Samstag , 3. Dezember 2022
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Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 und der Übernahmestation der Ferngasleitung OPAL (Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung) in Lubmin. (Archivbild) Quelle: Stefan Sauer/dpa

Plötzlicher Druckabfall bei Nord-Stream-Röhren: Sind Anschläge und Sabotage die Gründe?

Lubmin. Innerhalb von 24 Stunden haben beide derzeit ohnehin ungenutzten deutsch-russischen Ostsee-Gaspipelines – Nord Stream 1 und 2 – Druckprobleme gemeldet. Das Kontrollzentrum habe einen Druckabfall in beiden Röhren der Nord-Stream-1-Pipeline festgestellt, teilte der Betreiber am Montagabend mit. Demnach sank die Kapazität der Pipeline ungeplant auf null. Die Ursache werde untersucht.

Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) und Bundesnetzagentur teilten übereinstimmend mit, man stehe miteinander und mit den betroffenen Behörden im Austausch, um den Sachverhalt aufzuklären. „Aktuell kennen wir die Ursachen für den Druckabfall nicht“, hieß es zu den Problemen an Nord Stream 1. Vermutet wird aber offenbar Sabotage als wahrscheinliche Ursache.

„Unsere Fantasie gibt kein Szenario mehr her, das kein gezielter Anschlag ist“

Laut Informationen des „Tagesspiegels“ ist vor allem die zeitliche Abfolge der Defekte an den Pipelines Grund für diese Annahme. „Unsere Fantasie gibt kein Szenario mehr her, das kein gezielter Anschlag ist“, zitiert das Blatt eine anonyme Quelle aus Kreisen von Bundesregierung und Bundesbehörden. Demnach spreche alles gegen einen Zufall.

Bis „forensische Ergebnissen“ vorliegen, werde allerdings noch einiges an Zeit verstreichen, da zunächst der Meeresboden erreicht werden müsse. Sollte es sich tatsächlich um Anschlag auf dem Meeresboden handeln, sei alles andere als trivial, schreibt die Tageszeitung weiter. Denn eine solche Operation benötige den Einsatz von Spezialkräften, wie etwa Marinetauchern, oder aber eines U-Boots.

Laut dem Bericht werden derzeit zwei mögliche Urheber der mutmaßlichen Anschläge erörtert. Demnach könnte es sich um die Tat „ ukrainischer oder mit der Ukraine verbundener Kräfte“ handeln. Sollten die Pipelines außer Betrieb bleiben, könnte Russland ausschließlich Gas über die Ukraine und Polen nach Deutschland und Zentraleuropa liefern.

Als zweite Option gelte eine „False Flag“-Aktion Russlands: Probleme an den Ostseeröhren könnten einerseits die Gaspreise weiter in die Höhe treiben, andererseits jedoch auch das ohnehin schon von der Energiekrise verunsicherte Europa weiter nervös machen. Zuletzt war der Gaspreis auf den niedrigsten Stand seit Ende Juli gesunken.

Russland schloss Sabotage oder andere Gründe nicht aus. „Jetzt kann keine Variante ausgeschlossen werden“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag auf die Frage, ob Sabotage der Grund sein könne für den Druckabfall. „Offensichtlich gibt es eine Zerstörung der Leitung. Und was der Grund dafür ist – da kann man bis zu dem Zeitpunkt, bis die Ergebnisse der Untersuchungen auftauchen, keine Variante ausschließen“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der russischen Nachrichtenagentur Interfax zufolge.

Der Kreml sei „äußerst beunruhigt“ über den Druckabfall in den Ostseepipelines Nord Stream 1 und 2. Die Nachrichten seien alarmierend. Die Schäden an den Leitungen müssten untersucht werden. „Das ist eine absolut nie dagewesene Situation, die einer schnellen Aufklärung bedarf“, sagte Pesko

Gaslecks nahe Bornholm

Nachdem die Nord Stream 2 AG in der Nacht zuvor nach ähnlichen Problemen an einer Röhre bereits alle Marinebehörden der Ostsee-Anrainer informiert hatte, wurde im Verlauf des Montags die wahrscheinliche Ursache ausfindig gemacht: Südöstlich der Insel Bornholm sei ein Gasleck beobachtet worden, hieß es in einem Hinweis der zuständigen dänischen Behörde. Das Leck sei gefährlich für die Schifffahrt und das Fahren innerhalb eines Bereichs von fünf Seemeilen von der besagten Position verboten.

