Mittwoch , 28. September 2022
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Mitarbeiter der Caritas packen Nothilfe­pakete für ukrainische Geflüchtete. Die Caritas registriert weiterhin ein hohes Engagement durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Quelle: Philipp Spalek/Caritas internati

Ukraine-Hilfe: Spenden­bereitschaft lässt langsam nach

Berlin. Fünf Monate nach Beginn des russischen Angriffs­krieges in der Ukraine lässt die Spenden­bereitschaft in Deutschland allmählich nach. Das ergab eine Umfrage des Redaktions­Netzwerks Deutschland (RND) bei deutschen und ukrainischen Hilfs­organisationen.

So teilte Brot für die Welt, das Hilfs­werk der evangelischen Landes­kirchen und Frei­kirchen in Deutschland, mit, dass die Hilfs­bereitschaft für die Betroffenen des Ukraine-Krieges weiterhin groß sei. „Nichts­desto­trotz sind die täglichen Spenden­eingänge nicht mehr so hoch wie in den ersten Wochen des Krieges“, sagte Presse­sprecher Thomas Beckmann.

Rückgang normal

„Das ist unserer Erfahrung nach allerdings völlig normal und vergleichbar mit anderen Katastrophen – besonders da zu Beginn des Krieges sehr viele Spenden für die Arbeit der Diakonie-Katastrophen­hilfe eingegangen sind“, so Beckmann. Brot für die Welt unterstützt die Menschen, die unter den Folgen des Ukraine-Kriegs leiden, zusammen mit seiner Schwester­organisation Diakonie-Katastrophen­hilfe, die bisher rund 60 Millionen Euro an Spenden für Betroffene des Krieges erhalten hat.

Auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) bestätigte „einen rück­läufigen Trend in den eingehenden Spenden“. „Diese Tendenz ist mit voran­schreitender Zeit in Krisen- und Katastrophen­situationen leider üblich“, sagte Kommunikations­referentin Annkatrin Tritschoks. Da ein Ende des Krieges derzeit leider nicht absehbar sei, gehe man davon aus, dass „noch auf Jahre großer Unterstützungs­bedarf bestehen wird“. Die Arbeit des DRK sei darauf ausgerichtet, humanitäre Hilfe auch dann zu leisten, wenn Krisen vielleicht aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerückt sind.

Der in Berlin ansässige und vor allem von jungen Ukrainern getragene Verein Vitsche (Zusammen) organisiert derzeit zwei Hilfs­kampagnen und spürt ebenfalls, dass die Spenden im Vergleich zur Anfangs­zeit im Früh­jahr geringer werden. „Wir machen aber gerade die Erfahrung, dass kulturelle Veranstaltungen gut angenommen werden und dort auch die Spenden­bereitschaft höher ist“, sagte eine Vitsche-Sprecherin.

Auch würden konkrete projekt­bezogene Kampagnen von den Menschen besser unterstützt, beispiels­weise wenn Geld für ein Auto gesammelt wird, dass freiwilligen Helfern in der nord­ukrainischen Stadt Charkiw zur Verfügung gestellt werden soll. Über einen Mangel an Freiwilligen kann Vitsche nicht klagen. Zwar sei mancher Helfer nach fünf Monaten ausgebrannt, aber es stießen auch neue junge Leute hinzu, die in ihrer Freizeit helfen wollten, heiß es.

Viele Freiwillige

Zum festen Stamm von Vitsche gehören etwa 20 junge Menschen, von denen keiner über 30 Jahre alt ist, das Netzwerk stützt sich nach Angaben der Sprecherin auf rund 50 junge Leute, die temporär für Aktionen einsetzbar sind.

Das Deutsch-Ukrainische Forum (DUF) in Berlin sammelt selbst keine Spenden, hilft aber großen und kleinen Hilfs­organisationen bei der Koordinierung von Spenden­lieferungen. „Aktuell organisieren wir unter anderem gemeinsam mit ukrainischen Partnern die länger­fristige Lebensmittel­versorgung für etwa 10.000 Binnen­flüchtlinge in der Ukraine“, sagte DUF-Vize­vorsitzender Gerald Praschl.

