Dienstag , 27. September 2022
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Ein beschädigte Brücke in Cherson. Quelle: IMAGO/ITAR-TASS

Die Schlacht um die Zukunft Europas

30 Kilometer sind es noch von Cherson bis zum Schwarzen Meer. Doch schon am Rand der 300.000-Einwohner-Stadt gibt es erste Strände und Beachclubs mit Wasser, Wellen und einem Blick ins Weite.

Der Dnepr, der größte Fluss der Ukraine, breitet sich hier aus, bevor er ein grünes Delta durchflutet. Wanderer schwärmen von der wasserreichen glitzernden Gegend, 400 Vogelarten tummeln sich in Chersons Bio­sphären­reservat.

Russlands Armee brauchte nach Kriegsbeginn am 24. Februar dieses Jahres nur wenige Tage, um den Menschen in diesem potentiellen Paradies das Leben zur Hölle zu machen.

Schon Anfang März zerschossen die Russen komplette Vorortstraßen und ganze Dörfer am Flussufer. Dann rollten die Panzer mit dem weißen Z in die Stadt.

Ein Horror­programm wie in Butscha

Wladimir Putins Truppen zogen in Cherson, zur gleichen Zeit wie in den Vororten Kiews, ihr übliches Horrorprogramm ab. Wehrlose Männer wurden zusammen­getrieben und erschossen, bald türmten sich Leichen und Leichenteile auf örtlichen Müllhalden. Massenhafter sexueller Missbrauch, auch an Kindern, hob an. „Sie vergewaltigten auch sehr alte Frauen“, berichtet Ruslana (45) aus Cherson in der „taz“.

Cherson war die erste ukrainische Großstadt, die den Russen in die Hände fiel. Anders als den zu trauriger Berühmtheit gelangten Kiewer Vorort Butscha aber ließen die Russen Cherson nicht mehr los. Amnesty International spricht von einem „Kontinuum des Leids“ und berichtete zum Beispiel im Juli von einer Psychologin, die von sechs russischen Soldaten aus ihrer Wohnung in Cherson an einen bis heute unbekannten Ort verschleppt wurde.

Russische Besatzung: Wie sich das in Cherson anfühlt, beschrieb eine inzwischen geflohene Bewohnerin der Stadt, Anja (31), die ihren kompletten Namen nicht nennen will, im Radio Berlin-Brandenburg: Man lebe im eigenen Haus wie in einem Gefängnis.

Als die „Orks“ kamen, wie Anja die russischen Soldaten nennt, war plötzlich jegliche zivile Kommunikation zu Ende. Mobilfunk und Internet fielen aus „Es war unmöglich, Verwandte zu erreichen oder einen Notarzt zu rufen“, sagt Anja. „Es gab überhaupt kein Netz.“ Seither läuft in Cherson nur noch russisches Staatsfernsehen: Propaganda rund um die Uhr. Die ersten Einwohner und Einwohnerinnen, Rentner vorneweg, resignierten schon. Manche, glaubt Anja, hätten ihr freies Leben in der Zeit vor dem Einmarsch wohl vergessen.

Selenskyi plant seit Juli den Gegen­schlag

Wolodymir Selenskyj indessen hat Cherson weder vergessen noch abgeschrieben, im Gegenteil. Die Stadt stand stets ganz oben auf der Prioritäten­liste des ukrainischen Präsidenten. Cherson sollte der Ort des ersten großen ukrainischen Gegen­angriffs auf die Russen sein. Den Befehl zur Vorbereitung der Attacke soll Selenskyi schon im Juli gegeben haben.

Westliche Experten sprechen von großen Risiken für die Ukraine, aber auch von einer historische Chance: Von einer Schlacht um die Zukunft Europas ist in Nato-Kreisen die Rede.

Wenn es gelänge, Putins Truppen aus Cherson zu vertreiben, wäre die bereits im März als erste an Russland gefallene Großstadt auch als erste wieder befreit – und die Blamage für Russland wäre perfekt. Dies, meinen manche, könnte auf der Moskauer Führungs­ebene Debatten auslösen, die Putin nicht überlebt.

Alles nur Wunschdenken? Ein Tagtraum? Klar ist nur eins: Die Heraus­forderungen für die ukrainischen Kämpfer sind, wenn sie jetzt den Spieß umdrehen wollen, immens.

Bislang agierten die Ukrainer stets nur als Verteidiger, da kann man auch aus einer Position technischer und zahlen­mäßiger Schwäche noch etwas machen, etwa durch eine Vielzahl kleiner trickreicher Attacken. Die Rück­eroberung einer Großstadt wie Cherson aber erfordert früher oder später den Transport weithin sichtbarer großer Truppen­verbände in die Stadt – in einer Szenerie, in der die Russen derzeit noch immer die Dominanz haben, auf den Straßen und in der Luft.

