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Gedenken am Fundort der Leiche von Ekaterina B.

Jugendamt: Fünfjährige soll lieber ins Heim als zur Großmutter nach Russland

Die Anspannung ist Svetlana B. anzusehen, sie zeigt sich in der Fülle an Argumenten, die sie ohne lange Pause aneinanderreiht: ihre gute finanzielle Situation, als Geschäftsführerin einer Fensterfabrik. Der viele Platz in ihrer großen Wohnung. Ihr für eine Großmutter sehr junges Alter von 53 Jahren. Und vor allem die aus ihrer Sicht große emotionale Nähe: Alles das spricht für Svetlana B. sehr dafür, dass sie das Kind ihrer ermordeten Tochter sehen und zu sich holen darf. „Wir sind in der gleichen Situation“, sagt sie. Ihre Enkelin „muss wissen und fühlen, das sie nicht allein ist“.

Doch zugleich hat sie die Sorge, dass alles das für die Behörden wenig zählt. Weil etwas anderes aus deren Sicht derzeit möglicherweise gegen sie spricht: ihr Wohnort. Sankt Petersburg, Russland.

Ekaterina B. verschwand spurlos

Der Fall ihrer Tochter, Ekaterina B., hat zu Beginn des Jahres Menschen weit über deren letzten Wohnort Bremerhaven hinaus erschüttert. Anfang Februar war die 32-Jährige plötzlich spurlos verschwunden. Polizeihundertschaften durchkämmten Waldstücke, Suchhunde schwärmten aus, Drohnen stiegen auf, Freiwillige halfen zu Dutzenden, ein Aufruf bei „XY ungelöst“ – alles ohne Erfolg. Bis Passanten am Weserdeich einen Monat später einen Koffer im Wasser entdeckten. Darin: die zerstückelte Leiche von Ekaterina B.

Die Polizei nimmt daraufhin den Ehemann fest, den 14 Jahre älteren Walter B. Kennengelernt hatten sich beide vor zwölf Jahren in einem Türkeiurlaub: Der aus Kasachstan stammende, aber schon länger in Bremerhaven lebende Mann und die Studentin aus Sankt Petersburg. Ekaterina B. zog zu ihm, setzte ihr Studium in Hannover fort, vor fünf Jahren wurde die gemeinsame Tochter geboren.

Zuletzt jedoch hatte es häufig Streit gegeben, auch Gewalt. Ekaterina B. suchte mehrmals Schutz im Frauenhaus. Und reichte die Scheidung ein.

Walter B. sitzt bis heute in Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfen schweigt er. Es gibt noch keine Anklage, die Ermittlungen laufen weiter, teilt die Staatsanwaltschaft mit.

Jugendamt sieht Versorgung von Kindern in Russland nicht gesichert

Die fünfjährige Tochter, schwerst belastet schon vom Streit der Eltern und dann dem Verlust der Mutter, wird vom Jugendamt in einem Heim untergebracht. Dort hat sich ihr Zustand offenbar stabilisiert. Sie fühle sich dort wohl, teilt eine Mitarbeiterin des Jugendamts dem Anwalt der in Sankt Petersburg lebenden Großmutter in einem Brief mit, besser als zuletzt im von Streit geprägten Elternhaus. Auch die Distanz zu allen weiteren Familienangehörigen sei dabei hilfreich, da auch Großeltern an Streitereien beteiligt gewesen seien.

Dann folgt jedoch ein Satz, der Svetlana B. an der Objektivität der Behörden zweifeln lässt. Sie könne „sicher kein Kind in ein Land schicken, das aufgrund des Kriegszustands in einem Wirtschaftsembargo nach dem anderen steckt“. Sie würde sich daher „zum jetzigen Zeitpunkt“ gegen ein Sorge- oder Umgangsrecht für die Großmutter aussprechen. In Russland, so geht es aus dem Schreiben hervor, sieht das Bremerhavener Jugendamt die Versorgung von Kindern derzeit nicht gesichert. Eine zumindest erstaunliche Einschätzung: Schließlich hat sich die Lage für Kinder in Sankt Petersburg durch den Krieg in der Ukraine kaum verändert. Aus Russland selbst werden keine Kriegshandlungen berichtet, und die Wirkung der Sanktionen scheint allen Einschätzungen zufolge bislang sehr begrenzt.

Mädchen besucht Bremerhavener Kita

Tatsächlich ist der Streit um das Sorgerecht der Fünfjährigen nicht einfach. Neben den Eltern der ermordeten Mutter wollen sich nach Informationen des RedaktionsNetzwerks Deutschland auch die in Bremerhaven lebenden Eltern des Vaters des Kindes annehmen. Zudem ist der Vater des Kindes bislang nicht angeklagt, geschweige denn verurteilt. Das Mädchen besucht nun weiterhin eine Bremerhavener Kita und hat auch Freunde dort.

Für die Eltern der ermordeten Ekaterina sprechen aus der Begründung der Jugendamtsmitarbeiterin entweder Russlandfeindlichkeit oder Unkenntnis. Der Hinweis auf „Kriegszustand“ und „Embargo“ sei ein „vorgeschobener Grund“, sagt der Bremer Anwalt Dimitri Kurpil, der die Großmutter aus Sankt Petersburg vertritt: „Meine Mandantin ist willens und in der Lage, sich um das Kind zu kümmern.“

Svetlana B. hat ihr Kind verloren – und will nun das Kind ihres Kindes großziehen. Die studierte Mathematikerin versichert im Videogespräch, sie würde ihren Beruf für das Kind aufgeben. Sie besitze insgesamt fünf Wohnungen in Sankt Petersburg, bei ihr wohne außer ihrem Mann auch noch ihr 19-jähriger Sohn. Persönlich getroffen habe sie das Kind pandemiebedingt zuletzt 2019, aber über Videogespräche und Telefonate dennoch engen Kontakt gehalten. Das Kind selbst wiederum besitzt sowohl die deutsche als auch die russische Staatsangehörigkeit und spricht beide Sprachen. Auch das Grab seiner ermordeten Mutter befindet sich in Sankt Petersburg, sie wurde dort vor zwei Wochen beigesetzt. „Die Position des Jugendamtes wundert und erschreckt mich“, sagt sie.

Onlinepetition soll Druck auf Jugendamt und Justiz erhöhen

Wirkt der russische Angriffskrieg auf die Ukraine also nun bis hinein in den Streit um das künftige Schicksal eines Kindes, dem ein Mörder gerade die Mutter genommen hat? Endgültig entscheiden, bei wem es leben und wer es sehen darf, wird nun ein Gericht. Ein Sprecher der Stadt wiederum räumt ein, dass Krieg und Embargo in diesem Fall unpassende Argumente seien – und versichert zugleich, dass das Jugendamt das Kind eng begleite und allein dessen Wohl im Sinn habe.

Svetlana B. und ihre Unterstützer in Bremerhaven sind sich da allerdings nicht so sicher. Sie wollen nun mit einer Onlinepetition den Druck auf Behörden und Justiz erhöhen. Sie selbst sagt, sie bemühe sich seit Wochen um ein Visum, um nach Deutschland zu kommen – „bislang habe ich aber noch immer keines bekommen“.

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Von Thorsten Fuchs/RND