die ersten 15 Stück im Juli: Deutschland will insgesamt 30 ausgemusterte Flugabwehrkanonenpanzer des Typs Gepard mit 60.000 Schuss an die Ukraine liefern.

Gepard, Leopard, T72 und eine „Blechdose“: Das sind die Panzer im Ukraine-Krieg

Deutschland will der Ukraine im Kampf gegen die russische Invasion im Juli die ersten 15 Flugabwehrpanzer Gepard liefern. Anfang des Monats wurden bereits sieben Panzerhaubitzen 2000 versprochen. Außerdem ist die Rede vom Ringtausch etwa mit Tschechien und Slowenien: Die Nato-Partner sollen modernere Panzer bekommen, wenn sie ihre alten T72 aus Sowjetzeiten an Kiew liefern. Außerdem wird in der Ukraine der BMP-1 auf beiden Seiten eingesetzt. Wir waren im Panzermuseum Munster, um uns diese Fahrzeuge erklären zu lassen.

Der Flak-Panzer Gepard

Der Flugabwehrkanonenpanzer (Flak-Panzer) Gepard war bis 2012 in Diensten der Bundeswehr. „Er sollte den Luftraum über den eigenen Soldaten frei halten“, sagt Museumsleiter Ralf Raths. Mit seinen zwei 35-Millimeter-Kanonen kann der 47-Tonnen-Koloss vor allem Ziele in naher und mittlerer Entfernung bekämpfen. Die Gesamtfeuerrate liegt bei 1100 Schuss pro Minute – doch das schöpft die dreiköpfige Besatzung nie voll aus. Sie gibt nur kurze Salven ab. „Wie sehr die Bauer ihrer Technik vertrauen, zeigt die mitgeführte Munition“, sagt Raths. „Es sind nur 688 Schuss.“

Dabei spielt es keine Rolle, dass der Gepard aus den Siebzigerjahren stammt. „Im Inneren arbeitet noch ein Röhrencomputer“, sagt Raths. Doch auch nahezu alle Kampfjets, die heutzutage – und gerade in der Ukraine – eingesetzt werden, stammen aus dem Kalten Krieg. Das Heckradar überwacht den Luftraum, feindliche Objekte werden von dort ans vordere Zielradar übergeben. Dann verfolgt der Rechner mit den Kanonen das Ziel und es kann bekämpft werden. Raths: „Und das in nur den drei, vier Sekunden, die ein Kampfjet über einen hinwegfliegt.“

Im Vorfeld der Lieferung hieß es, der Gepard sei zu kompliziert. Mit mindestens 60 Tagen hatte er bei der Bundeswehr die längste Ausbildungszeit. Beim Schützenpanzer Marder sind es nur 25 bis 30. Aber Schießen und Fahren seien einfach. Vielmehr erklärt sich die lange Ausbildung dadurch, dass die Besatzung zum Erhalt der Kampfkraft kleinere Reparaturen selbst durchführen soll. Aber: „Selbst wenn er in der Ukraine bis zur ersten Panne nur zwei Tage Flieger abschießt, war der Einsatz sinnvoll“, sagt Raths. „Ein Panzer ist besser als kein Panzer.“

Aus der Ukraine war zunächst jedoch noch weiterer Unmut über die geplante Gepard-Lieferung zu vernehmen: Außenminister Dmytro Kuleba beklagte, dass die Flugabwehrpanzer gar nicht von der Ukraine angefragt wurden. „Ausschlaggebend für die Bundesregierung scheint eher gewesen zu sein, uns etwas zu geben, was sie selbst nicht braucht“, sagte er Mitte Mai. Später einigte man sich jedoch, nun sollen im Juli 15, später weitere 15 Gepard geliefert werden. Der Hersteller Krauss-Maffei Wegmann hat politisch grünes Licht für den Verkauf der technisch aufgearbeiteten Panzer aus früheren Bundeswehrbeständen erhalten. Krauss-Maffei Wegmann verfügt über eine mittlere zweistellige Zahl aus der aufgelösten Heeresflugabwehr der Bundeswehr – die Rede ist von insgesamt 50 Stück.

Die Panzerhaubitze 2000

Raths beschreibt die Panzerhaubitze 2000 als den aktuellen „Goldstandard“ der Artillerie: „Hochmodern, ultrapräzise, aber auch sehr teuer.“ Die Truppengattung feuert aus dem Hintergrund über die eigenen Soldaten hinweg auf den Feind. Die Panzerhaubitze 2000 schafft je nach Munition bis zu 50 Kilometer. Und: Auf maximal 17 Kilometern Entfernung ist das System in der Lage, fünf Schuss in unterschiedlichen Winkeln so abzufeuern, „dass sie gleichzeitig im Ziel einschlagen“.

Außerdem ist das Gefährt derart schnell, dass es schießt und wieder unterwegs ist, bevor die Treffer ankommen. „Normalerweise kann die Artillerie bei der Schussabgabe geortet und entsprechend bekämpft werden“, sagt Raths. Doch die Panzerhaubitze 2000 ist bereits weitergezogen, bevor der Feind überhaupt weiß, woher die Schüsse kamen. Nicht nur das mache das System für die Ukrainer so interessant.

