Donnerstag , 1. Dezember 2022
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Hinter einer Absperrung markieren Kreuze die Gräber von getöteten Einwohnern in Isjum. Quelle: -/Ukrinform/dpa

Neue Massengräber in Charkiw: Gräueltaten auf stillgelegter Geflügelfabrik befürchtet

Nachdem bereits vor wenigen Tagen Hunderte Gräber in einem Waldstück bei Isjum (Region Charkiw) gefunden worden waren, sind nun in der gleichen Region weitere Massengräber entdeckt worden. Behörden und Soldaten sprachen von bis zu hundert Leichen in dem Ort Kosatscha Lopan, der sich nahe der russischen Grenze befindet.

Die Massengräber befinden sich laut Armeeangaben auf dem Gelände einer stillgelegten Geflügelfabrik, auf dem russische Streitkräfte ihre Stellungen gehabt haben sollen. Auch einen weiteren Folterraum habe die Polizei gefunden, berichten ukrainische Medien.

Die Russen sollen „einige Häftlinge während der Flucht mitgenommen haben, um keine Spuren ihrer Verbrechen zu hinterlassen“, erklärte der Chef der ukrainischen Polizei, Ihor Klymenko, bei Facebook. Wenn das Gebiet von Minen und Sprengstoff befreit wurde, sollen die Leichen exhumiert werden. Die Ermittler befürchten, dass weitere Gräueltaten ans Tageslicht kommen.

Das Gelände wird laut der Nachrichtenagentur AP nun von Soldaten bewacht. Sie erwarten, in den Gräbern die Leichen russischer und ukrainischer Soldaten sowie Zivilisten aus dem Ort zu finden.

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Zwei weitere Massengräber wurden nach Angaben von Polizeichef Klymenko ebenfalls in der Region Charkiw entdeckt. Zum genauen Ort macht er keine näheren Angaben. In ukrainischen Medien heißt es, dass sich eines der Massengräber offenbar in Woltschansk befindet. Die Stadt liegt drei Kilometer von der russischen Grenze entfernt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte in einem Interview im US-Sender CBS den Fund weiterer Massengräber. „Heute habe ich weitere Informationen erhalten. (…) Sie fanden zwei weitere Massengräber, große Gräber mit Hunderten von Menschen“, so Selenskyj. Er betonte, dass es sich wie auch bei Isjum um sehr kleine Städte handelt, in denen offenbar so viele Menschen getötet wurden.

Russland führt seit mehr als sieben Monaten einen brutalen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine. Zuletzt mussten die russischen Streitkräfte jedoch immer wieder Rückschläge hinnehmen: Der Ukraine gelang die Rückeroberung größerer Gebiete im Raum Charkiw und kleinerer Teile im Süden des Landes. Nach dem Rückzug der russischen Truppen werden immer mehr Erkenntnisse über die Gräueltaten Russlands in den über Wochen und Monaten besetzten Gebieten öffentlich. Schon lange gibt es Belege, dass Kriegsverbrechen begangen wurden.

Ob russische Soldaten oder Russlands Präsident Wladimir Putin zur Rechenschaft gezogen werden können, ist jedoch unklar. Die Ukraine möchte die Fälle vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen und Putin vor ein internationales Tribunal stellen. Die Ermittlungen laufen bereits.

Von Sven Christian Schulz/RND