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Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Warum lernt Karl Lauterbach nicht dazu?

Eigentlich müsste man annehmen, dass ein Politiker nach mehreren kommunikativen Flops dazulernt. Nicht so der Gesundheitsminister. Schon wieder prescht Karl Lauterbach vor und hebelt die Ständige Impfkommission (Stiko) de facto aus. So fordert der Sozialdemokrat von ihr Impfempfehlungen: Wer unter 70 ist, soll seine Impfung auffrischen lassen – und wer nicht? Dabei macht er sogar konkrete Vorschläge – und will damit offenbar die Arbeit des Gremiums beschleunigen.

Die Impfkommission selbst empfiehlt die vierte Spritze aber nur für Über-70-Jährige und vulnerable Gruppen. Schon die Drei-Monate-Impfschutzregel im neuen Infektionsschutzgesetz hat deswegen für viele offene Fragen gesorgt. Dass Lauterbach der Stiko nun sagt, was sie zu tun hat, ist für die Beziehung zwischen dem Gremium und der Politik alles andere als förderlich. Schlimmer noch: Für die Impfkampagne ist diese kommunikative Strategie ebenfalls nicht hilfreich. Denn was bei der Bevölkerung vor allem ankommt, sind unterschiedliche Signale, die kein Licht ins Dunkel bringen.

Lauterbach steigert die Impflaune nicht gerade

Schon jetzt lässt sich in manchen Teilen der Gesellschaft eine Impfmüdigkeit wahrnehmen: Bisher haben nur etwa 72 Prozent eine Auffrischungsimpfung erhalten, obwohl circa 85 Prozent grundimmunisiert sind. Das sind 13 Prozent, die zwar zwei Spritzen bekommen haben, aber sich bisher nicht die dritte abgeholt haben. Sie werden sich nicht durch Lauterbachs Sticheleien gegen die Impfkommission überzeugen lassen.

Eigentlich wollte Lauterbach die Kommunikation zwischen dem Gremium und dem Bundesgesundheitsministerium verbessern. Ausgelöst worden war dieses Versprechen durch eine ähnliche Situation im Juli, als er die Arbeit der Impfkommission schon einmal durchkreuzt hatte. Doch nun, nur wenige Wochen später, torpediert der Sozialdemokrat seinen eigens angestrebten Reformversuch. Wenn Lauterbach mit der Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unzufrieden ist, sollte er aber besser darauf einwirken, ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, damit sie schnellere und umfassendere Entscheidungen treffen können. Ein öffentliches Piesacken bringt da herzlich wenig.

Es ist nicht das erste oder das zweite Mal, dass Vorstöße des Ministers verwundern. So warnte er vor einiger Zeit vor einer Killervariante, die Deutschland im Herbst und Winter ereilen könnte. Dann nahm er die heftig kritisierte Abschaffung der Quarantäne kurzerhand nachts in einer Talkshow wieder zurück.

Lauterbach sollte die als Abgeordneter gelernte Twitter-Mentalität ablegen: Nur weil man in den eigenen Augen einen klugen Gedanken fasst, muss man ihn nicht sofort kundtun. Besonders nicht als Minister. Lauterbach muss endlich genau abwägen, wie seine Aussagen in der Bevölkerung ankommen.

Von Alisha Mendgen/RND