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Der Deutsche Bauernverband (DBV) rechnet mit weiteren Preissteigerungen bei Fleisch, Milch und Eiern. Quelle: Getty Images

Krieg in der Ukraine: die düsteren Prognosen des Bauernverbandes

Berlin. Schluss mit den Dumpingpreisen für Lebensmittel hat Agrarminister Cem Özdemir gleich nach Amtsantritt gefordert – aber so hat er sich einen Preisanstieg vermutlich nicht vorgestellt. Nicht wegen besserer Produktions- und Tierhaltungsbedingungen, sondern wegen des Kriegs in der Ukraine sind Lebensmittel nun teurer geworden.

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Und der Deutsche Bauernverband macht gerade noch einmal klar: Günstiger wird es erst einmal nicht – eher im Gegenteil. Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie müssten deutlich mehr für Düngemittel, Futtermittel, Energie, Kraftstoff und Logistik zahlen, heißt es in einem Positionspapier des größten Lobbyverbands der Landwirtschaft. „Nur wenn diese Mehrkosten in der Vermarktungskette bis hin zum Verbraucher weitergegeben werden können, kann eine stabile Versorgung 2023 gesichert werden.“ Wegen höherer Futterkosten durch den Ausfall von ukrainischem Futtermais müssten etwa die Preise für Fleisch, Milch und Eier angehoben werden.

Und richtig runter werde es dann erst mal nicht gehen. „Die Versorgungskrise wird mindestens bis zur Ernte 2023 andauern, wahrscheinlich auch darüber hinaus“, heißt es in dem Papier. Es sei schließlich unklar, was in der Ukraine als zentralem Lieferanten unter anderem von Getreide in diesem Frühjahr ausgesät und im Sommer geerntet werden könne. Zudem würden Häfen blockiert oder zerstört, die russische Armee zerstöre offenbar auch Silos und raube Landmaschinen. Die Exportmengen seien voraussichtlich deutlich geringer oder fielen ganz aus.

Gasknappheit wäre das größte Problem

Zwei Krisenszenarien entwirft der Verband: Bei einer weiteren Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen, von denen aus ein Großteil der Ernte in die Welt verschifft wird, würden sich vor allem die Getreidepreise weiter erhöhen. Werden die Gaslieferungen aus Russland schlagartig eingestellt, hätte dies nach DBV-Angaben drastischere Folgen: „Kein Brot, kein Frischfleisch, keine Milchprodukte.“ Schließlich würde die Energieversorgung auch in Bäckereien, Schlachthöfen und Molkereien unterbrochen. Heizungsausfälle beeinträchtigten die Stallhaltung von Kühen und Ferkeln. Wenn weniger Düngemittel hergestellt werde, gebe es Einbußen beim Pflanzenanbau.

Der Verband leitet daraus Forderungen ab. Die Landwirte bräuchten zinsfreie Kredite unter anderem für Dünger, Futtermittel und Treibstoff. Außerdem müsse die Ernährungs- und Landwirtschaft als systemrelevant eingestuft werden, um ihr damit bei einer möglichen Reduzierung russischer Gaseinfuhren Zugriff auf Gasversorgung zu sichern.

Agrarminister Özdemir warnte erneut davor, Klimakrise und Agrarpolitik gegeneinander auszuspielen. „Klimakrise und Artensterben pausieren nicht, nur weil Putin die Ukraine überfällt und einen Kornkrieg führt.“ Die EU bemühe sich um sogenannte Solidaritätskorridore, um ukrainisches Getreide auf den Weltmarkt zu bringen. Allerdings herrscht in der Bundesregierung auch die Einschätzung, dass die russische Staatsführung gezielt auf Verknappung und Verteuerung von Lebensmitteln setzt, um die internationale Solidarität mit der Ukraine durch wirtschaftliche Krisen zu untergraben.

Özdemir drängt in der EU zudem darauf, die geplante Fruchtwechselregelung von 2023 auf 2024 zu verschieben. Damit wäre es möglich, auf Weizenfeldern auch im kommenden Jahr erneut Weizen anzubauen. Künftig sind bestimmte EU-Direktzahlungen für Landwirte davon abhängig, dass Felder jedes Jahr anders bepflanzt werden als im Vorjahr. Zudem hat Özdemir als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine den Anbau von Futterpflanzen auf ökologischen Vorrangflächen und auf Brachen zugelassen. Auch Weidebetrieb ist auf diesen Flächen in diesem Jahr erlaubt.

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Von Daniela Vates/RND