„Psychologisch dreht sich jetzt was“

Doch die Aussichten erscheinen inzwischen immerhin besser als vor dem 25. Juni. An jenem Tag konnte die Ukrainer erstmals die amerikanischen Mehr­fach­raketen­werfer vom Typ Himars einsetzen. Seither führt Kiew satelliten­gestützte Präzisions­schläge über sehr große Distanz aus. Die Himars-Raketen treffen Tag für Tag immer mehr Artillerie­stellungen, Flug­abwehr­systeme, Kommando­zentralen und Munitions­depots der Russen weit hinter der Front. Auf russischer Seite, sagen westliche Dienste, führe dies mittlerweile nicht nur zu Problemen beim Nachschub, sondern auch zu einer emotionalen Verunsicherung.

Bereits Ende Juli gingen Munitionsdepots in der Nähe Chersons nachts in Flammen auf. Im August folgten Attacken auf Flugfelder und Waffenlager auf der nahen Halbinsel Krim. Im Nachhinein erscheinen diese Schläge jetzt als Vorbereitungshandlungen für die Attacke auf die Russen in Cherson.

Deren Nachschub wurde bereits systematisch behindert. Die ukrainische Armee reduzierte die Tragfähigkeit der Brücken über den Dnepr durch wiederholten Artillerie­beschuss.

Russland reagierte mit einer schnellen Verlegung zusätzlicher Truppen von anderen Teilen der Front nach Cherson. Westliche Militärexperten wertete dies als einen Wendepunkt. „Seit dem russischen Einmarsch am 24. Februar haben immer nur die Ukrainer auf etwas reagiert, was die Russen machen“, sagtemNico Lange, bis 2021 Chef des Leitungsstabs im Bundesverteidigungsministerium, in einem Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). In Cherson indessen habe sich psychologisch etwas gedreht - “zum ersten Mal in diesem Krieg.“

Wer das Ringen um die Initiative gewinnt, hat damit aber noch nicht die Schlacht gewonnen. Die Russen in der Region Cherson jedenfalls haben Befehl, ihre Stellungen zu halten – und ziehen ihre Helme fester.

An der 200 Kilometer langen Frontlinie vor Cherson blicken ukrainische Aufklärer derzeit nicht nur auf unlängst zusammen­getrommelte Ungelernte und Asoziale aus Russland, sondern auch auf Spezialisten, darunter Eliteeinheiten russischer Luft­lande­truppen. Ein großer Aufmarsch der Ukrainer in dem flachen Gelände wäre riskant: Selenskyis Truppen könnten zu Kanonenfutter für russische Artillerie und Kampf­hub­schrauber werden.

Vier Elemente des Plans zum Gegen­angriff

Die Planer in Kiew allerdings haben diese Heraus­forderungen längst durchdacht. Inzwischen gehen westliche Experten von einem Szenario mit folgenden fünf Elementen aus:

Die Ukraine wird eine allzu große Konzentration eigener Truppen vermeiden. Die Rückeroberung Chersons wird also nicht als große Schlacht beginnen, sondern dürfte am Anfang eher aussehen wie eine Blockade­aktion. Im Idealfall würde die Ukraine die russischen Truppen einkreisen, ihre Versorgungs­wege abschnüren und sie dann nach und nach zur Kapitulation zwingen, ohne großes Blutvergießen. Die geringe Zahl von Verkehrswegen in der Region macht aus der Belagerung ein einigermaßen übersichtliches Unterfangen. Nach einer Abriegelung der Autobahnen M 14 und P 47 wäre die Lage für die Russen in Cherson bereits höchst unkomfortabel: Die Verbindung zu russischen Basen im Süden Chersons und auf der Krim ginge damit verloren. Ein weiterer Schritt wäre die – möglicherweise vollständige – Zerstörung der Brücken über den Dnepr. Damit wären nicht nur nach Süden, sondern auch nach Osten hin alle russischen Nach­schub­ströme unterbrochen. Da im Westen und Norden Chersons bereits die ukrainischen Truppen dominieren, wäre auf diese Art eine Einkesselung der Russen in Cherson relativ schnell erreichbar – theoretisch jedenfalls. Kiew kalkuliert zugleich mit einer Unterstützung durch die Zivil­bevölkerung. Im Moment der Rück­eroberung müssten die Russen fürchten, in Cherson nicht nur von ukrainischen Soldaten, sondern auch von ukrainischen Zivilisten attackiert zu werden. Schon in den vergangenen Tagen kündeten Bomben­anschläge gegen die Besatzer von einem ungebrochenen Wehrwillen vor allem jüngerer Bewohner Chersons.

