Donnerstag , 6. Oktober 2022
Anzeige
Am 3. Juni wurde der ukrainische Parlamentspräsident Ruslan Stefantschuk von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zur Gesprächen in Berlin empfangen. Quelle: Michael Kappeler/dpa

„Dieser Krieg wird nur enden mit einem Sieg der Ukraine“

Berlin. Wenn Ruslan Stefantschuk (46) mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auftritt, könnte man meinen, er sei der Bodyguard. Der zwei Meter große ukrainische Parlamentspräsident wirkt auf jeden Fall nicht wie ein Hochschullehrer, was er vor seiner politischen Karriere einmal war. Beim Interview via Zoom mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sitzt der zweitwichtigste Mann des Landes, der im Falle von Selenskyjs Tod das Kommando übernehmen würde, in olivgrüner Uniform an seinem Schreibtisch in Kiew und gibt bereitwillig Auskunft.

Herr Stefantschuk, seit fast sechs Monaten ist Ihr Land einem brutalen Angriffskrieg durch Russland ausgesetzt, wie lange wird das noch so weitergehen?

Es ist eine sehr schwierige Sache, irgendeine Prognose abzugeben. Aber die ganze Welt sieht unseren Kampf und den Kampf der ukrainischen Armee. Und für uns ist es sehr wichtig, dass wir internationale Unterstützung erhalten. Lassen Sie es mich so sagen: Wenn diese Unterstützung weitergeht, dann wird das Ende des Kriegs immer näher rücken.

Präsident Wolodymyr Selenskyj hat dieser Tage erneut gesagt, dass die Ukraine die Krim zurückerobern will von Russland. Ist das realistisch?

Dieser Krieg wird nur enden mit einem Sieg der Ukraine. Und das beutet nicht nur ein Sieg auf dem Schlachtfeld. Sondern auch die Rückgewinnung unseres gesamten Territoriums, die Anerkennung unserer Grenzen, Strafen auf der Ebene internationaler Gerichte für die russischen Verbrechen und ebenso Reparationszahlungen für die von Russland angerichteten Zerstörungen in der Ukraine. Für uns ist die Krim ein integraler Bestandteil der Ukraine sowie es beispielweise Bayern für Deutschland ist. Und deshalb beabsichtigen wir wirklich, alles zurückzuholen, was zur Ukraine gehört.

Die Russen haben angekündigt, jetzt das von ihnen besetzte Atomkraftwerk Saporischschja für die Stromversorgung der Krim zu benutzen. Was sagen Sie dazu?

Für mich kam das überhaupt nicht überraschend. Die ehemals zweitstärkste Armee der Welt ist verkommen zu einer Armee der Räuber, Diebe und Marodeure, die alles klauen, was sie kriegen können: unsere Menschen, unseren Weizen und auch unsere Elektroenergie. Für mich ist das nur ein weiterer krimineller Akt von Russland auf unserem Territorium. Und jetzt versteht langsam die ganze Welt, dass Russland sich selbst hinter die Normen einer zivilisierten Welt zurücksetzt. Sie versuchen, das Recht des Stärkeren durchzusetzen und liegen damit völlig falsch.

Wie groß ist das Risiko, dass es zu einer nuklearen Katastrophe kommt?

Diese Gefahr existiert seit dem ersten Tag des Krieges. Die russischen Aggressoren haben zuerst das Atomkraftwerk Tschernobyl, dann das AKW Südukraine und zuletzt das AKW Saporischschja besetzt. Bei all diesen Aktionen bestand eine Gefahr für die ganze Welt. Und die Drohungen von Russland in Bezug auf Atomwaffen sollten die ganze Welt wachrütteln. Wir sollten anerkennen, dass Russland ein terroristischer Staat ist, der von unverantwortlichen Handlungen abgehalten werden muss. Wenn es zu einem Nuklearkrieg kommt, wird es keine Grenzen mehr geben, das wird der erste und wohl auch der letzte Atomweltkrieg sein.

Sind Sie zufrieden mit der Unterstützung aus Deutschland und speziell mit der von Bundeskanzler Olaf Scholz?

Aus unserer Sicht ist es ganz wichtig, dass Russland für Deutschland nicht länger ein Land ist, mit dem man normale Wirtschaftsbeziehungen unterhält und Geschäfte macht. Jetzt ist klar geworden, was für ein Akteur Russland ist. Deutschland hat uns sehr geholfen, indem es seine Position gegenüber Russland geändert hat. Und wir sind sehr dankbar für die Entscheidung Deutschlands, uns zu unterstützen. Ich hoffe sehr, dass die Zeiträume zwischen den Entschlüssen und dem tatsächlichen Eintreffen der Hilfen immer kürzer werden. Denn wir brauchen wirklich deutsche Technik, inklusive Panzer und Haubitzen. Die Beziehungen zur deutschen Regierung befinden sich auf einem sehr guten, hochprofessionellen Level. Wir haben ein sehr gutes Klima des Dialogs.

