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Józef Piłsudski 1919 in Warschau als Oberbefehlshaber der polnischen Armee. Quelle: Narodowe Archiwum Cyfrowe

Józef Piłsudski und der Kampf um ein unabhängiges Polen

Berlin. Mit den aktuellen Bildern des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine rückt auch ein Kampf wieder ins Blickfeld, der vor rund hundert Jahren um die ukrainische Hauptstadt Kiew geführt wurde, sagt der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Templin. Damals standen sich die millionenstarke Armee des bolschewistischen Sowjetrusslands und die gerade erst frisch aufgestellte Armee der 1918 entstandenen Zweiten Polnischen Republik gegenüber. Mit den Polen verbündet waren ukrainische Einheiten, die für eine freie, souveräne ukrainische Republik kämpften.

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Tatsächlich gelang es den Verbündeten unter dem polnischen Marschall Józef Piłsudski und dem ukrainischen militärischen Oberbefehlshaber Symon Petljura in der Nacht zum 8. Mai 1920 Kiew einzunehmen. Anschließend erklärte Piłsudski, ein freies Polen könne nicht frei sein, solange in seiner unmittelbaren Nachbarschaft Unfreiheit und Terror herrschten. Im Namen Polens wolle er ausrufen: „Es leben die freie Ukraine!“

Die Euphorie über die Einnahme Kiews währte jedoch nur kurz, denn die Bolschewisten holten schon bald zum Gegenschlag aus und marschierten auf Warschau zu. Das ist alles gut nachzulesen in Templins soeben erschienener Pilsudski-Biografie unter dem Titel „Revolutionär und Staatsgründer“, die den Leser mitnimmt nach Polen und in die Ukraine, nach Litauen, Deutschland und Russland und die deutlich macht, wo Konflikte ihren Ursprung haben, über die noch heute gestritten wird.

Templin, der in der DDR Mitbegründer der Initiative für Frieden und Menschenrechte war, stellt heraus, dass Piłsudski die Vision eines Staates verfolgte, in dem Polen, Ukrainer, Litauer, Weißrussen und Juden gleichberechtigt nebeneinander leben konnten. Ganz anders als beispielsweise sein erbitterter Feind Roman Dmowski (1864-1939), der als einer der Hauptakteure der National-Demokratischen Partei Polens klerikal, russlandfreundlich und antisemitisch orientiert war und gleichfalls an die Spitze des Staates strebte.

Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Andrzej Przylebski (64), bis Januar polnischer Botschafter in Deutschland, beschrieb im März 2021 in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) das Gefühl der Bedrohung, das die Polen mit Blick auf ihre Nachbarn empfinden: „Wir Polen haben eine leidvolle Geschichte mit den beiden Nachbarn Deutschland und Russland hinter uns“, sagte Przylebski und fuhr fort: „Und wir haben keine Lust, in dieser Hinsicht weitere Erfahrungen zu sammeln.“

Speziell auf Russland eingehend, sagte der polnische Diplomat ein Jahr vor Beginn des russischen Aggressionskrieges gegen die Ukraine noch: „Es gibt bei uns eine große Affinität zu Russland, die Polen singen russische Lieder, gucken sich gern russische Filme an, aber wir sind auch bereit, notfalls gegen sie zu kämpfen.“

Eine tiefverwurzelte Angst

Die Sorge der Polen ist Jahrhunderte alt, geht zurück auf das einstige Großreich Polen-Litauen, einen Vielvölkerstaat, der als Königliche Republik von 1569 bis 1795 bestand und mehrfach unter den Nachbarn Russland, Österreich und Preußen aufgeteilt wurde. Erst mit dem Ende des 1. Weltkriegs 1918 konnte für gut 20 Jahre wieder eine souveräne Zweite Polnische Republik entstehen, weil alle drei Teilungsmächte Niederlagen erlitten hatten.

Diese Staatsgründung ist untrennbar mit dem Namen Józef Piłsudski verbunden, von dessen Verehrung heute große Denkmale in polnischen Städten zeugen und dessen Porträt manches Wohnzimmer schmückt. 1867 als Sohn polnisch-litauischer Landadliger auf einem Gutshof bei Wilna (heute Vilnius) geboren, stieg Piłsudski zum Staatsgründer und Marschall auf, der damals schon Russland die Stirn bot und deshalb heute noch in der polnischen Erinnerungskultur eine große Rolle spielt.

Der Kommandant, wie er auch genannt wurde, gilt den Polen heute als Symbolfigur der Unabhängigkeit, als ein Mann, der nach dem 1. Weltkrieg erfolgreich die Bedrohungen durch Sowjetrussland und Deutschland abgewehrt hat, erläutert Templin (73) im Gespräch mit dem RND. Als ausgewiesener Experte in polnischer Geschichte hat Templin über 400 Seiten Piłsudskis Bedeutung für Polen und Europa herausgearbeitet.

