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Im Osten der Ukraine dauern die Kämpfe an (Symbolbild). Quelle: Leo Correa/AP/dpa

Neue Erfolge der Ukraine: Russische Truppen schon wieder ausgetrickst?

In der Ostukraine zeichnet sich ein neuer Vorstoß der ukrainischen Streitkräfte bei der Rückeroberung des Donbass ab. Die Ukraine versucht an ihre jüngsten Erfolge in Charkiw anzuknüpfen und im Norden der Region Donezk die Stadt Lyman einzunehmen. „Es gibt Meldungen von größeren Durchbrüchen nördlich von Lyman“, sagt Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR). Im direkten Umfeld der Stadt gebe es Angriffe und Gegenattacken, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Trotz der Durchbrüche habe Russland seine Kräfte in Lyman verstärkt, so Gressel. Er sieht darin ein vielfach beobachtetes Phänomen dieses Krieges, dass die russische Militärführung viel zu spät reagiert und zu spät Kräfte umdirigiert, Kampfpläne oft noch viel länger weiterverfolgt.

Fortschritte der ukrainischen Armee zeichnen sich auch am Fluss Oskil ab. Dort setze die Ukraine ihre Offensive östlich der Staumauer fort und die russischen Verteidigungslinien drohen zusammenzubrechen. „Diese Angriffe binden russische Kräfte“, sagt Gressel. Ein erschwerender Faktor seien die vielen Partisanenangriffe in den von Russland besetzten Gebieten der Ostukraine. „Man will verhindern, dass die Russen eine organisierte Verteidigungslinie ausbauen“, sagt der Militärexperte und erklärt: „Ukrainische Spezialkräfte im Hinterland versuchen die Russen mit Hinterhalten und vorgetäuschten Angriffen zu stoppen.“ Einige Meldungen über tiefe Vorstöße der Ukraine würden sich daher nachträglich als Partisanenangriffe entpuppen und machten es schwer, die Situation zu beurteilen. Unabhängig bestätigen lassen sich die Berichte von der Front nicht.

Die ukrainischen Streitkräfte könnten nun bis nach Swatowe vorrücken und die russischen Soldaten in Lyman einkesseln. Wenn die jüngsten Meldungen zu den Kämpfen bei Lyman und dem Zusammenbruch der russischen Linien östlich des Oskil stimmen, sei dies „die nächste massive Niederlage für die Russische Föderation“, beurteilt der Militärexperte Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr München die Situation.

Laut Gressel verhindere das schlechte Wetter aber einen schnellen Vormarsch der Ukraine in dem sumpfigen Gebiet rund um Lyman. Die Ukraine setze Pontonbrücken ein, dennoch bleibe es ein schwieriges Terrain für eine Gegenoffensive. Laut dem Lagebericht des US-Thinktanks Institute for the Study of War (ISW) erfolgen die ukrainischen Vorstöße „größtenteils entlang bestehender Straßen nach Osten“. Dies mache es Russland einfacher, sich auf die Verteidigung bestimmter Gebiete zu fokussieren.

Eine weitere Gegenoffensive zeichnet sich in der Region Saporischschja ab. Dort führen ukrainische Truppen laut ISW immer wieder Angriffe durch, während Russland einzelne Städte aus der Luft bombardiert. „Russische Besatzungsbeamte behaupteten, ukrainische Streitkräfte hätten die russische Verteidigung im westlichen Gebiet Saporischschja durchbrochen“, so die ISW-Experten. Laut Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer könnten die Ukrainer in einer Offensive bis Melitopol vorstoßen.

„Die ukrainischen Streitkräfte versuchen, auf der Erfolgswelle weitere Eroberungen zu verbuchen, und der Vorstoß in Richtung Melitopol ist sehr verlockend, weil die Landbrücke zur Krim unterbrochen wäre“, sagte Reisner. Er beobachtet, dass die Ukraine in Saporischschja Kräfte zusammenzieht, mit denen sie in Richtung Süden vorstoßen könnte. Dann wären die von Russland besetzten Gebiete geteilt, in einen Ostbereich mit dem Donbass und einen Westsüdbereich mit Saporischschja, Cherson und der Krim. „Wenn dieser Vorstoß gelingt, könnte die Ukraine die Brücke zur Krim angreifen und die russischen Truppen dort von der Versorgung abschneiden.“

Aus Reisners Sicht könnte es in Saporischschja zu einer ähnlichen Situation wie in Charkiw kommen: „Die Ukraine erzielt einen Durchbruch und es entsteht eine Eigendynamik, bei der russische Soldaten flüchten.“ Doch sicher sei dieser Fall keineswegs. Die Offensive könne auch an der ersten Verteidigungslinie scheitern.

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Von Sven Christian Schulz/RND