Sonntag , 4. Dezember 2022
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Im Bundesstaat Mato Grosso, dem Land der Cowboys im Westen Brasiliens, ist Präsident Jair Bolsonaro besonders beliebt. Quelle: Andre Vieira

Wahl in Brasilien: Im Land der Cowboys unterstützen sie Bolsonaro

Campo Novo dos Parecis. Die Straßen, auf denen sich Tausende Laster sogar sonntags ein Rennen liefern, gehen durch ein Land, dessen Felder sich bis zum Horizont erstrecken. Seine Erde ist so fruchtbar, das Klima so günstig, dass im Mato Grosso in Brasiliens Westen zweimal im Jahr Soja, Mais oder Baumwolle geerntet werden. Die Laster bringen die Ernte nach Santarem. Aus dem Hafen gehen Bohnen, Korn und Wolle hinaus in die Welt.

In Campo Novo dos Parecis, wo viele Laster ihre Fahrt beginnen, sind am ersten Kreisverkehr große Buchstaben in den Boden gerammt. Sie verkünden den Besuchern, dass die Stadt ein Terra de Oportunidades sei, ein Land der Möglichkeiten. „Als meine Eltern 1974 hierherkamen, gab es nichts. Wir schliefen die ersten drei Jahre unter einer Zeltplane, dann baute mein Vater ein einfaches Haus“, sagt Toninho Brolio. Der 49-Jährige baut auf Tausenden Hektar Soja an und war einmal stellvertretender Bürgermeister. Er ist stolz auf seine Stadt, die heute 50.000 Einwohner zählt und immer noch wächst. An ihren Rändern führen frisch geteerte Straßen an Parzellen vorbei, die von einer Immobilienagentur vermarktet werden. Der Quadratmeter kostete vor zwei Jahren 150, heute 280 Real. Im Stadtzentrum gibt es sogar schon ein 15 Stockwerke hohes Hochhaus, ein zweites wird gerade gebaut.

Mato Grosso wächst

Städte wie Campo Novo dos Parecis, die jedes Jahr Einwohner gewinnen, gibt es viele im Mato Grosso. Der Bundesstaat hatte die vergangenen zehn Jahre Wachstumsraten wie China, während der Rest Brasiliens von einer wirtschaftlichen Krise in die nächste taumelte. Er ist einer der weltweit größten Erzeuger von Soja und Fleisch, zwei der wichtigsten Exportprodukte Brasiliens. Das ist wegen der Rodung von Regenwald ein Problem für die Umwelt nicht nur Brasiliens, sondern der Welt. Aber ob es den Menschen in den USA oder Europa gefällt oder nicht: Farmer wie Toninho Brolio sind der Motor der brasilianischen Wirtschaft. Und derjenige, der diesen Motor am Laufen hält, ist in ihren Augen Präsident Jair Bolsonaro.

Bei den vergangenen Wahlen gewann der rechte Populist im Mato Grosso die meisten Stimmen. Seitdem schüttelt die Welt den Kopf über den vor Jahrzehnten unehrenhaft entlassenen Armeeoffizier, der gerne – wie sein ehemaliger US-Kollege Donald Trump – nationalistische Ideen propagiert, rassistische Vorurteile pflegt und sexistische Sprüche klopft. Der Schutz des Regenwaldes ist Bolsonaro egal. In seiner Amtszeit wurden Umweltschutzbehörden kaputtgespart und Umweltstraftaten kaum verfolgt. Internationalen Protesten zum Trotz war die Abholzung im Amazonas so massiv wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Auch wenn er in den landesweiten Umfragen hinter seinem Herausforderer Luiz Inácio da Silva, besser bekannt als „Lula“, der Brasilien von 2003 bis 2010 regierte, zurückliegt: Im Land der endlosen Sojafelder glauben sie an seinen Sieg. Hier, wo sie gerne Pick-up-Trucks fahren und Cowboyhüte tragen, verfangen Bolsonaros Reden von der Liebe zu Gott, der Familie und der Freiheit, die vor dem Staat geschützt werden muss, besonders gut.