Während der Staatsgründer in der DDR-Geschichtsschreibung schlicht als Diktator abgetan wurde und man vom „polnischen Piłsudski-Regime“ schrieb, zeichneten westdeutsche Historiker ein differenziertes Bild, räumten ihm aber auch nicht den Stellenwert ein, den Piłsudski nach Templins Auffassung in der europäischen Politik der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts eigentlich haben müsste. Templin sieht Piłsudski in einer Reihe mit Charles de Gaulle und Winston Churchill.

Aufgewachsen mit dem Gefühl der Unterdrückung der polnischen Nation, begehrt Piłsudski früh gegen das zaristische Kaiserreich auf, fühlt sich als Medizinstudent von linksradikalen Ideen angezogen, beteiligt sich am Überfall auf einen Postzug, wird Mitbegründer der polnischen sozialistischen Partei und als junger Mann zu fünf Jahren Verbannung in Sibirien verurteilt.

Im 1. Weltkrieg führt er als Militär polnische Legionen an, die mit Österreich und Deutschland gegen Russland kämpfen. Als er sich zusammen mit seinen Soldaten weigert, den Eid auf den deutschen Kaiser Wilhelm II. abzulegen, wird er in Magdeburg in Festungshaft gesteckt, was sein Ansehen als nationaler Führer bei der polnischen Bevölkerung stärkte.

War Piłsudski nach dem Ende des 1. Weltkrieges zunächst Oberbefehlshaber über die polnischen Truppen geworden, übertrug ihm die Nationalversammlung kurz danach auch die Führung des polnischen Staates und erhob ihn 1919 zum Naczelnik Państwa (Staatsoberhaupt). Er blieb bis zu seinem Tod 1935 an der Spitze des Staates, wenn auch mit Unterbrechungen und in unterschiedlichen Funktionen, nicht zuletzt als Marschall.

Templin schreibt mit Sympathie aber nicht unkritisch über Piłsudskis politischen Weg von links in die Mitte. Er würdigt, dass die Zweite Polnische Republik, die „gewiss keine ausgereifte Demokratie war“, bis 1939 dem Zangengriff der beiden totalitären Systeme in Moskau und Berlin standhielt, stellt aber auch dar, wie sich Piłsudski 1926 de facto zurück an die Macht putschte, nachdem er das Amt des Staatspräsidenten 1922 abgegeben hatte.

„Zu jener Zeit wurde Polen durch innere Kämpfe zwischen links und rechts zerrissen, die zusätzlich durch Sowjetrussland und Deutschland befeuert wurden“, erklärt Templin. „Es war kein von Anfang an geplanter Putsch, sondern eher ein situatives Handeln, das in einer militärischen Konfrontation mündete.“

Allerdings regierte Piłsudski fortan autoritär und schreckte 1930 auch nicht davor zurück, politische Gegner von links und rechts, darunter gewählte Parlamentarier ohne Gerichtsurteil verhaften und auf der Festung Brest am Bug internieren zulassen. „Prügel waren in Brest an der Tagesordnung“ schreibt Templin, der „sadistische Erfindungsreichtum“ der Gefängnisleitung kannte keine Grenzen.

Diese Phase, in der Piłsudski mit Gewalt nach innen das Auseinanderbrechen des polnischen Staates verhinderte, wirft nach Templins Worten „dunkle Schatten auf die Lebensbilanz“ des polnischen Nationalhelden. „Es ist unverzeihlich, dass er die Betroffenen Leuten überließ, die bestialisch vorgingen und dass er zum Teil auch privat Rache an Gegnern nahm, die ihm zuvor schwer zugesetzt hatten“, sagt Templin.

Das „Wunder an der Weichsel“

Als „Wunder an der Weichsel“ ging die von Piłsudski angeführte Schlacht vor Warschau vom August 1920 in die Geschichte ein. Die Bolschewisten-Führer Lenin und Trotzki wollten die russische Revolution exportieren und hatten schon eine polnische „Revolutionsregierung“ in Bialystock bereitgestellt. Sowjetmarschall Tuchaschewski, der später von Stalin umgebracht wurde, marschierte mit einer Übermacht auf die polnische Hauptstadt zu.

Durch ein riskantes Zangenmanöver gelang es Piłsudski, die bis vor die Tore Warschaus vorgedrungene Rote Armee nahezu vollständig zu vernichten. Im Ergebnis sicherte der Marschall Polen nicht nur die Unabhängigkeit, sondern im März 1921 durch den Friedensschluss von Riga mit Sowjetrussland auch ein Territorium von knapp 400.000 Quadratkilometern. „Von seiner Ausdehnung und seiner Bevölkerungszahl her war das Land nun der sechsgrößte Staat in Europa, ein ungeteilter souveräner Staat, der das Potenzial für eine eigene Entwicklung besaß“, schreibt Templin.

Die Nachbarn Deutschland und Sowjetrussland machten dem eine Ende, als sie im September 1939 von zwei Seiten in Polen einfielen. Die letzten regulären polnischen Einheiten kapitulierten am 6. Oktober 1939 und erst mit dem beginnenden Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1980-er Jahren konnte sich Polen seine Freiheit neu erkämpfen.

Von Jan Emendörfer/RND