Die Bundeswehr verfügt über 119 Panzerhaubitzen – nach Medienberichten sind rund 40 davon aktuell nicht einsatzbereit.

Der Kampfpanzer Leopard 2

Der Kampfpanzer Leopard 2 in seiner Verbesserungsstufe A4 (die modernste Version lautet A7) ist im Ringtausch für Tschechien im Gespräch. Er soll das Loch schließen, das dort durch die Weitergabe der alten T72-Kampfpanzer an die Ukraine entsteht. Raths beschreibt den Leopard 2 als „Musterbeispiel für das Zusammenspiel von Mobilität, Feuerkraft und Panzerschutz“. Diese drei Aspekte seien entscheidend. Der Kampfpanzer sei schnell, wendig und treffsicher – was ihn zu einem der besten mache.

Das 55 Tonnen schwere Fahrzeug hat eine 120-Millimeter-Kanone, die Kampfentfernung beträgt bis zu fünf Kilometer. Außerdem hat die vierköpfige Besatzung verhältnismäßig gute Chancen, nach einem feindlichen Treffer lebend herauszukommen. Raths vermutet, dass der Leopard 2 jedem T72 oder T90 der Russen überlegen sein dürfte. Insofern wundert es ihn, dass er nicht direkt in die Ukraine geliefert wird. Finanzielle Gründe dürften es nicht sein: „Die Ukraine rechnet aktuell nicht in Geld“, sagt der Museumsleiter, „sie rechnet in Blut.“

Der Schützenpanzer Marder

Auch der Schützenpanzer Marder entstammt den Zeiten des Kalten Krieges. Seine Aufgabe ist es, mehrere Infanteristen zu transportieren und ihnen gleichzeitig über die 20-Millimeter-Kanone Schutz zu geben. Die Soldaten wiederum lösen im Feld Aufgaben und Probleme, die der Panzer nicht bewältigen kann. Schützenpanzer und Kampfpanzer agieren daher gemeinsam und bilden laut Raths „das Kernstück der verbundenen Waffen“.

Der Marder soll nach Slowenien gehen, wenn das Land seinerseits alte T72-Modelle nach Kiew schickt. Er ist bei der Bundeswehr seit mehr als 50 Jahren im Einsatz und wurde wie der Leopard regelmäßig verbessert. Geblieben aber ist, dass er völlig analog ist. „Die Soldaten im Heck sitzen noch mit Karte und Kompass da, wenn sie sich orientieren wollen“, sagt Raths. Im Nachfolger Puma bekommen die Kampfeinheiten dagegen alle Informationen digital und in Echtzeit übermittelt.

Der Kampfpanzer T72

Der sowjetische T72 ist quasi das Gegenstück zum Leopard 2. Er wird auch jetzt von Russen und Ukrainern eingesetzt. Die NVA besaß ihn bis zur Wiedervereinigung. Wenn beispielsweise die Tschechen ihre Versionen liefern, könnte das den Verteidigern laut Raths vermutlich sehr helfen: „Sie haben in ihre T72 richtig Geld gesteckt und sie modernisiert“, sagt er, „somit dürften sie das obere Ende der Technik mitbringen.“

Gleichzeitig ist der größte Fortschritt des T72 sein größter Nachteil: Eine Ladeautomatik löste den Ladeschützen ab. „Die Munition befindet sich in einem Karussell im Boden“, sagt der Museumsleiter. Das führt aber dazu, dass die Geschosse bei einem Treffer explodieren und die Besatzung nicht überlebt. Durch die Detonation wird immer der Turm abgesprengt. Dieser „Springteufeleffekt“ sorge aktuell in den sozialen Medien für Erheiterung – sehr zu Raths Unbehagen: „Die Leute vergessen dabei gerne, dass da Menschen sterben.“

Der Schützenpanzer BMP-1

Der sowjetische BMP-1 aus den Sechzigern stellte laut dem Museumschef den ersten richtigen Schützenpanzer dar. „Seine Entwicklung war für den Westen ein Schock.“ Für damalige Verhältnisse war er schnell, wendig und besaß eine hohe Feuerrate. Die anderen Armeen hatten nichts Vergleichbares, bei der Bundeswehr war der Marder schließlich die Antwort. Doch während die Deutschen sich auch am Komfort und Überleben der Insassen sowie der schnellen Reparaturmöglichkeit orientierten, war das beim BMP-1 kein Thema.

Vielmehr bezeichnet Raths den 13-Tonnen-Panzer als „Blechdose“. Größere Kaliber können ihn leicht durchschlagen. Dennoch ist der BMP-1 auch jetzt bei der russischen Invasion auf beiden Seiten im Einsatz, die Ukraine soll zudem tschechische Versionen erhalten. Der Schützenpanzer verdeutlicht laut Raths zudem gut die alte Sowjetideologie: „Gab es Probleme, wurde er einfach stehen gelassen.“ Ausfälle wurden einst über die Masse an Fahrzeugen kompensiert. Selbst im aktuellen Krieg lassen die Russen ihr Gerät schnell zurück – Ersatz gibt es dieses Mal jedoch nicht so schnell.

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Von Peer Hellerling/RND