Nicht nur im Modegeschmack und dem Misstrauen gegenüber dem Staat ähneln die Menschen im Westen Brasiliens den Wählern Donald Trumps im Westen der USA. Sie teilen auch die Liebe zum Rodeo. Toninho Brolio ist deshalb am Abend in der Arena, wenn der Maior Circuito de Rodeio do Mundo, der beste Rodeozirkus der Welt, zu Gast ist.

Auf den Stahlrohrtribünen drängeln sich die Besucher, aus den Boxen wummert Countrymusik, während auf zwei großen Bildschirmen Werbeclips für Saatgut, Düngemittel und Traktoren laufen. Bevor die Cowboys auf den Rücken der Stiere steigen, wird Toninho Brolio vom Moderator in der Manege begrüßt, er winkt zu allen Seiten. Der Farmer hat neben seiner Rodeoleidenschaft einen weiteren Grund hier zu sein: Er macht Wahlkampf, denn er kandidiert für das Parlament in Cuiabá.

Außer den Präsidentschaftswahlen finden am 2. Oktober auch Wahlen in den Bundesstaaten statt. Auf seinem Pick-up ist ein Plakat abgebildet, das ihn im blauen Hemd, mit bravem Seitenscheitel und Pausbacken neben Jair Bolsonaro zeigt.

Farmer unterstützen Bolsonaro

„Die Farmer im Mato Grosso unterstützen Jair Bolsonaro, weil er ihre Interessen vertritt“, sagt Toninho Brolio. Er sei nicht nur auf der Seite der globalen Player im Sojageschäft wie der Amaggi-Gruppe (dem weltweit größten Produzenten von Soja), sondern er setze sich auch für die Belange der ganz normalen Farmer ein. „Er unterstützt unsere Pläne für eine Eisenbahnlinie nach Santarem, um die Laster von der Straße zu bekommen. Andere Regierungen haben das nicht getan.“

Darüber hinaus spricht Jair Bolsonaro aber auch den Stolz der Menschen im Mato Grosso an. Sie haben sich aus dem Nichts etwas aufgebaut. Sie sind es leid, dafür von der Welt angeklagt zu werden. Wenn man durch das Land reist, hört man immer wieder einen Satz: „Wir wissen, dass wir in Europa die Bösen sind, aber unsere Produkte kauft ihr trotzdem.“

Am nächsten Tag, ein paar Kilometer vor der Stadt, ziehen Erntemaschinen ihre Streifen durch ein Zuckerrohrfeld. Sie schneiden die hohen Stangen ab und häckseln sie klein. Wenn ihre Anhänger voll sind, steuern sie einen Truck an, in dem sie ihre Fracht abladen. „Der Laschter, der konn hundert Tonn ziehn“, sagt Eladio Antonio Both, 45, in einem sanften, altertümlichen deutschen Dialekt. Seine Vorfahren sind im 19. Jahrhundert aus dem Hunsrück nach Brasilien ausgewandert. Sein Vater betreibt in Rio Grande do Sul eine Milchfarm, auf 18 Hektar. Die Kooperative, für die Eladio als Sicherheitschef arbeitet, ist 200.000 Hektar groß. Allein 35.000 sind mit Zuckerrohr bepflanzt, das in einer nahegelegenen Anlage zu Ethanol verarbeitet wird. Er spricht mit den Arbeitern, die in einem Bauwagen am Rand der Felder Mittagspause machen, über die Erntemaschine, die das erste Mal im Einsatz ist.

Eladio Antonio Both ist vor 20 Jahren nach Campo Novo dos Parecis gekommen. Er hat hier seine Frau kennengelernt, hier gehen seine Kinder zur Schule und hier ist er in der Freiwilligen Feuerwehr. Auch bei der Arbeit trägt er ihre rote Schirmmütze. „Das isch mei Heimat geworn“, sagt er lächelnd. Aus der will er nicht mehr weg, um etwa weiter im Norden des Amazonas seine eigene Farm aufzubauen. Das sei nicht mehr so leicht wie früher, schließlich gebe es Gesetze, die festlegten, wie viel Hektar Wald man roden darf. Das sei auch richtig, denn der illegale Einschlag vor allem in Wäldern, die dem Staat gehören, schade dem Bild der Landwirtschaft.