Liefert Deutschland denn jetzt genug schwere Waffen?

Wir sind sehr zufrieden mit den Waffentypen, die wir schon erhalten haben. Natürlich würden gern mehr davon bekommen und uns freuen, wenn es schneller ginge. Denn ohne diese schweren Waffen ist es sehr schwer, diesen Krieg zu gewinnen.

Welchen Unterschied machen westliche Waffen an der Front?

Ich denke, der Unterschied auf dem Schlachtfeld ist offensichtlich. Als wir nur mit unseren alten Waffen im Kampf waren, befanden wir uns in einem Zermürbungskrieg mit der Gefahr für die Ukraine, ihn zu verlieren. Jetzt erleben wir mit den schweren Waffen aus dem Westen einen Durchbruch. Mit dieser neuen westlichen Technik in unseren Händen können wir vorwärts marschieren in Richtung Sieg.

Was braucht die Ukraine noch, um die russische Armee zurückzuschlagen?

Es gibt kein Universalkonzept. Wir brauchen mehr Waffen, mehr Munition und mehr Training für unsere Soldaten. Wir selbst haben eine wundervolle und sehr gut ausgebildete Armee und eine sehr hohe Kampfmoral in unseren Truppen. Es ist sehr wichtig, dass die Sanktionen gegen Russland fortgesetzt werden, denn jetzt verbraucht der Kreml eine Menge seiner Ressourcen aus Geschäften mit der zivilisierten Welt. Aber wir dürfen es nicht zulassen, dass dieser Handel fortgesetzt wird, damit Russland mit diesem Geld den Krieg weiterführen kann. Wir rufen die ganze Welt auf, die Sanktionen fortzusetzen. Denn ohne den Sanktionskrieg zu gewinnen, können wir auch nicht den regulären Krieg gewinnen.

Für wie erpressbar halten Sie den Westen und speziell Deutschland durch Russland?

Russland ist inzwischen dafür bekannt, die Bühne der internationalen Politik für Erpressungen zu benutzen. Auf diesem Weg hat es sich zurückentwickelt zu einem staatlichen Förderer von Terrorismus. Aber ich bin sehr froh, dass die europäischen Länder ihre Augen geöffnet haben und dass speziell Deutschland die richtigen Schritte unternommen hat, um seine Abhängigkeit von russischen Energierohstoffen zu beenden. Und jetzt kehrt die ganze Welt zurück zu einer normalen Sicht auf die Dinge und befreit sich selbst von dieser Art von Abhängigkeit von russischer Energie.

Sind Sie zufrieden mit dem Verlauf des Aufnahmeprozesses der Ukraine in die EU?

Hinter mir sehen Sie zwei Flaggen in meinem Büro, die ukrainische und die europäische. Das bedeutet, dass das Parlament, der Präsident, die Regierung und das ganze ukrainische Volk auf dem Weg der europäischen Integration sind. Wir arbeiten sehr hart an diesem Ziel. Es gibt kein anderes Land, das einen so hohen Preis für die EU-Mitgliedschaft zahlt. Unter der europäischen Fahne sterben Ukrainer seit der Maidan-Revolution von 2014, und sie sterben bis heute, um den russischen Aggressor zurückzuschlagen. Und wegen all dieser Opfer werden wir auch erfolgreich sein im Kampf um die EU-Mitgliedschaft.

Am 24. August feiert die Ukraine ihren Unabhängigkeitstag. Was ist geplant, wird es in Kiew wieder eine Militärparade geben wie im vergangenen Jahr?

Am 24. August wird es auf den Tag genau sechs Monate her sein, dass der Krieg begann. Natürlich werden wir den Tag irgendwie feierlich begehen, aber nicht mit einer Parade. Wir werden eine Siegesparade abhalten, wenn wir den Krieg gewonnen haben.

Der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, kehrt zurück nach Kiew. Wer wird sein Nachfolger?

Die Entscheidung, wer der Nachfolger wird, trifft der Präsident. Das einzige, was ich sagen kann, ist: Der nächste Botschafter wird ein hochqualifizierter und sehr gut ausgebildeter Diplomat sein wird, der unsere Beziehungen auf ein noch höheres Niveau bringen wird.

Von Jan Emendörfer/RND