Samstag , 24. Oktober 2020
Kann die Partei nicht mehr zusammenhalten: AfD-Senior Alexander Gauland. Quelle: Gregor Fischer/dpa

Die Kapitulation des Alexander Gauland: Die AfD ist nicht mehr zu retten

Wenn die AfD sich mal wieder zerstritt, war es immer Senior Alexander Gauland, der die auseinanderstrebenden Teile hinter sich versammelte. Das ist vorbei, seit er den geschassten Andreas Kalbitz mit allen Mitteln verteidigt. Nun kapituliert Gauland – und sieht seinem Lebenswerk beim Zerfall zu, kommentiert Jan Sternberg.

Berlin. Alexander Gauland ist nicht die AfD, und der Parteisenior weist auch halb geschmeichelt, halb entrüstet von sich, dass dieser schillernde Horrorladen der deutschen Politik sein Lebenswerk sei. Doch der 79-jährige Ehrenvorsitzende verkörpert wie kein anderer die AfD in all ihren Widersprüchen.

Ein Wessi aus dem Osten, der jahrzehntelang als CDU-Mitglied dem Staat diente und später als Herausgeber die Pressefreiheit hochhielt – für den es aber nur ein kurzer Weg war, diese Ordnung und diese Freiheiten mit seinen völkisch-nationalistischen Ziehsöhnen Björn Höcke und Andreas Kalbitz zu bekämpfen.

Wenn die AfD mal wieder zu zerreißen drohte, war es Gauland, der den weiteren Weg vorgab. Hinter ihm versammelten sich (murrend) die Wirtschaftsliberalen ebenso wie die Staatsnationalisten.

Das ist vorbei. Gauland hat seine eigene Position entwertet. Zwei Ereignisse waren dafür ausschlaggebend: Er hat seinen Hof nicht gut bestellt. Der oft unbedarfte Sachse Tino Chrupalla als sein Nachfolger im Parteivorsitz ist zu schwach, um gegen den machtbewussten Jörg Meuthen zu bestehen. Und im Dauerstreit um seinen rechtsextremen Ziehsohn Andreas Kalbitz hat sich Gauland vollständig auf die Seite der Radikalen gestellt.

Zuletzt hat er sehenden Auges den Respekt vor den Institutionen der selbst ernannten “Rechtsstaatspartei” zerschossen. Gauland warf – ebenso wie Höcke – dem Bundesschiedsgericht vor, der Ausschluss von Kalbitz sei “politisch motiviert”. Der Bundesvorstand rügte in einem einstimmig beschlossenen Rundbrief an alle Mitglieder seinen Ehrenvorsitzenden und wies “unsachliche Kritik” am Parteigericht “in aller Deutlichkeit zurück”.

Nun kapituliert Gauland öffentlich: “Ich kann die Partei nicht zusammenhalten, wenn sie sich auf diese Weise auseinanderdividiert”, sagt er im Interview mit der “Welt am Sonntag”. Er befürchtet einen “Zerfall” der Partei. Zerfall, nicht Spaltung. Damit könnte er recht haben. Die verfeindeten Lager der Rechtspartei sind ineinander verbissen und werden die AfD zusammen in den Abgrund treiben. Es werden bleiben: eine ostdeutsche Regionalpartei und verbitterte Splitter im Bund. Und ein Ehrenvorsitzender, der sich schulterzuckend abwendet.

Von Jan Sternberg/RND