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Der milliardenschwere Techinvestor Peter Thiel blickt auf das Podium vor Beginn des zweiten Tages der Republican National Convention in Cleveland, Dienstag, 19. Juli 2016. Thiel, ein Milliardär aus dem Silicon Valley und Berater des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, verlässt den Verwaltungsrat der Facebook-Muttergesellschaft Meta, wie das Unternehmen am 7. Februar 2022, bekannt gab. Quelle: Carolyn Kaster/AP/dpa

Der Totengräber der westlichen Demokratie

Was ist ein Mann, der glaubt, Greta Thunberg und mit ihr die gesamte Klimabewegung sei der leibhaftige Antichrist, der die liberale Demokratie für etwas Gescheitertes hält, das es zu übewinden gilt, der überzeugt ist, die Endlichkeit menschlichen Lebens durch technische Manipulation zu überwinden? Ein armer Irrer? Nein, Peter Thiel ist weder arm noch irre – sein Reichtum, milliardenschwer, wird lediglich von seiner intellektuellen Brillanz noch übertroffen.

Doch genau das – ein scheinbar nie versiegender Quell dunkler Visionen, der seinem Denken entspringt, in Verbindung mit Geld, zu viel Geld, macht den in Frankfurt am Main geborenen Amerikaner Peter Thiel zu einem der gefährlichsten Menschen Amerikas und der westlichen Welt.

Denn eben jener westlichen Welt mit ihren Institutionen, ihren Medien, dem Parteiensystem, hat der Techmilliardär den Krieg erklärt. Einen Krieg, für den er gerade seine Truppen neu sortiert. Blake Masters, ein rechtsradikaler Evangelikaler, der Donald Trump für den legitimen Gewinner der Präsidentschaftswahlen von 2020 hält, wurde soeben in Arizona zum offiziellen Kandidaten der Republikaner gewählt. Ein Etappensieg für das Trump-Lager auf dem Weg zu den wichtigen Zwischenwahlen im November, die das Potential haben, Präsident Joe Biden politisch zu amputieren.

Auch JD Vance gehört zu Thiels Truppen, einst ein Gemäßigter, der längst zum extremen Flügel der Republikanischen Partei gehört und in Ohio einen Senatssitz anstrebt. Zudem Josh Hawley, in US-Medien als „Posterboy der Rechtsradikalen“ bezeichnet. Der texanische Senator Ted Cruz, der bis heute von Wahlbetrug bei Trumps Abwahl spricht. Und Ron DeSantis aus Florida, Medien beschreiben ihn als „Trump mit Hirn“.

Krieg gegen das System

Thiels Krieg gegen das System, gegen die verhassten Eliten, gegen die liberale Demokratie, hat nichts mit dem primitiven Gepolter des Dummschwätzers Donald Trump zu tun. Es habe lediglich jemanden gebraucht, der gegen die Eliten antritt, soll Thiel im Oktober 2021 in Frankfurt gesagt haben – am Rande einer Veranstaltung, auf der ihm der Frank-Schirrmacher-Preis der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verliehen wurde. War Trump also lediglich eine Art tumbe „Abrissbirne“?

Der zweite Schlag gegen Amerikas Demokratie, er könnte nachhaltig zerstörerischer sein als die vier Regierungsjahre Trump. Vor allem wird im Vorfeld weniger gepoltert. Fast leise, mit geschliffener Rhetorik, spricht Thiel über Amerika unter Biden als ein „geistesgestörtes Land“ und präsentiert sich dabei unbescheiden als Erlöser, der auf den Verfall und Untergang der westlichen Zivilisation wettet. Sein umgängliches, leicht feminines Wesen sind einnehmend, mitunter werden seine schärfsten Botschaften in Nebensätzen versteckt, die man beinahe überhört hätte.

Max Chafkin, dessen lesenswerte Biografie Thiels (FinanzBuch Verlag, München) auch auf Deutsch erschienen ist, beziffert das Vermögen des Deutsch-Amerikaners mit Verweis auf Forbes auf 5,2 Milliarden Dollar. Doch im Unterschied zu den noch reicheren Sillicon-Valley-Oligarchen Jeff Bezos oder Elon Musk, mit letzterem gründete er Paypal, hat Thiel eine klare politische Agenda, die auf einem ideologischen Fundament basiert.

Die Antwort auf den Klimawandel, den er so nicht nennen würde, darf laut Thiel nicht eine grüne oder klimafreundliche Revolution sein, sondern der mit großem Aufwand betriebene Umbau des Planeten. Oder philosophisch ausgedrückt: Das Bewusstsein erschafft sich das Sein.

Thiel ist wie ein moderne Variante von Dr. Faust, jenem blinden Fortschrittsgläubigen also, der sich in Goethes Klassiker mit dunklen Mächten verbündet und den keine ethischen Zweifel plagen.

Ayn Rand, Oswald Spengler, Friedrich Nietzsche

Bei Thiel paart sich der ungezügelte Libertarismus der russisch-amerikanischen Philosphin Ayn Rand mit Oswald Spenglers kulturpessimistischen „Untergang des Abendlandes“-Dystopien, das ganze angereichert mit Friedrich Nietzsches Vision vom Übermenschen, der bestehende moralische Wertordnungen zertrümmert um etwas zu schaffen, das über das bisherige Menschsein hinausreicht.