Finanziert wird dies über 500.000 Euro Spenden aus dem Topf der Aktion Deutschland Hilft, einem Bündnis deutscher Hilfs­organisationen. Wie Praschl weiter berichtete, hätten in den ersten Kriegs­wochen viele private Hilfs­angebote das DUF erreicht, insbesondere mit Angeboten zu Unterkünften. Das habe jetzt nachgelassen, auch weil viele Ukrainer schon wieder zurück­kehren würden. Praschl: „Das kann sich aber jederzeit wieder ändern.“

Das Deutsch-Ukrainische Forum dringt darauf, dass eine Lösung für die Gültigkeit ukrainischer Führer­scheine gefunden wird. Diese sind nach seinen Worten sechs Monate nach Einreise in Deutschland nicht mehr gültig und müssen durch eine Prüfung erneuert werden, da es sich bei der Ukraine nicht um ein EU-Mitglieds­land handelt. „Hier sollte es verlängerte Übergangs­regeln geben“, fordert Praschl.

Problem Führerscheine

Thomas Mähnert, Mitglied des Bundes­vorstands der Johanniter-Unfall­hilfe, sagte: „Wir können aktuell keine nachlassende Spenden­bereitschaft für unsere Ukraine-Hilfs­aktivitäten feststellen. Auch für unsere laufenden Spenden­aktionen, die die weiter­führenden Konsequenzen aus dem Ukraine-Krieg in den Mittel­punkt rücken, so zum Beispiel die welt­weite Ernährungs­krise, ist dies noch nicht erkennbar.“ Sicherlich müsse man aber in der zweiten Jahres­hälfte mit entsprechenden Rück­gängen rechnen, so Mähnert.

Das hohe Level der Hilfs­bereitschaft wie zu Beginn des Krieges sei nicht über viele Monate haltbar, hieß es bei der Caritas in Köln. „Wir stellen fest, dass mehr Menschen aus der privaten Unter­bringung in kommunale Unter­künfte ziehen. Und wir stellen fest, dass weniger Sach­spenden und Nach­fragen ankommen“, sagte Irene Porsch, Flüchtlings­beauftragte der Caritas im Erzbistum Köln.

Dort würden sich bei der Caritas und der Aktion Neue Nachbarn mindestens 11.000 Menschen für Vertriebene aus der Ukraine und für Geflüchtete aus weiteren Ländern engagieren. Porsch: „Das findet täglich und hoch­verbindlich statt, und hier ist kein Rück­gang fest­zustellen.“ Ehren­amtliche würden beispiels­weise beim Betten­aufbau in neu zu schaffenden Unter­künften der Städte oder beim Ausfüllen von Formularen helfen.

900.000 Geflüchtete registriert

Viele Helfende engagieren sich nach Porschs Worten auch länger­fristig, etwa beim Aufbau allgemeiner Anlauf­stellen, als Lotsinnen und Lotsen durch den Behörden­dschungel, in Willkommens­treffs, als Jobpatinnen und Jobpaten und für Kinder- und Jugend­freizeit­angebote. Hier würden auch Menschen helfen, die selbst vor einigen Jahren nach Deutschland geflüchtet sind.

In Deutschland sind inzwischen über 900.000 Geflüchtete aus der Ukraine registriert. Wie viele sich tatsächlich in Deutschland aufhalten, lässt sich nicht genau sagen, weil ukrainische Staats­angehörige ohne Visum in die Europäische Union einreisen können und sich auch nicht registrieren lassen müssen, wenn sie keine Sozial­leistungen in Anspruch nehmen wollen. Über 90 Prozent der Geflüchteten sind Frauen und Kinder beziehungs­weise Jugendliche unter 18 Jahren.

Von Jan Emendörfer/RND