Abc-Schützen warten nach der Einschulungsfeier einer Grundschule in Mecklenburg-Vorpommern. Quelle: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp

Schulstart und steigende Corona-Zahlen: Mit Ansage ins Chaos

Die Corona-Zahlen steigen, aber die meisten Bundesländer halten stoisch an ihren Plänen fest, nach den Ferien wieder den Regelbetrieb an den Schulen zu starten. Das Vorgehen ist gefährlich und erschreckend kurzsichtig, glaubt unser Kommentator Andreas Niesmann. Wenn es schiefgeht, landen wir schneller wieder im Lockdown, als uns allen lieb ist.

Berlin. Manchmal hilft ja ein Blick in die Vergangenheit, um die Gegenwart besser zu verstehen. Im konkreten Fall muss man das Erinnerungsvermögen gar nicht allzu sehr strapazieren, der relevante Zeitraum liegt gerade einmal fünf Monate zurück. Damals, in der letzten Februarwoche, gab es eine tagelange Diskussion darüber, ob die Internationale Tourismus-Börse ITB in Berlin denn nun stattfinden könne oder nicht. Die Corona-Pandemie wütete zu diesem Zeitpunkt bereits seit Wochen in der chinesischen Provinz Wuhan, auch Deutschland und Europa hatte das Virus längst erreicht. Und trotzdem dachten Bundesregierung, Berliner Senat und der Veranstalter ernsthaft darüber nach, die größte Reisemesse der Welt mit Ausstellern aus 180 Ländern und fast 200.000 Besuchern stattfinden zu lassen. Nur mit Mühe rangen sie sich schließlich zu einer Absage durch.

Wenige Wochen später, als ganz Europa im Lockdown verharrte, als erschütternde Bilder aus den Intensivstationen die Fernsehnachrichten bestimmten und im italienischen Bergamo die Armee die Särge der Toten abtransportierte, wirkte die Diskussion der letzten Februarwoche fast schon surreal.

Es ist verrückt, wie schnell wir Menschen vergessen.

Die Freiheiten des Sommers haben vielerorts zu steigenden Infektionszahlen geführt. Die Marke von 1000 neuen Krankheitsfällen am Tag rückt gefährlich nahe. Der Leichtsinn vieler Zeitgenossen hat zugenommen. Und die Politik hatte die Reiselust der Deutschen sträflich unterschätzt. Die Behörden waren nicht vorbereitet auf all die Urlauber, die auch aus Risikogebieten zurückkehren – und mussten hektisch nachsteuern.

Die Fehler wären vermeidbar gewesen, das wirklich Schlimme aber ist: Sie wiederholen sich gerade. Denn auch die Schulen sind vielerorts nicht vorbereitet auf das, was auf sie zurollt. Angesichts der niedrigen Fallzahlen vor den Sommerferien hatten viele Kultusminister den Eltern, Schülern und Lehrern die Rückkehr des Regelunterrichtes zum neuen Schuljahr versprochen. Nun halten sie stoisch an diesen Plänen fest, obwohl eigentlich offensichtlich ist, dass sie kaum mehr funktionieren werden.

Blauäugigkeit in Berlin

Beispiel Berlin: Volle Betreuung in den Kitas und einen “weitgehenden Normalbetrieb” in den Schulen hat Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) vollmündig angekündigt. Auch Sport-, Musik und Theater-Unterricht soll es wieder geben, und selbst Klassenfahrten dürfen gebucht werden. Zum Schutz von Lehrkräften und Schülern wurde eine Maskenpflicht angeordnet, die allerdings nur in den Pausen und nicht im Unterricht gilt. Mindestabstände, kleinere Klassen, zeitversetzte Lernzeiten? Alles nicht vorgesehen. Was bei neuerlichen Ausbrüchen geschehen soll, weiß ebenfalls niemand. Es gibt keinen Plan B, obwohl Lehrer- und Elternvertreter den dringend fordern.

Nicht überall geht man so blauäugig in das neue Schuljahr wie in der Hauptstadt, aber die meisten Bundesländer richten sich auf einen ganz normalen Schulalltag ein. Warnungen werden ignoriert oder in den Wind geschlagen. Man muss kein Virologe und noch nicht einmal besonders pessimistisch sein, um die These zu wagen, dass die Infektionszahlen mit Beginn des neuen Schuljahres schlagartig in die Höhe schnellen werden. Eigentlich reicht der gesunde Menschenverstand für diese Vorhersage aus.

Es ist vielleicht ein Glück im Unglück, dass ausgerechnet Mecklenburg-Vorpommern an diesem Montag den Anfang macht. Das dünn besiedelte Land im Nordosten ist von der Pandemie weit weniger betroffen als die meisten anderen Bundesländer. Und gleichzeitig hat Mecklenburg-Vorpommern relativ strenge Regeln erlassen. Es soll feste Schülergruppen geben, gestaffelte Unterrichtszeiten, abgegrenzte Pausenbereiche.

Vier tägliche Unterrichtsstunden für Grundschüler und fünf für Schüler weiterführender Schulen will Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) garantieren. Mehr hält sie angesichts der Einschränkungen für nicht machbar. Der Sozialdemokratin wird deshalb von ihrem eigenen Koalitionspartner mangelnder Ehrgeiz vorgeworfen. Aber sie hat recht: Ein vorsichtiger Start ist allemal besser als ein überstürzter.

Wer zu schnell zu viel Normalität will, findet sich am Ende noch schneller im Lockdown wieder. Und damit wäre Schülern, Lehrern und Eltern am allerwenigsten geholfen.

 

Von Andreas Niesmann/RND