Wie wird Putin reagieren?

Schon jetzt haben die Russen in Cherson offenbar Mühe, den Status quo der Besatzung aufrecht­zu­erhalten. Während Moskau dort die Russifizierung weiter vorantreiben will und Referenden zum Anschluss an Russland plant, registrieren ukrainische Regierungs­stellen eine wachsende Verunsicherung der aus Russland entsandten Pro-Putin-Propagandisten: Viele fühlten sich in Cherson neuerdings nicht mehr sicher, sie reduzierten inzwischen ihre Präsenz.

Die britische Regierung schreibt in ihrem täglich neuen „Defence Intelligence Update Ukraine“, die westlich des Dnepr in Cherson stationierten russischen Streitkräfte wirkten „verletzbar“. Inzwischen seien die Russen in Cherson dazu übergegangen, an zwei Ponton­brücken über den Dnepr zu arbeiten, um ihre Versorgung zu sichern. Zudem sei ein „Fährensystem“ geplant.

Prompt riefen Russland-Gegner in sozialen Netzwerken die ukrainische Armee zum Schiffe­versenken auf: Mit dem Himars-System funktioniere das ja aus größerer Distanz.

In westlichen Staatskanzleien und Denkfabriken wird unterdessen bereits darüber spekuliert, wie wohl der russische Präsident auf eine Rückeroberung Chersons reagieren würde.

In Nato-Kreisen ist von einer drohenden Eskalation russischer Verbrechen gegen die Menschlichkeit die Rede. Die Verrohung der russischen Truppen scheint ohnehin keine Grenzen zu kennen. So blickten Militärexperten im Westen fassungslos auf ein Video, das zeigt, wie einem ukrainischen Kriegsg­efangenen die Hoden abgetrennt wurden. Am gleichen Tag sprengten die Russen eine Unterkunft von ukrainischen Kriegsgefangenen in die Luft, um es aussehen zu lassen, als sei eine westliche Rakete eingeschlagen. Zu diesem verächtlichen Umgang mit Menschen würde es passen, wenn in Bedrängnis geratene russische Soldaten in Cherson völker­rechts­widrig Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzten.

Plötzliche Wende Richtung Waffen­still­stand?

Als mögliche Variante gilt allerdings auch, dass Putin die Welt mit der Verkündung eines einseitigen Waffen­still­stands überrascht – noch vor Beginn der Schlacht um Cherson. Velina Tchakarova, Direktorin des Austria Instituts für Europa- und Sicherheits­politik in Wien, sieht darin sogar eines der plausibelsten Szenarien: „Niemand darf sich wundern, wenn Putin plötzlich die Pose des Friedens­engels einnimmt“, sagt Tchakarova in einem Gespräch mit dem RND.

Tatsächlich häufen sich, seit die Russen militärisch unter Druck geraten sind, Anzeichen einer neuen Geschmeidigkeit in Moskau. Der Weizendeal zur Verschiffung von Getreide durchs minen­verseuchte Schwarze Meer war der erste Hinweis. Ein zweiter lag darin, dass die Außenminister Russlands und der USA am 29. Juli zum ersten Mal seit Kriegsbeginn miteinander telefoniert haben.

Führt am Ende die Schlacht um Cherson zu einer Neubewertung der Gesamtlage in Moskau – und zu einer Waffenruhe in der Ukraine?

Der Weg zu einem tragfähigen Friedens­schluss bliebe weit. Denn in Kiew ist die Neigung gesunken, überhaupt noch irgendeine Besatzung durch russische Soldaten zu akzeptieren. Eben erst hat Selenskyj auch die Befreiung der Krim als politisches Ziel unterstrichen.

Hinzu kommt die Frage, wer ein wie auch immer geartetes Abkommen auf russischer Seite unterschreiben würde. Im Westen verdichten sich Spekulationen, dass Putin eine militärische Niederlage in Cherson politisch in Moskau nicht überstehen würde. Sogar im Umfeld des Präsidenten, heißt es in westlichen Geheimdienstkreisen, sei inzwischen davon die Rede, Putin könne nur noch wählen zwischen heillosen Eskalationen, etwa durch den Einsatz von nuklearen oder chemischen Waffen, die zu einem direkten Konflikt mit der Nato führen könnten, und einem Zurückweichen. Der Kremlherr habe inzwischen schon „keine guten Optionen mehr“.

RND

Von Matthias Koch/RND