Später folgte ein weiterer Warnhinweis der dänischen Schifffahrtsbehörde, dieses Mal zu einem Gasleck nordöstlich von Bornholm. Auch hier wurde auf die Gefahr für den Schiffsverkehr hingewiesen und ein Fahrverbot für einen Radius von fünf Seemeilen ausgesprochen. Am Dienstagvormittag dann wurde ein zweites Gasleck an der Pipeline Nord Stream 1 gemeldet, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Verweis auf eine Aussage schwedischer Behörden. „Es gibt zwei Lecks an Nord Stream 1 – eines in der schwedischen Wirtschaftszone und eines in der dänischen Wirtschaftszone. Sie sind sehr nah beieinander“, wird ein Sprecher der schwedischen Seefahrtsbehörde zitiert. Beide Lecks liegen demnach nordöstlich von Bornholm.

Auch die dänische Energiebehörde bestätigte insgesamt drei Lecks an den beiden Nord-Stream-Pipelines. Wegen der Zwischenfälle bat die Behörde das staatliche Unternehmen Energinet, im Hinblick auf die Sicherheit ihrer Anlagen besonders aufmerksam zu sein. Brüche in Gasleitungen kämen höchst selten vor, weshalb man Gründe dafür sehe, das sogenannte Bereitschaftsniveau im Gas- und Stromsektor auf die zweithöchste Stufe „orange“ anzuheben, schrieb die Energiebehörde. Energinet ist in Dänemark für den Gesamtbetrieb des Strom- und Gassystems verantwortlich. Da keine der Pipelines in Betrieb gewesen sei, habe keiner der Vorfälle derzeit eine Bedeutung für die Gasversorgung in Europa und Dänemark. Es sei zu früh, um etwas über die Ursachen zu sagen.

Trotz des zweiten Vorfalls innerhalb kurzer Zeit sahen BMWK und Netzagentur am Abend keine Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit in Deutschland: „Es fließt seit dem russischen Stopp der Lieferungen Anfang September kein Gas mehr durch Nord Stream 1. Die Speicherstände steigen dennoch weiter kontinuierlich an. Sie liegen aktuell bei rund 91 Prozent.“

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Wohl keine unmittelbaren Gefahren für die Umwelt

Auch Umweltgefahren wegen des Lecks bei Bornholm drohen aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe (DUH) zumindest kurzfristig nicht. Der Organisation zufolge entspreche Erdgas dem Treibhausgas Methan, welches sich teilweise im Wasser löse und nicht giftig sei. Selbst im Falle einer Explosion unter Wasser gäbe es nur lokale Effekte, so ein Sprecher. Schädlich ist Methan vor allem für das Klima.

Im schlimmsten Fall könnte eine große Menge an Gas austreten, vor allem falls auch der Druckabfall in der Nord-Stream-1-Leitung auf einen Schaden an der Leitung selbst zurückzuführen ist.

Nord-Stream-2-Sprecher Ulrich Lissek befürchtet bereits, dass die mit 177 Millionen Kubikmeter Gas gefüllte Pipeline in den kommenden Tagen leerlaufen könnte. Zum Vergleich: Das Volumen der gesamten jährlichen Trinkwasserentnahme aus dem Bodensee entspricht laut der Bodensee-Wasserversorgung 130 Millionen Kubikmeter. Wäre der mit 48 Milliarden Kubikmeter Wasser gefüllte See ein Gassee, entspräche dies zudem ungefähr den 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas, das jährlich durch beide Röhren von Nord Stream 2 hätte fließen sollen.

Bereits seit Anfang September läuft kein Gas mehr durch Nord Stream 1

Während die Nord-Stream-2-Pipeline nach ihrer Fertigstellung aufgrund des russischen Angriffskriegs in der Ukraine nie in Betrieb genommen wurde, sondern nur einmalig mit Gas befüllt wurde, floss durch die Nord Stream 1-Pipeline bis Anfang September Gas nach Deutschland. Nachdem der russische Staatskonzern Gazprom seine Lieferungen durch die Röhre bereits zuvor reduziert hatte, stoppte er diese mit dem Verweis auf einen Ölaustritt in der Kompressorstation Portowaja komplett.

Doch nicht nur der bisherige Gasfluss wird durch den Krieg in der Ukraine beeinflusst. Wegen der Sanktionen gegen Russland sieht die Nord Stream 2 AG ihre Fähigkeiten zur Ursachenforschung eingeschränkt: Man stehe unter Sanktionen, verfüge kaum noch über Personal, und Gelder seien eingefroren, sagte der Sprecher. „Die Behörden sind alle informiert.“ In Lubmin, dem Ort, in dem die Pipeline in Deutschland anlandet, ist nach Wissen Lisseks kein Personal der Nord Stream 2 AG. Man könne auch keine Aufträge erteilen, da man diese nicht bezahlen könne, und müsse schauen, woher man nun Informationen erhalte, hieß es weiter.

Schon kurz vor dem russischen Überfall auf die Ukraine hatten die USA Sanktionen gegen die Nord Stream 2 AG verhängt und alle Geschäfte mit dem Unternehmen mit Sitz in der Schweiz unmöglich gemacht. Erst kürzlich konnte ein drohender Konkurs erneut abgewendet werden.

RND/sic/dpa