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Ein zerstörter russischer Panzer in der Region Charkiw. Quelle: IMAGO/ZUMA Wire

Experten: Putin hat nicht einmal versucht, die Russen auf Krieg und Mobilmachung vorzubereiten

Der Militärexperte Frederick W. Kagan vom US-Thinktank „Institute for the Study of War“ (ISW) in Washington hat in einer Analyse die Auswirkungen von Russlands Mobilmachung dargestellt. Präsident Wladimir Putin hatte in der vergangenen Woche nach mehreren Rückschlägen im Vernichtungskrieg gegen die Ukraine die Mobilisierung von 300.000 russischen Reservisten angekündigt. Nach Einschätzung des ISW-Experten wird dies den Kriegsverlauf jedoch nicht beeinflussen können.

„Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die durch diese Mobilmachung erzeugten Kräfte wesentlich zur Kampfkraft des russischen Militärs beitragen werden“, heißt es in der am Sonntag veröffentlichten Analyse. Putin müsse grundlegende Mängel des russischen Militärpersonals und in den Ausrüstungssystemen beheben, wenn die Mobilmachung einen Effekt haben soll. „Seine bisherigen Handlungen führen eher dazu, Leichen auf das Schlachtfeld zu bringen, als sich mit grundlegenden Fehlern zu befassen.“ Die Mobilisierung werde hässlich, glaubt Kagan. „Die Qualität der Reservisten ist schlecht und ihre Kampfmotivation wohl noch schlechter.“

Seit der Ankündigung der Mobilmachung kommt es in Russland zu einer Massenflucht. An mehreren Grenzen gab es auch am Wochenende kilometerlange Staus, Flugverbindungen sind über Wochen ausgebucht und bei landesweiten Demonstrationen gab es Tausende Festnahmen. In den Medien gibt es Gerüchte, dass der Kreml bald die Grenzen schließen will. „Proteste und Widerstand gegen die unfreiwillige Mobilmachung spiegeln auch Putins wiederholtes Versäumnis wider, seine Bevölkerung auf einen großen Krieg vorzubereiten“, so der ISW-Experte. Er spricht von „Putins Informationsversagen“ und weist darauf hin, dass hochrangige russische Beamte und Kremlsprachrohre sich bis zum Beginn des Kriegs noch lustig über die Idee gemacht hatten, dass Russland in die Ukraine einmarschieren könnte. Offenbar seien selbst die beteiligten Militärangehörigen von dem Angriff überrascht worden, heißt es in der Analyse.

In den vergangenen Jahren hat Russland seine Organisation zur Mobilmachung immer weiter heruntergefahren. Die meisten der Reservisten haben schon lange nicht mehr trainiert. Zwar kündigte Putin an, dass alle ein ausführliches Training erhalten. Doch für eine monatelange Ausbildung der eingezogenen Russen fehlt die Zeit und Tausende Reservisten in der Ukraine zu verheizen, bringt auch keinen russischen Sieg. Auch die Ausstattung für die Reservisten gilt vielerorts als unbrauchbar oder müsste erst einmal instand gesetzt werden.

Für eine großangelegte Mobilmachung fehlen laut Kagan seit mindestens 2008 die Strukturen. Eine schnelle Lösung gebe es nicht. In den vergangenen zwölf Monaten soll Putin mindestens vier Mobilisierungsversuche unternommen haben. Der Pool an verfügbaren und kampfbereiten Reservisten sei daher bereits vor der offiziell ausgerufenen Mobilmachung erschöpft gewesen.

Der letzte Versuch, neue Freiwillige für den Krieg gegen die Ukraine zu rekrutieren, hat nach Einschätzungen des Militärexperten im Juni stattgefunden. „Dies hat eine Reihe von Freiwilligenbataillonen hervorgebracht, von denen einige nun in der Ukraine kämpfen, wenn auch sehr schlecht.“ Bei der nun ausgerufenen Mobilmachung können nur noch Russen eingezogen werden, die sich nicht freiwillig gemeldet und stattdessen deutlich gemacht haben, dass sie nicht kämpfen wollen.

In den vergangenen Wochen hatten die russischen Streitkräfte in der Ukraine immer neue Rückschläge hinnehmen müssen. Im Osten konnte die ukrainische Armee im Gebiet Charkiw große Teile der Region zurückgewinnen. Im Süden gibt es Angriffe in Cherson, die zur Rückeroberung einiger von Russland besetzten Gebiete geführt haben. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert bereits seit mehr als sieben Monaten an.

Von Sven Christian Schulz/RND