Eladio Antonio Both glaubt, dass das Agrarbusiness in Brasilien trotzdem weiter wachsen wird – aber durch neue Technik, nicht durch Abholzung. Auch deshalb studiert er seit zwei Jahren im Fernstudium Agrarwissenschaften.

Und wen wird er wählen? „Also isch werd de Toninho wähle. Er isch einer von uns.“ Und bei den Präsidentschaftswahlen? Eladio bläst die Backen auf: „Puh...“ Wahrscheinlich Bolsonaro, sagt er nach einer Weile. Aber er denke auch daran, dass sein Vater Lula wählen wird, weil der in seiner ersten Amtszeit viele Menschen aus der Armut geholt habe. „Da konnt de arme Leut sogar das erscht Mal fliege. Unsre Land isch so groß, da isch das Fliege scho was.“

Drei Stunden Fahrt von Campo Novo dos Parecis entfernt liegt Tangará da Serra, eine Stadt, in der 100.000 Menschen leben, auch wenn es sie erst seit 1976 gibt. Dort vor einem großen Haus in einer breiten Straße parken viele Autos mit brasilianischen Flaggen am Seitenspiegel und Bolsonaro-Postern in den Heckscheiben.

Kandidat mit Gartenzwerg

Im Garten des Hauses stehen Zwerge mit roten Zipfelmützen und strahlen gut gelaunt um die Wette. Haus, Garten und Zwerge gehören Vanderlei Reck Júnior, 41, der einmal als Rennfahrer auf dem Sprung in die Formel 1 war und heute ein erfolgreicher Sojafarmer ist. Auch er kandidiert wie Toninho Brolio für Mato Grossos Parlament. Auf der Terrasse seines Hauses herrscht Gedränge. Seine Unterstützer decken sich dort mit Flyern und Postern ein, um dann in den Straßenwahlkampf zu ziehen.

„Bitte hier entlang.“ Zum Gespräch führt Vanderlei Reck Júnior durch den Garten zu schweren weißen Eisenstühlen unter Palmen. Eigentlich hat er wenig Zeit, aber angesprochen auf seine Rennfahrerkarriere schwärmt der Mann in Jeans und Poloshirt lange von deutschen Autos. „Mercedes und Porsche. Weltklasse.“

Was will er als Politiker erreichen? „Ich will mich für den Bau der Eisenbahn nach Santarem einsetzen und ich will mich darum bemühen, den Transport unseres Sojas über Flüsse wie den Parana zu ermöglichen.“ Die Lage auf den Straßen müsse verbessert werden. Unbedingt. Dafür habe sich auch Jair Bolsonaro eingesetzt. Er kümmere sich um die Bedürfnisse der Menschen im Mato Grosso. Vanderlei Reck Júnior unterstreicht seine Sätze, indem er auf den Tisch klopft. Dabei wippt ein Holzkreuz an seiner Handkette.

Hat er Pläne für den Schutz des Waldes? Der Wald werde bereits geschützt. Es gebe Gesetze. Im Mato Grosso werde auf 8 Prozent Landwirtschaft betrieben. Auf 16 Prozent stünden Rinder auf der Weide. „Das sind zusammen 24 Prozent. Wie viel Fläche wird in Deutschland landwirtschaftlich genutzt?“, fragt Vanderlei Reck Júnior und lächelt. „Ich weiß es. Es sind knapp 50 Prozent. In Frankreich sogar noch ein bisschen mehr.“ Tatsächlich sind es in Deutschland 50,3 Prozent und in Frankreich 52 Prozent.

Aber was folgt für ihn daraus? Vanderlei Reck Júnior antwortet freundlich, aber bestimmt: „Es wäre schön, wenn die Europäer sich mit klugen Ratschlägen zurückhalten könnten. Auch wir wollen unser Land entwickeln – wie Sie es getan haben.“

Die Recherche für diesen Text wurde unterstützt durch ein ­Stipendium des Pulitzer-Centers in Washington.

Von Tobias Asmuth/RND