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Diese vom Robert Koch-Institut (RKI) zur Verfügung gestellte elektronenmikroskopische Aufnahme aus dem Jahr 2001 zeigt das Affenpockenvirus (Archivbild). Quelle: Andrea Männel/RKI/dpa

Bisher keine Lehren aus Corona: Warum jetzt ein zielgenaues Krisenmanagement notwendig ist

Die Affenpocken haben uns gerade noch gefehlt nach mehr als zwei Jahren Corona und angesichts eines Krieges in Europa, der die Sicherheit der ganzen Welt, die Ernährung in den ärmsten Ländern und die Energieversorgung in den reichen Ländern bedroht. Die einzige beruhigende Nachricht ist, dass der Gesundheitsminister meint, die Affenpocken würden sich nicht zur Pandemie entwickeln. Wenn der oberste Pandemiemahner der Nation nicht alarmiert ist, muss es der Rest der Bevölkerung auch nicht sein.

Also, keine Panik. Dann schließt sich schon das große Aber an. Wurde Corona am Anfang nicht auch unterschätzt? Zudem zeigt der Ausbruch dieses neuen Virus, dass Deutschland auf eine weitere Pandemie ähnlich schlecht vorbereitet wäre wie auf die erste. Bislang wurden noch nicht einmal ernsthafte Vorkehrungen für eine nächste mögliche Corona-Welle im Herbst getroffen. Inzwischen leben wir in den dritten Sommer hinein, als sei die Pandemie beendet – kurzsichtig wie ein Maulwurf.

An die Stelle breiter öffentlicher Debatten über die Gefahren von Corona ist inzwischen eine merkwürdige Gleichgültigkeit gerückt. Eben dies ist ein grundlegendes Problem unserer Gesellschaft: Entweder wir reagieren übergeschnappt auf Bedrohungen oder sie werden einfach ignoriert. Beides ist für eine Lösung von Problemen nicht zielführend. Als Beleg dafür möge man auf das Corona-Management von Bund und Ländern zwischen „Osterruhe“ und „Öffnungsorgien“ der vergangenen zwei Jahre zurückblicken, das selten mit Augenmaß vorgenommen wurde.

Es wurden kaum Lehren aus Corona-Erfahrungen gezogen

Ganz zu schweigen davon, dass bislang kaum konkrete Lehren aus den Corona-Erfahrungen gezogen wurden. Beleg dafür ist die Situation an den Schulen und in den Pflegeheimen, die es im Fall eines Wiederaufflammens dieser oder einer anderen Pandemie ähnlich hart treffen würde.

Das Schwanken zwischen Überaufgeregtheit und Verdrängung findet sich auch auf anderen Themenfeldern. Beispiel Klima: Lustvoll wird öffentlich immer wieder über ein Tempolimit gestritten, was eine kleine sinnvolle Einzelmaßnahme wäre. Im Vergleich zur tatsächlichen Wirksamkeit dieser Maßnahme lenkt die Debatte aber davon ab, dass von einer klimafreundlichen Verkehrswende bislang keine Rede sein kann und sie mit einem Tempolimit allein auch nicht herbeigeführt wird.

Noch ein Beispiel: Dass die Pflege auf der letzten Rille läuft, war eigentlich auch schon vor der Pandemie bekannt. Corona hat wiederholt den Fokus auf das Problem gelenkt. Und auch auf diesem Feld folgten der empörten Debatte über die Not in der Pflege keine Verbesserungen für Pflegepersonal im Alltag.

Diese Mischung aus übersteigerter Problemwahrnehmung und fehlendem Pragmatismus, die Probleme auch zu lösen, lassen die Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit, einer Gesellschaft sinken. Dabei ist in einem Krisenzeitalter, in dem Gesundheit, Wohlstand, Frieden und Freiheit bedroht sind, Resilienz die zentrale Eigenschaft zum Überleben. Die alte und die neue Bundesregierung verteilt aber immer wieder nur kurz wirksame Beruhigungspillen: Pflegebonus statt Pflegereform, 9-Euro-Ticket und Tankrabatt statt Ausbau des ÖPNV.

Zurück zu den Affenpocken: Sie werden nicht die letzte schlechte Nachricht für die globale Gesundheit bleiben. Und auch wenn Lauterbach hoffentlich damit Recht behält, dass die nun aufgetauchten Fälle nicht der Beginn einer neuen Pandemie sind, wird auch diese Viruserkrankung nicht beschränkt bleiben auf Einzelfälle. Es wäre naiv zu glauben, dass sich diese Erkrankung auf Männer beschränken könnte, die mit anderen Männern Sex haben. Sie ist bei ihnen nur zuerst ausgebrochen. Es wäre angemessen, sich auch ohne Panik auf eine größere Zahl an Fällen vorzubereiten.

Von Eva Quadbeck/RND