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Russlands Präsident Wladimir Putin. Quelle: IMAGO/SNA

„Mit Putin wird es jetzt noch einmal gefährlich“

Ian Robertson, Hochschullehrer und Buchautor („Macht – Wie Erfolge uns verändern“), schlug bereits im Jahr 2014 mit Blick auf den russischen Präsidenten Alarm. In der amerikanischen Fachzeitschrift „Psychology Today“ schrieb er einen Aufsatz unter dem Titel „Die Gefahr, die in Wladimir Putins Gehirn lauert“. Anfang 2022 sagte er gegen die Mehrheitsmeinung in den westlichen Gesellschaften den Einmarsch Russlands in die Ukraine voraus.

Professor Robertson, wie wirkt Putin in diesen Tagen auf Sie?

Aufgekratzt. Wie ein Pokerspieler, der auf seine Karten plötzlich sämtliche Chips setzt und sagt: all in.

Putin bekräftigt seine jüngsten nuklearen Drohungen mit dem Zusatz, er bluffe nicht. Im Westen zucken jetzt viele zusammen …

… und reagieren exakt so, wie er es wollte. Wir sollten uns klarmachen: Putin spielt mit uns, schon die ganze Zeit. Und es ist ein wahrhaft zynisches Spiel. Es geht ihm dabei nicht um das eine oder andere militärische Detail auf dem Schlachtfeld in der Ukraine. Es geht ihm um die generelle Frage, ob wir als westliche Gesellschaften endlich Angst bekommen vor ihm, ob wir die Nerven verlieren angesichts seiner nuklearen Drohungen und seines Energiekriegs gegen den Westen. Es ist das Muster, nach dem der frühere KGB-Chef schon jahrzehntelang innerhalb Russlands vorgegangen ist. Eine von ihm systematisch erzeugte Angst bei allen anderen soll seine eigene Macht wachsen lassen – auf diese Art greift er nun auch über Russland hinaus.

Es geht ihm also um Macht um der Macht willen?

Putin verfolgt keine nachvollziehbaren Grundsätze, keine höheren Prinzipien. Die einzigen beiden Glaubenssätze des gelernten sowjetischen Geheimagenten sind: Der Zweck heiligt die Mittel. Und jede Täuschung ist erlaubt, wenn sie denn der Ausdehnung des eigenen Einflusses dient. Es mag eindimensional klingen, ist aber wahr: Dieser Mann will tatsächlich immer mehr Macht, er kann davon nicht genug bekommen.

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Sie sprechen über den russischen Präsidenten wie über einen Süchtigen.

Der Begriff Sucht trifft es sogar ziemlich gut. Ich könnte Ihnen jetzt einen langen Vortrag halten über die verblüffende Ähnlichkeit messbarer physiologischer Wirkungen auf das Gehirn, wenn Sie das wiederkehrende Berauschtsein durch Macht vergleichen mit einem wiederkehrenden Berauschtsein etwa durch Kokain. Der Aufbau von Gewöhnungseffekten, das stetige Verlangen nach mehr – da gibt es viele frappierende Parallelen.

Kann man jemanden wie Putin durch einen nachgiebigen Kurs zu mehr Milde veranlassen, ihn vielleicht sogar auf einen neuen Kurs bringen?

Nein, im Gegenteil. Wer jetzt nachgibt, macht alles noch schlimmer. Seine Machtansprüche würden noch weiter wachsen. Man muss ein paar unangenehme Wahrheiten über den russischen Präsidenten sacken lassen. Dazu gehört: Dieser Mann ist gewalttätig, er ist und bleibt unberechenbar, und mit ihm wird es jetzt leider noch einmal richtig gefährlich. Erfahrungsgemäß kann man ihn aber bremsen, wenn man ihm eigene militärische Machtmittel vor Augen führt und ihm sagt: bis hierhin und nicht weiter. So kann man ihm Grenzen setzen, die er tatsächlich respektiert. Die Nato hat das bislang ganz gut hinbekommen.

Putin verbringt offenbar viel Zeit in einem Bunker. Hat er insgeheim Angst, selbst getötet zu werden?

Wir sehen bei Putin schon seit vielen Jahren, wie eine zunehmende Härte gegen alle anderen einhergeht mit einer zunehmenden Sorge um sich selbst. Denken Sie an die seltsamen Chemiewolken, mit denen er in der Corona-Zeit Besucher in einem eigens gebauten Tunnel einnebeln ließ, bevor sie zu ihm durften. Oder an den lächerlich langen Tisch, mit dem er Distanz hielt zu womöglich infizierten Staatsgästen. Solche paranoiden Abnormitäten gab es nirgendwo auf der Welt.

Haben Sie dafür eine psychologische Erklärung?

Putin zeigt lehrbuchreif das Bild eines Menschen, der eine viel zu lange Phase in der Position großer Macht nicht verkraftet hat. Seit mehr als zwei Jahrzehnten trifft er niemanden mehr, der ihm jemals widerspricht. So etwas führt in eine ungesunde Isolation, die auch anfangs psychisch intakte Menschen krank machen würde. Die Betroffenen merken es nicht, sie fühlen sich vielleicht sogar großartig in ihrer unumschränkten Herrschafts­position, aber es ist eine Falle, in die sie da getappt sind. Was ihnen Untergebene sagen, hat irgendwann mit der Wahrheit nichts mehr zu tun. Parallel zum Gefühl eigener historischer Größe wächst die Entfernung von den Tatsächlichkeiten. Langfristig droht dann etwas, das vor Jahrhunderten als Cäsarenwahn beschrieben wurde: das komplette Abgleiten eines Herrschers in den Wirklichkeitsverlust.

Gibt es Frühwarnsignale, auf die man achten muss?

Alarmierend wird es immer dann, wenn ein Mächtiger nicht mehr differenziert zwischen sich selbst als Person und dem Staat, dem er dient. Aufpassen muss man auch, wenn sich an höchster Stelle Verachtung für Kontroll­instanzen aller Art breit macht. Putins höhnisches Verhältnis etwa zu freien Medien, freien Parlamenten und unabhängigen Gerichten erschien vielen im Westen anfangs nur als ein Ausdruck russischer Rustikalität. In Wirklichkeit war es ein Zeichen für etwas sehr Bedrohliches. All diese Institutionen sind ja nicht irgendein hübsches Ornament, sondern sie wurden geschaffen, um Demokratien zu festigen und mögliche Entgleisungen der Mächtigen offenlegen und korrigieren zu können.

Man kann also aus der historischen Katastrophe namens Putin immerhin etwas lernen?

Ja, und es ist eine Lektion, die auf der ganzen Welt beachtet werden sollte. Wo immer gewählte Politiker anfangen, rechtsstaatliche Kontrollinstanzen abzubauen und sich selbst mit dem Staat gleichzusetzen, muss es eine demokratische Gegenwehr geben. Am Anfang zerstören solche Typen vielleicht nur Freiheit und Demokratie im eigenen Land. Am Ende aber kann aus Abnormitäten dieser Art eine Gefahr für den Weltfrieden werden.

Herzlichen Dank, Herr Professor Robertson, für dieses Gespräch.

Von Matthias Koch/RND