Mittwoch , 12. August 2020
Wie kann ich helfen? Menschen bilden ein grünes Band der Solidarität. Quelle: Martin Barraud/iStockphoto/Getty Images

Gastbeitrag: Im Dienst an der Gesellschaft

Politiker diskutieren über die Wiedereinführung von Wehrpflicht und Zivildienst – und über eine neue Dienstpflicht für alle. Doch es gibt noch einen dritten Weg: einen Gesellschaftsdienst. Attraktiv ist der allerdings nur, wenn er ordentlich bezahlt und sozial anerkannt wird, schreibt der Zukunftsforscher Daniel Dettling in seinem Gastbeitrag.

Vor bald zehn Jahren wurde die Wehrpflicht ausgesetzt und mit ihr der Zivildienst. Was Liberale und Linke lange gefordert hatten, schaffte der damalige CSU-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg fast im Alleingang und ohne öffentliche Debatte.

Jetzt findet die Debatte statt. Die neue Wehrbeauftragte der Bundeswehr, Eva Högl (SPD), macht sich für die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht stark. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) denkt über eine “allgemeine Dienstpflicht” für junge Männer und Frauen nach. Mehr als zwei Drittel der Deutschen sprechen sich Umfragen zufolge für eine solche Pflicht aus. Dabei gibt es zeitgemäße Alternativen, um Bundeswehr, Blauhelmvereine sowie soziale Berufe attraktiver für junge Menschen zu machen.

Es gibt mehr Nachfrage als Angebot

Von den heute rund 800.000 jungen Erwachsenen eines Jahrgangs sind rund 100.000 freiwillig in sozialen Diensten und bei der Bundeswehr tätig. Die Nachfrage ist größer als das Angebot. Die Freiwilligen, die monatlich 320 bis 390 Euro erhalten, sind überwiegend gut ausgebildete Frauen, mehr als die Hälfte hat Abitur. Jugendliche mit Migrationsgeschichte sind ebenso unterrepräsentiert wie junge Menschen, die in Armut aufwachsen.

Die Befürworter eines sozialen Pflichtjahrs führen vor allem die Bekämpfung des “Pflegenotstands” ins Feld. Von den fünf Millionen Beschäftigten in den sozialen Berufen sind mehr als 80 Prozent Frauen. Ist das die Zukunft des Sozialwesens: weiblich, schlecht bezahlt und mieses Image? Der US-Autor David Graeber schreibt in seinem aktuellen Buch: Rund jeder zweite Job sei ein “Bullshit-Job” – einer, der nicht vermisst wird, wenn er wegfällt. Zu den “vermissten Jobs” hingegen gehören vor allem soziale Berufe, die nicht die Anerkennung bekommen, die sie verdienen.

Die körperlich und seelisch anstrengenden Jobs am Menschen waren bislang schlecht bezahlt und sozial nicht besonders gut angesehen. Dass die Gesellschaft auf diese Tätigkeiten angewiesen ist, hat die Corona-Krise gezeigt. “Systemrelevant” waren plötzlich Krankenschwestern, Pflegende, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Verkäuferinnen – und nicht Piloten und Banker. Schon berichtet etwa das Klinikum Stuttgart von einem neuen Drang zu den Pflegeberufen. Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt, steigende Löhne und neue Wertschätzung führen zu höherer Nachfrage.

Dennoch gehen Deutschland die Kümmerer aus. Das liegt am demografischen Wandel, mehr Ältere müssen versorgt und gepflegt werden. “Care” wird zum Wachstumsmarkt. Fachkräfte im Sozial- und Gesundheitswesen werden dringend gesucht. In den nächsten Jahren fehlen in den Kitas, Schulen und Pflegeheimen Hunderttausende Erzieher, Lehrer und Pfleger.

Die Generation Z legt Wert auf Freizeit und Zeit für Familie und Freunde

Der Sozial- und Gesundheitsbereich weist in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen jedoch eine der geringsten Quoten auf, wenn es um soziales Engagement geht. Das liegt nicht nur an den Jugendlichen, sondern vor allem an einem Mangel an attraktiven Tätigkeiten, die Sinn und Spaß machen. Die Jüngeren wollen anders leben und arbeiten als ihre Eltern. Die sogenannte Generation Z legt Wert auf Freizeit und Zeit für Familie und Freunde. Sie weiß, was Stress und Burn-out aus ihren Eltern gemacht haben. Die coronabedingte Arbeitsmarktkrise wird zwar einige von ihnen in soziale Berufe spülen, ihre Zahl wird aber nicht reichen, um den Notstand zu beheben.

Gleiches gilt für ein Pflichtjahr. Gegen die Einführung eines Zwangsdienstes sprechen Verfassungsgründe und die Europäische Menschenrechtskonvention. Selbst Bundeswehr und Wohlfahrtsverbände halten nichts von der Dienstpflicht.

Jenseits von neuem Pflichtdienst und alter Freiwilligkeit gibt es einen dritten Weg. Einen Weg, der beide Seiten verpflichtet: Politik und junge Bürger. Die Idee: Bund und Länder starten eine gemeinsame Initiative zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Demokratie: “Kümmere Dich!” Ziel ist ein Gesellschaftsdienst, der die bisherigen Dienste bündelt und aufwertet. Bevor man eine Ausbildung oder ein Studium beginnt, kümmert Mann und Frau sich freiwillig – und ordentlich bezahlt. Das Tätigkeitsfeld reicht von Heimen, Schulen und Kitas bis hin zu Parteien, Vereinen und Bundeswehr.

Gut 20 Milliarden Euro würde ein solcher Dienst jährlich kosten, wenn Mindestlohn bezahlt wird und jeder Zweite der 800.000 Jugendlichen mitmacht. Staat und öffentlicher Dienst – und Unternehmen – könnten mit gutem Beispiel vorangehen und das Leisten eines solchen Dienstes zur Voraussetzung machen. Die schnellere Vergabe von Studienplätzen, Stipendien und Jobs im öffentlichen Dienst und in der Wirtschaft könnten an die Bedingung eines solchen Dienstes geknüpft werden. Die “Generation Corona” würde einem attraktiven Gesellschaftsdienst die Türen einrennen.

Wer die künftigen Kümmerer für Kindergärten, Grundschulen, Gesundheit, Pflege oder Demokratie gewinnen will, wird sich mehr einfallen lassen müssen als Zwang und Pflichtrhetorik. Kollektivismus oder Individualismus sind die falschen Alternativen. Es geht um die Kombination von beiden, um einen kooperativen und kreativen Individualismus.

Neuer Gesellschaftsdienst könnte Wende einläuten

Vielleicht hat der Pflichtdienst die heutige Misere der sozialen Berufe und der Bundeswehr erst verursacht? Was nichts kostet, ist bekanntlich nichts wert. Die Dienste für das Gemeinwohl müssen aufgewertet werden – mit mehr Geld, attraktiven Arbeitsbedingungen und besserem Image. Den Wettbewerb um attraktive Konzepte hat die Verteidigungsministerin mit dem neuen Freiwilligendienst “Dein Jahr für Deutschland” jetzt eröffnet.

Ein neuer Gesellschaftsdienst könnte eine Wende in der Arbeitswelt einläuten: eine Welt ohne “Bullshit-Jobs”.

Von Daniel Dettling/RND