Denn der Deutsch-Amerikaner ist ein Anhänger des Transhumanismus, einer Bewegung, die erforschen lässt, wie sich das menschliche Altern verlangsamen und am Ende verhindern lässt – zum Beispiel durch „Kryokonservierung“ (Kältekonservierung) oder durch Speicherung des eigenen Bewusstseins in Computern, um es in einem neuen Körper hochzuladen.

Thiels Vision für unsere kranke Welt: Ein Planet wird mit großem Aufwand für Menschen bewohnbar gemacht, seine alte Ökosphäre unterdrückt oder zerstört. Mit Geld und dem Pioniergeist der kapitalistischen Gründerjahre soll diese Welt so verändert werden, wie wir sie brauchen.

Macher, Unternehmer, Pioniere, denen von niemandem Grenzen gesetzt werden

Treiber in Thiels Universum, natürlich beschränkt sich die Vision nicht auf unseren Planeten, sind Macher, Unternehmer, Pioniere, denen von niemandem Grenzen gesetzt werden und die mit maximaler Härte und Effizienz eine Monopolstellung anstreben.

Wer da im Wege ist, gehört hinweggefegt: Der Staat, die Eliten, das gegenwärtige System. Die Blaupause, wie Thiel Widerstände bricht, lieferte er 2007. Damals wurde er durch den US-Klatschblog Gawker als schwul geoutet.

Doch das sollte Gawker schlecht bekommen. Im Prozess von Hulk Hogan gegen Gawker übernahm Thiel die Anwaltskosten der ehemaligen Wrestlinglegende, das Onlineportal hatte ein Sexvideo Hogans veröffentlicht. Gawker wurde zu 115 Millionen Dollar Schadensersatz verurteilt, das brach dem Portal das Genick. Später gestand Thiel, auch die Prozesse anderer Kläger gegen Gawker finanziert zu haben – als „Philanthrop“, Menschenfreund also.

Auf dem großen Nominierungsparteitag der Republikaner im Juli 2016 feierte er Trump als „Retter der Nation“ und schloss mit dem Bekenntnis: „Ich bin stolz, schwul zu sein. Ich bin stolz, ein Republikaner zu sein. Vor allem bin ich stolz, Amerikaner zu sein!“ Mitte Oktober 2017 heiratete er in Wien seinen langjährigen Partner Matt Danzeisen.

Extreme treffen aufeinander

Vielfach treffen bei Thiel die Extreme aufeinander, bilden ein merkwürdig anmutendes kontradiktorisches Ganzes: Einerseits ist er bekennend schwul, polemisiert aber scharf gegen die Bürgerrechtsbewegungen der queeren Community und fühlt sich dem christlich-fundamentalistischen Milieu Amerikas verbunden.

Auf der einen Seite sieht er in Chinas digitalem Überwachsungssystem eine der größten Bedrohungen der Menschheit, gleichzeitig preist er aber selbst eine diktatorisch oder expertokratisch verordnete Wiederherstellung eines gedachten Urzustandes der Welt als Lösung heutiger Krisen.

Er ist dank Big Tech Milliardär geworden, ist heute jedoch einer der härtesten Kritiker von Google und Co. Als Investor beschwört er technologische Zukunftsvisionen und hasst gleichzeitig die dafür notwendige Globalisierung.

Als amerikanischer Patriot verschafft er sich die Staatsbürgerschaft Neuseelands, um sich im Ernstfall auf abgelegene Inseln zurückziehen zu können. Als Libertärer setzt er alles daran, staatliche Institutionen wie die Arzneimittelbehörde FDA handlungsunfähig zu machen, verankert aber zur selben Zeit den von ihm kontrollierten Datenanalysekonzern Palantir tief in den mit Steuermilliarden alimentierten Strukturen des militärisch-industriellen Komplexes.

Zu guter Letzt: Ein Milliardär, der dank wohlhabender Eltern an der Eliteuniversität Stanford ausgebildet wurde, ruft zum Sturz der Eliten auf. Auch sein Verhältnis zum Land seiner Geburt ist ambivalent: Einerseits preist er deutschen Erfindungsreichtum, gleichzeitig geißelt er die „deutsche Laune“ von der „Sehnsucht nach Rückzug aus der Modernität in ein poetisches Bild vom Leben in der grünen Natur“.

Sebastian Kurz arbeitet für Thiel

Anfang des Jahres überraschte die Nachricht, dass der zurückgetretene österreichische Kanzler Sebastian Kurz fortan für Peter Thiel arbeitet – als „Global Strategist“ bei dessen Investmentfirma. Insgesamt könnte 2022 ein Meilenstein in Thiels Vision vom neuen Amerika werden.

Die Unzufriedenheit mit der Regierung von Joe Biden ist groß, im Herbst stehen Zwischenwahlen an. Ein Drittel der Senatoren und das gesamte Repräsentantenhaus werden neu gewählt, den Demokraten droht eine empfindliche Schlappe.

Was ihn umtreibt, beschrieb Peter Thiel bereits 2016 auf dem republikanischen Convent: „Ich bin kein Politiker. Aber Donald Trump ist es auch nicht. Er ist ein Baumeister, und es ist an der Zeit, Amerika wiederaufzubauen.“

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Von Harald Stutte/RND