Sonntag , 4. Dezember 2022
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Verkündeten am Donnerstag in Berlin die Ansiedlung zweier Großforschungsprojekte in Ostdeutschland: Michael Kretschmer (CDU, von links), Ministerpräsident von Sachsen, Bettina Stark-Watzinger (FDP), Bundesministerin für Bildung und Forschung, und Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

Kohleausstieg: Ostdeutschland erhält zwei milliardenschwere Forschungszentren

Berlin. Als Kompensation für den Ausstieg aus der Braunkohle bis spätestens 2038 erhalten Sachsen und Sachsen-Anhalt zwei hochmoderne Großforschungszentren, die Spitzenergebnisse mit nationaler und europäischer Ausstrahlung abliefern sollen. Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) sprach von „Meilensteinen“, als sie die Projekte am Donnerstag in Berlin gemeinsam mit den Ministerpräsidenten der beiden Bundesländer; Michael Kretschmer (CDU, Sachsen) und Reiner Haseloff (CDU) vorstellte.

In der Region Leuna-Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) entsteht ein Zentrum für Transformation in der Chemieindustrie (CTC), wobei die Zentrale im benachbarten sächsischen Delitzsch bei Leipzig in einer ehemaligen Zuckerfabrik aus der Gründerzeit angesiedelt wird. Hier geht es um die Entwicklung von neuen Produkten und neuen Verfahren in der chemischen Industrie, die in den umliegenden Chemieunternehmen erprobt und produktionsfähig gemacht werden sollen.

In der Lausitz-Region nahe der polnischen Grenze entsteht das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA), das nach den Worten von Stark-Watzinger dazu dienen wird, mithilfe modernster Technik „das Weltall zu verstehen“ und in dem unter anderem Datenströme von Großteleskopen gebündelt und ausgewertet werden.

Neben einer Forschungszentrale in Görlitz wird es ein unterirdisches Labor geben, das in Ralbitz-Rosenthal (Landkreis Bautzen) in einem 200 Meter mächtigen Granitblock entstehen soll, wovon Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) besonders schwärmt. „Dieses hochmoderne Untergrundlabor wird Forschungen ohne den Einfluss von Strahlungen oder Vibrationen ermöglichen“, sagte Kretschmer. Das sei besonders interessant in der Sensortechnik und Mikroelektronik.

Milliardeninvestitionen

Bund und Länder investieren an beiden Standorten jeweils rund 1,2 Milliarden Euro. Das Geld kommt aus dem insgesamt 40 Milliarden Euro umfassenden Strukturförderfonds, den der Bund zur Finanzierung des Ausstiegs aus der Kohleverstromung aufgelegt hat. Sachsen erhält davon 10 Milliarden und gibt davon jetzt 2 Milliarden für die beiden Forschungszentren, der Rest kommt von Sachsen-Anhalt.

Stark-Watzinger rechnet mit einer Aufbauphase von drei bis sechs Jahren, und auch Kretschmer sagte, man bräuchte einen langen Atem und Geduld, bis die Projekte in den Regionen Früchte tragen. Deshalb halte Sachsen auch am Kohleausstieg bis 2038 fest. Die Ampelregierung peilt in ihrem Koalitionsvertrag einen Ausstieg „idealerweise schon 2030“ an.

Die Forschungsministerin räumte auf Nachfrage dann auch ein, dass sich wohl schon aufgrund der allgemeinen Energiekrise durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine das Datum 2030 wohl nicht werde halten lassen. Der wissenschaftliche Teil der Strukturförderung sei ohnehin langfristig angelegt, darüber hinaus gebe es Projekte, die in den Regionen schneller wirken und den Kohleausstieg begleiten würden.

Schnelle Wirkung

Haseloff sagte, die Projekte würden im mitteldeutschen Chemiedreieck schon jetzt nach der Verkündung ihre Wirkung entfalten, weil damit das klare Signal verbunden sei, dass die Bundesrepublik auch künftig auf die Chemieindustrie setzt und nicht wegen der „größten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg“ einen generellen Rückzieher mache. „Die Chemie ist eine Leitbranche in Sachsen-Anhalt, die 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet“, betonte Haseloff.

Die beiden Großforschungsprojekte haben sich im Rahmen eines 2020 gestarteten internationalen Ideenwettbewerbs herauskristallisiert, in dem von 100 Anträgen sechs Vorschläge in die engere Auswahl kamen, über die dann am Ende eine Jury entschied. „Die beiden Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie von Anfang an den Transfer von wissenschaftlicher Forschung in ökonomische Anwendung mitgedacht haben“, sagte Prof. Uwe Cantner, Vorsitzender der Expertenkommission „Forschung und Innovation“, die das Auswahlverfahren begleitet hat.

Leider liege Deutschland in der Frage, dass wissenschaftliche Akteure auch unternehmerisch denken, weltweit nicht gerade vorn, was sich mit diesen Projekten aber ändern könnte.

Langfristig sollen an den beiden Standorten jeweils 1000 bis 1500 Arbeitsplätze entstehen. Kretschmer stellte in diesem Zusammenhang die gute Erreichbarkeit Leipzigs heraus: „In einer Stunde und 15 Minuten ist man mit dem ICE vom Berliner Hauptbahnhof dort“, sagte der sächsische Ministerpräsident und kündigte auch für Görlitz perspektivisch eine neue „Schnellzugverbindung“ an, mit der man dann von der Hauptstadt auch dorthin nur noch 1,5 Stunden benötigen würde.

Von Jan Emendörfer/RND