Mittwoch , 28. September 2022
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Karl Lauterbach und Andreas Gassen erscheinen im Haus der Bundespressekonferenz zu einer Pressekonferenz zur Corona-Lage (Archivbild). Quelle: picture alliance / Geisler-Fotopress

Lauterbach gegen Gassen: das schwierige Verhältnis zweier wichtiger Corona-Bekämpfer

„Nur zur Info, lieber Herr Gassen“, beginnt Bundes­gesundheits­minister Karl Lauterbach (SPD) seinen Tweet. Lauterbach stellt richtig, was der Präsident der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen – seiner Meinung nach – zuvor in einem Interview falsch wiedergegeben hatte. Noch dazu teilt Lauterbach aber gegen den Kassenarzt aus: „Es nicht hilfreich, wenn ein wichtiger Ärztefunktionär betont, er werde sich im Herbst nicht impfen lassen.“ Das schaffe kein Vertrauen.

Gassen hatte Lauterbach zuvor gravierende Fehler bei der Impfstrategie vorgeworfen: Bis zu 100 Millionen Euro könnten wegen zu viel gekaufter Corona-Impfdosen verschwendet werden, das Gesundheits­ministerium habe die im Herbst anstehenden Impfungen viel zu hoch kalkuliert. Und überhaupt wäre Gassen auch bei gesunden älteren Menschen mit einer Viertimpfung „zurückhaltend“, er selbst wolle sich im Herbst wohl gar nicht erst eine weitere Auffrischungs­impfung holen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden Gesundheitsexperten, die in Sachen Pandemiebekämpfung im besten Fall am gleichen Strang ziehen müssten, bei Corona-Themen unterschiedlicher Meinung sind. Bürgertests, „Freedom Day“, Impfpflicht, Vorgaben zur Isolation von Infizierten – die Liste der Streitpunkte zwischen Lauterbach und Gassen ist durchaus umfangreich. Ein Überblick.

Lauterbach und Gassen: zwei Gesundheitsexperten – selten eine Meinung

Eine allgemeine Corona-Impfpflicht, wie sie Lauterbach bis zu ihrem Scheitern im Bundestag verfolgte, lehnte Gassen stets ab. „Es geht um Akzeptanz, nicht um Zwang“, sagte er bereits vor einem Jahr den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Schon damals äußerte er auch Kritik an den kostenlosen Bürgertests: Mit Vorliegen eines Impfangebots sollten aus seiner Sicht Tests nur noch für diejenigen kostenlos sein, die sich nicht impfen lassen können.

Im Januar verschärfte er dann seinen Widerstand und erklärte, dass die Kassenärzte die Pflicht nicht umsetzen würden. „Wir sind nicht der verlängerte Arm des öffentlichen Gesundheits­dienstes“, teilte er damals mit.

Im vergangenen September dann wagte Gassen einen Vorstoß und forderte einen „Freedom Day“ nach englischem Vorbild, an dem alle Corona-Maßnahmen fallen sollten. Lauterbach, damals noch nicht an der Spitze des Gesundheits­ministeriums, hielt die Idee für „nicht ethisch vertretbar“, es müsste mindestens eine Impfquote von 85 Prozent abgewartet werden, schrieb er auf Twitter.

Wenige Wochen später saßen sie sich beim ARD-Polittalk „Maischberger“ gegenüber. Lauterbach pochte auf den Schutz für Ungeimpfte, woraufhin Gassen meinte, man müsse dann auch das Rauchen verbieten. Der SPD-Politiker gab ihm eine Abfuhr: „Ich muss Jahrzehnte rauchen, um Lungenkrebs zu bekommen. Ich muss eine Nacht im Club sein, um in drei Wochen an Covid zu sterben.“

Die KBV will „mit dem Virus leben“ – Lauterbach aber ist im „Team Vorsicht“

Anfang April hatte Lauterbach überraschend erklärt, dass die verpflichtende Isolation von Corona-Infizierten ab Mai nur noch freiwillig sein würde. Kurz darauf dann sein Rückzieher zunächst in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ und dann in einem nächtlichen Tweet: Die Isolationspflicht solle aufrechterhalten werden, ihre Abschaffung wäre ein falsches Signal. „Mit Überraschung haben wir die Kehrtwende des Bundes­gesundheits­ministers zur Kenntnis genommen“, sagte Gassen damals dem Redaktions­Netzwerk Deutschland. Sein Vize Stephan Hofmeister erklärte dem RND: „Ob dieses Vorgehen zur Akzeptanz von Maßnahmen bei den Bürgerinnen und Bürgern beiträgt, muss die Politik beurteilen.“ Die Gesellschaft müsse lernen, mit dem Virus zu leben.

Zum 1. Juli schaffte Lauterbach dann die kostenlosen Bürgertests für jedermann ab, nur noch Risikogruppen und andere Ausnahmefälle sollten diese weiterhin gratis erhalten können. Für den Kassenärztechef ging das nicht weit genug, er forderte die komplette Einstellung der Testmaßnahmen. Die Tests seien zu teuer, der bürokratische Aufwand zu groß, „und die epidemiologische Aussagekraft ist null“, sagte Gassen der „Bild“.

Zudem sei die Testverordnung eine „Einladung zum Betrug, zur Geldwäsche“, sagte Gassen im Fernsehsender Welt. In einem Schreiben verweigerten die Kassenärzte sogar die Abrechnung und Auszahlung der Gelder für die Corona-Tests.

Die Auseinandersetzungen der beiden Gesundheits­experten zeichnen das Bild eines schwierigen Verhältnisses zwischen zwei Männern, die Kernfunktionen im Umgang mit der Pandemie besetzen. Auf der einen Seite der Gesundheits­minister, der stets dem „Team Vorsicht“ angehörte, auf der anderen der Kassenärztechef, der der Politik mit seinen Forderungen immer einen Schritt voraus sein wollte.

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Von Simon Cleven/RND