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Ein beschädigter russischer Panzer in Butscha bei Kiew, wo russische Soldaten schreckliche Gräueltaten an der Zivilbevölkerung begingen. In der Ukraine mutiert Russisch zur Sprache des Aggressors. Quelle: Jana Cavojska/SOPA Images via ZU

Die Sprache des Aggressors: Wie Putins Krieg dem Image der russischen Kultur schadet

Berlin. Mit seinem Überfall auf die Ukraine am 24. Februar hat Russlands Präsident Wladimir Putin dem Ansehen der russischen Sprache und Kultur mehr geschadet, als ihm lieb sein kann. War Russisch schon lange vor Beginn des Krieges in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken auf dem Rückzug und im Begriff von Englisch als erste Fremdsprache verdrängt zu werden, so kommt jetzt das Negativimage als Sprache des Aggressors hinzu.

Besonders deutlich wird die Abwendung in der Ukraine, wo Russisch über Jahrzehnte die dominierende Sprache auch im Kulturbereich war. Schon nach der Annexion der Krim und dem Beginn der Kämpfe um den Donbass 2014 begann unter ukrainischen Autorinnen und Autoren die Diskussion, wie man sich zur russischen Sprache positionieren soll, hat die Literaturwissenschaftlerin Nina Frieß beobachtet, die am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin arbeitet.

Wegen Putin: Die russische Sprache und Kultur gerät in Misskredit

„Viele russischsprachige Autorinnen und Autoren aus der Ukraine entschieden sich nach 2014 dafür, vermehrt oder ausschließlich auf Ukrainisch zu schreiben“, sagt Frieß im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Seit Kriegsbeginn habe sich dieser Trend noch verstärkt. So sei beispielsweise auf der im März vom Kiewer Kulturministerium eingerichteten Plattform „Poesie der Freien“ die Mehrzahl der über 20.000 dort eingestellten Texte in ukrainischer Sprache verfasst.

Zwar hatte die Ukraine das Russische schon vor Kriegsbeginn durch entsprechende Gesetze im öffentlichen Raum stark zurückgedrängt, etwa dadurch, dass Bürger beim Besuch einer Behörde stets zuerst auf Ukrainisch angesprochen werden müssen, aber jetzt sorgt Putin selbst dafür, dass seine Muttersprache und die russische Kultur weiter in Misskredit gerät.

Russland lässt Nationaldichter Puschkin in der Ukraine plakatieren

Dass die russische Armee jetzt in jeder von ihr besetzten ukrainischen Stadt Bilder des weltbekannten russischen Nationaldichters Alexander Puschkin (1799-1837) plakatieren lässt, bringe selbst Leute auf Distanz, die mit der russischen Hochkultur sympathisieren, sagt Frieß. „Damit fügt Russland dem Image der eigenen Kultur großen Schaden zu.“

Schon nach dem Georgienkrieg 2008, bei dem russische Truppen auf georgisches Territorium vorgerückt waren, gab es dort Tendenzen, sich vom Russischen abzugrenzen. Von den jungen Leute in Georgien und auch im Baltikum, die nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 geboren wurden, sprechen heute immer weniger Russisch, wenn sie nicht gerade aus russischsprachigen Familien stammen.

„In Litauen, Lettland, Estland und auch in Georgien und Armenien wurde die eigene Sprache auch zu Sowjetzeiten immer sehr gepflegt“, sagt Nina Frieß. Anderseits spielte Russisch beispielsweise in Kasachstan als Bildungssprache eine enorme Rolle, wenn jemand Karriere machen wollte. Das Kasachische galt lange als minderwertig.

„In Kasachstan sprechen viele Autorinnen und Autoren Kasachisch nicht auf dem Niveau, dass sie damit ihr Level in der Literatur halten können und bleiben deshalb bei Russisch“, erläutert Literaturwissenschaftlerin Frieß. Andererseits stehe die junge russophone Literaturszene Kasachstans nahezu geschlossen hinter der Ukraine. Das zeige sich auf Kundgebungen, bei Statements in sozialen Medien und auch literarisch. So habe die kasachische Literaturzeitschrift „Daktil“ ihre Märzausgabe dem „ukrainischen Volk und allen, die eine schwere Zeit durchmachen,“ gewidmet.

Zwar hat Moskau schon 2014 einen Rat für russische Sprache unter Schirmherrschaft von Putin gegründet und mit Wladimir Tolstoi einen Ururenkel des großen russischen Schriftstellers als Präsidenten gewonnen, um das Russische weiter zu entwickeln und auch im Ausland populärer zu machen. Aber eine große Außenwirkung habe das Gremium bislang nicht erzielt, hat Frieß beobachtet.

Putins Engagement für das Russische: „Mehr Show-Politik“

Zwar habe Putin 2019 in einer Rede noch einmal darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass Russisch weiterentwickelt und auch genutzt wird, aber sonst sei nicht viel geschehen. „Man hat den Eindruck, dass es hier mehr um Show-Politik als um tatsächliches Engagement geht“, schätzt Nina Frieß ein.

Außer in Kasachstan und in Belarus ist Russisch in keiner anderen ehemaligen Sowjetrepublik mehr verfassungsrechtlich verankert. Das heißt, es genießt keinen Sonderstatus mehr, wie das früher der Fall war und wird auch in den Schulen und Hochschulen zunehmend verdrängt, ist häufig nur noch zweite Fremdsprache. Andererseits sei Russisch für Arbeitsmigranten aus Zentralasien, die in Russland einen Job finden, immer noch die Sprache des sozialen Aufstiegs, sagt Nina Frieß.

Die Ukraine ist im Zuge der russischen Aggression in der Abgrenzung noch einen Schritt weiter gegangen. Wie der italienische Slawistik-Professor Alessandro Achilli auf der Webseite des ZOiS berichtet, ist im Juni in Kiew ein Gesetz erlassen worden, das den Import von Büchern aus Russland, Belarus und den besetzten Gebieten der Ukraine verbietet.

Ukraine: Import von Büchern aus Russland und Belarus verboten

Achilli interpretiert das als „wichtigen Schritt, um den ukrainischen Buchhandel zu stärken“. Bis 2014 habe man in den ukrainischen Buchhandlungen eine große Anzahl russischer Bücher gefunden, auch wissenschaftliche Veröffentlichungen seien auf russische Quellen und Übersetzungen angewiesen gewesen und hätten oft eine große Zahl von Zitaten und Verweisen auf russischsprachige Bücher oder Artikel enthalten.

Die Abhängigkeit von russischen Publikationen sei Ausdruck einer „kolonialen Beziehung zwischen den beiden Ländern und Kulturen, die bis heute anhält“, schreibt Achilli und interpretiert das neue Gesetz als einen Weg, „die überwältigende Dominanz russischer Produkte im Kulturbereich zu überwinden“. Zugleich sehe das Gesetz eine stärkere institutionelle Unterstützung des ukrainischen Buchmarktes vor, der nach 1990 gegenüber russischen Anbietern nicht wettbewerbsfähig war.

Allerdings kommt das Importverbot keinem inhaltlichen Verbot für russische Literatur gleich. Achilli weißt darauf hin, dass das neue Gesetz die Einfuhr von bis zu zehn Bänden russischer oder belarussischer Bücher pro Person erlaubt, wenn dies zu nicht kommerziellen Zwecken geschieht. „Eine der Paradoxien der schwindenden Präsenz russischer Kultur in der heutigen Ukraine liegt darin, dass dieser Niedergang vor allem der russischen Aggression zu verdanken ist“, schreibt Achilli.

Von Jan Emendörfer/RND